Musiker Andrej Hermlin

"Meine Sprache ist die Sprache von Benny Goodman"

35:12 Minuten
Andrej Hermlin posiert für ein Pressebild am Schreibtisch.
"Die Musik, die wir spielen, ist ein Kontrastprogramm zu dem, was im Moment geschieht", sagt Andrej Hermlin. © Uwe Hauth
Moderation: Katrin Heise · 15.02.2021
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Als Kind wurde er gemobbt, weil er sich „amerikanisch“ kleidete und Swing hörte. Vor dem Mauerfall war Andrej Hermlin einer der wichtigsten Bandleader der DDR. Heute steht der Sohn eines berühmten Vaters mit seinen eigenen Kindern auf der Bühne.
Er liebt vor allem die Musik von Benny Goodman. Dessen "Jam Session" von 1937 habe ihn "umgehauen". Andrej Hermlin ist dem Swing treu geblieben und kleidet sich auch im Stil der Zeit. "Die Sachen sind einfach schön", sagt er und zieht eine Parallele zwischen den 1930er-Jahren und der Gegenwart.
"Die Musik damals entstand in einer Zeit der Depression, der großen Wirtschaftskrise, überhaupt der großen Krisen. Die Menschen gingen damals, wenn sie denn überhaupt noch ein paar Pennys in der Tasche hatten, in die Kinos, um Fred Astaire und Ginger Rogers tanzen zu sehen", sagt er.
"Oder sie hörten diese Musik, weil sie das größte Kontrastprogramm war zur Wirklichkeit, also zur Suppenküche und zur Verzweiflung, die in Amerika damals grassierte. Und wir haben jetzt eine verzweifelte Situation, die sehr viele Menschen betrifft. Die Musik, die wir spielen, ist ein Kontrastprogramm zu dem, was im Moment geschieht. Wir versuchen, fröhlich und optimistisch zu sein."

Aus einem prominenten Elternhaus

Andrej Hermlin, 1965 in Berlin geboren, ist das fünfte Kind Stephan Hermlins, einem der prominentesten Schriftsteller der DDR. Er wuchs in einem kunstsinnigen Elternhaus auf und traf dort schon in jungen Jahren auf berühmte Persönlichkeiten wie Pablo Neruda oder Heinrich Böll.
Sein Vater gehörte zu den Initiatoren des Protests gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Die Petition dagegen wurde im November 1976 im Haus Hermlin verfasst.
Der junge Andrej verfolgte neugierig, was passierte: "Als ich ins Haus kam, schickte mich meine Mutter sofort auf das Zimmer, was ungewöhnlich war. Ich habe mich dann allerdings runter geschlichen in die Garderobe mit einem Vokabelheftchen und habe dann dort Notizen gemacht, was ich so beobachte. Also weiß ich, Christa Wolf und Mama gehen in die Küche und kochen Kaffee oder Papa geht mit Stefan Heym ins Arbeitszimmer und schreibt was auf der Schreibmaschine. Das habe ich gemacht, weil ich eben neugierig war."

Musik statt Politik

1987 gründete Andrej Hermlin die Swing Dance Band, heute Swing Dance Orchestra, und trat vor allem mit Originalarrangements aus den 1930er- und 40er-Jahren auf. Die Band spielte auch zum 40. Jahrestag der DDR im Palast der Republik.
Politisch, so Hermlin, sei er zwar immer wieder angeeckt, zum Beispiel wegen seiner Ansichten zur Mauer oder zum Einmarsch in Afghanistan. Aber nicht musikalisch. Da sei es nur problematisch geworden, wenn es sich um regimekritische Texte handelte. Nach der Wende engagierte Andrej Hermlin sich in der Partei Die Linke. Als er jedoch gefragt wurde, ob er nicht für den stellvertretenden Parteivorsitz kandidieren wollte, lehnte er ab.
"Ich habe diese Entscheidung nie bereut", sagt er. "Es ist alles gut so, wie es ist. Ich äußere mich natürlich politisch immer wieder, wenn mich etwas besonders aufregt oder beschäftigt. Aber in allererster Linie ist meine Sprache die Sprache von Benny Goodman."

Eine zweite Heimat in Kenia

Heute lebt Andrej Hermlin, der mit seiner Band viel in der Welt unterwegs ist, nicht nur in Berlin. Seine Frau Joyce stammt aus Kenia, und dort hat die Familie auch noch einen Wohnsitz – in einem Dorf nahe dem Mount Kenia. Für Andrej Hermlin ist das die zweite Heimat.
Er engagiert sich in Kenia und auch im Nachbarland Uganda, mischt sich politisch ein, arbeitet mit Musikern zusammen oder engagiert sich in Projekten zum Bau von Spielplätzen oder Straßenlaternen – immer in enger Zusammenarbeit mit den Einheimischen vor Ort.
"Natürlich müssen die Veränderungen in diesen Ländern von den Menschen selbst bewerkstelligt werden", sagt er. "Aber natürlich glaube ich, dass ich ein Recht habe, mich dazu zu äußern, nicht zuletzt auch deswegen, weil ich ja gerade in Bezug auf Kenia eine familiäre Bindung habe und mich fast schon als Bewohner dieses Land ansehe."

Mehr Swing und mehr Optimismus

Dass in der Pandemie die Kultur so heruntergefahren wurde, kritisiert der Musiker, der im letzten Jahr drei CDs herausgebracht hat. Wir brauchen mehr Swing und Optimismus, sagt er – und ist mit "The Swinging Hermlins" immer wieder im Netz, auf Instagram und Facebook zu hören: mit "The Music Goes 'Round and Around" – Musik gegen die allgemeine Depression.
"Wir reden sehr viel von physischer Gesundheit, aber sehr wenig von seelischer Gesundheit", sagt Andrej Hermlin. "Zur Aufrechterhaltung der seelischen Gesundheit gehören Kultur und Kunst unmittelbar dazu. Wenn wir glauben, dass die Aufrechterhaltung bestimmter Handelsketten wichtiger ist als die Aufrechterhaltung von Kunst und Kultur, leiden wir an einem Missverständnis darüber, was wirklich wichtig ist in einer Gesellschaft."
(svs)
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