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Tonart | Beitrag vom 12.07.2016

Musik und PolitikEin Streifzug durch amerikanische Protestmusik

Von Laf Überland

Die Folksängerin Joan Baez, aufgenommen 1964 vor Studenten in Kalifornien (picture-alliance / dpa / UPI)
Die Folksängerin Joan Baez, aufgenommen 1964 vor Studenten in Kalifornien (picture-alliance / dpa / UPI)

Der Folk stand in Amerika für Klassenkampf, Hobos und Gewerkschaftsbewegung. Der Blues beklagte das Elend des Lebens zweiter Klasse und im Pop breitete sich der schwarze Rassismus-Protest aus. Heute hat sich Protestmusik meist in Nischen verzogen, die man suchen muss.

In Woodstock skandierte eine halbe Million das böse böse Befreiungswort "Fuck!", unter dem sich der Protest gegen den Vietnamkrieg, das FBI und die Ungerechtigkeiten des Systems versammelte (weil es halt verboten war, das Wort): Und danach ließen sich alle kollektiv wieder in das Glücksgefühl hineinmusizieren, Teil einer Jugendbewegung zu sein.

Aber natürlich hatte es schon vorher Protestbewegungen mit Musik gegeben.

Anders als in Europa, wo Folk meist gleichbedeutend ist mit minniglichen Liedern zu Laute und Zimbeln, so stand der Folksong in Amerika für Klassenkampf, Hobos und Gewerkschaftsbewegung. Die echten Folkleute waren meist Männer in mittleren Jahren, ernste Männer – zäh wie Leder, und ihre Meinung war streng wie der Geruch von Büffellosung. Sie waren alle durch die Bank links, und das packten sie in ihre Songs.  

Der wichtigste war Woody Guthrie.

Als Woody anfing, seine Lieder zu schreiben, gab es in Amerika noch Klassenkampf mit Toten, und auf seiner Wandergitarre stand: "This Machine Kills Fascists" – "Diese Maschine tötet Faschisten". Und es gab eine Menge solcher Sänger – und dann auch Frauen, wie Joan Baez.

Diese Lieder, die man so schön zusammen singen konnte und die von einer gerechten Welt handelten, wurden mehr und mehr bei Protestmärschen, Demonstrationen und Versammlungen der Kampagne für atomare Abrüstung und der Bürgerrechtsbewegung geschmettert. Und viele glaubten, man müsse nur von Freiheit singen, dann werde das Leben schon gemütlich.

High sein frei sein!

Aber irgendwann merkten die unzufriedenen jungen Leute, dass es nicht reichte, schön zusammen zu singen; also wurde die Protestmusik elektrifiziert – und ziemlich laut.

Das war ein Spaß! Es ging um Freiheit, so viel war klar. Aber es gab verschiedene Konzepte: Das Beliebteste lautete ganz schlicht: High sein frei sein! Und seine Follower gingen keinem noch so kleinen Joint aus dem Weg.

Aber Hasch macht lasch, und als der Vietnamkrieg vorbei war und keine toten GIs mehr nach Haus kamen, wurde der weiße Gegenkultur-Rock-Protest vor lauter Schlurfigkeit zu schlaff. Doch da hatte sich im Pop bereits der schwarze Rassismus-Protest ausgebreitet – und zu dem konnte man tanzen.

Jahrzehnte lang hatte der Blues, quasi affirmativ, das Elend des Lebens zweiter Klasse beklagt: Aber Bessie Smith zum Beispiel hatte bereits 1928 auch ganz konkret den reichen Mann angesungen, sein Herz und seinen Verstand aufzumachen und dem armen Mann endlich eine Chance zu geben. Billie Holiday sang, wie später auch Nina Simone, über die gelynchten Schwarzen, die wie seltsame Früchte an den Bäumen baumeln.

Und natürlich schwappte das kollektive Aufbegehren der weißen Folk&Rock-Gegenkultur in den Sechzigern dann auch in die schwarze Community: Die hatte mit den Black Panthers ihre eigenen Visionäre und auch Demagogen, und die schwarze Variante der Selbstermächtigung lautete ein paar Jahre lang.

"Black Is Beautiful"

"Say it loud: I’m black and proud!" Eine andere Parole hieß "Black Is Beautiful", und die subtilere Aufarbeitung der schwarzen Rollenfindung ging auch auf die Ursachen der Armut und der Gewalt gegen Schwarze ein – im Blues über die Innenstädte bei Marvin Gaye oder mit der Erläuterung, dass man ohne Selbstrespekt auch von andern nicht respektiert werden wird bei den Staple Singers.

Aber auch diese Protestparty verebbte, weil die meistens Afroamerikaner doch genug damit zu tun hatten, "ihren Platz am Tisch der Weißen zu finden" (wie Malcolm X das, angeekelt, genannt hatte). Und nach ein paar Jahren musste der singende Philosoph Gil Scott Heron darauf hinweisen, dass man, um die Zustände wirklich zu verändern, schon seinen Hintern hochkriegen muss, weil die Revolution nicht im Fernsehen kommt.

Sporadisch kam Mitte der Siebziger dann auch in Amerika noch der Punk auf – um das verweichlichte Bewusstsein wieder wach zu hämmern: Aber da ging es eigentlich gegen alles, was bürgerlich war – eine Art postmoderner Protest für ein paar Wenige.

Und der Rest von Pop und Rock schlingerte in eine nur noch sich selbst feiernde, komatöse Daseinsform, in der gealterte Propheten für ihre Klientel immer wieder neu das alte Elend besangen. Es gab Hiphop – zunächst als CNN für eine rebellische schwarze Minderheit. Aber die meisten jungen Leute ließen sich, jetzt wieder ganz einverstanden, von der ebenso komatösen Techno-R&B-Party-Spaßkultur vereinnahmen: Und der Protest verzog sich wie auch die Popmusik mit Inhalt überwiegend in Nischen, die man, wenn man will, heute übers Internet finden muss.

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