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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.03.2019

Musik-Workshop mit Marina AbramovicAnders hören durch Eigenwahrnehmung

Sylvia Systermans im Gespräch mit Britta Bürger

Marina Abramovic steht im Publikum, Hand auf dem Bauch und Augen geschlossen. Sie trägt schwarz. (Alte Oper Frankfurt, Norbert Miguletz )
In ihren Performances fordert Marina Abramovic ihre Zuschauer zum Beispiel durch langes Anschauen heraus. (Alte Oper Frankfurt, Norbert Miguletz )

Langsamem Gehen, Reiskörner zählen oder fremden Leuten lange in die Augen schauen: Im Workshop der Performance-Künstlerin Marina Abramović lernten die Teilnehmer "anders zu hören". Ein Wechselbad von Wohlbefinden und Überforderung, berichtet Sylvia Systermans.

"Zu einer völlig neuen Erfahrung des Hörens von Musik gelangen" – so lautete es in der Ankündigung für das Projekt "Anders hören: Die Abramović-Methode für Musik" der Performance-Künstlerin Marina Abramović an der Alten Oper Frankfurt. Musikjournalistin Sylvia Systermans war für Fazit bei dem fünfstündigen "inszenierten Konzert", dem zwei Workshops vorausgegangen waren, "die jeder Teilnehmer besuchen musste". 

Weg von Kommunikation, Hin zur Eigenwahrnehmung

Um die Musik neu wahrzunehmen, sei es Marina Abramović darum gegangen, "dass man lernt, den Körper zu sensibilisieren und die Musik mit dem gesamten Körper wahrzunehmen", so Systermans. Dazu wurde man "bei diesem Workshop von den normalen Kommunikationswegen Schritt für Schritt abgekoppelt".

Als erstes mussten die Teilnehmer das Handy abgeben, dann wurden sie aufgefordert, zu schweigen, und zuletzt bekamen sie geräuschfilternde Kopfhörer aufgesetzt. "Das heißt, diese ganz normale Kommunikation – wir orientieren uns mit dem Gehör im Raum, wir reden miteinander – das wurde ausgeklammert. Und dadurch wurde man, das habe ich so erlebt, sehr stark auf die eigene Körperwahrnehmung zurückgeworfen."

Reiskörner zählen oder in die Augen schauen

Im Workshop selbst konnten die Teilnehmer dann wählen, was sie machen wollten, zum Beispiel zwischen langsamem Gehen, Reiskörner zählen oder fremden Leuten gegenübersitzen und in die Augen schauen.

"Das sind Dinge, die man aus ihren Performances kennt. Und bei jedem dieser Settings hat man schon eine andere Körperempfindung, eine andere Wahrnehmungsebene angesprochen, die man sonst vielleicht im normalen Alltag nicht so bewusst wahrnimmt."

Ein Abend ohne musikalisches Konzept

Die extreme Länge der Übungen seien "ein ganz typisches Merkmal der Performances der Abramović" und machten auch "einen großen Teil der Faszination" aus. Während es in den Workshops "sehr angenehm" gewesen sei, habe sie es im Konzertsaal "als eine große Überforderung" erlebt, erklärt Systermans. Die Musik, die gespielt worden sei, "erschien mir sehr beliebig aneinandergereiht".

Ein musikalisches Konzept sei nicht erkennbar gewesen. Einzelne Musiker hätten solo ihre Instrumente gespielt und einander abgelöst. "Ein Sitarspieler folgte auf einen Orgelspieler und von Bach bis zur Improvisation wurde alles querbeet durchgespielt."

Fünf Stunden Zwangsbeschallung

Über den Zeitraum von fünf Stunden sei das nur schwer auszuhalten gewesen, da man der Musik nicht entgehen konnte. Sie sei in den gesamten Räumen der Oper ausgespielt worden - auf der Toilette sowie im Bistro.

Am Ende habe sie es als "eine Zwangsbeschallung" empfunden. Anderen Teilnehmern müsse es ähnlich ergangen seien. Denn zum Schluss seien "deutlich weniger Leute als am Anfang" dagewesen.

(kpa)

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