Musik-Treff

Bier gegen Arie

Auf der Bühne des Theaters Erfurt proben Ilia Papandreou als Micaela und Chorsänger am 26.09.2012 eine Szene der Oper "Carmen" von Georges Bizet.
Die Sopranistin Ilia Papandreou, hier in einer Szene der Oper "Carmen" am Theater Erfurt, kann man beim "Meet & Greet" auch abseits der Bühne kennenlernen. © picture alliance / dpa / Martin Schutt
Von Henry Bernhard  · 25.01.2014
Beim "Meet & Greet" lädt das Theater Erfurt mit seinen Ensemblemitgliedern zu zwanglosem Plausch in ein Café. Hier musizieren Laien mit Profis und genießen gemeinsam Getränke bei Diskussionen rund um die Musik.
Berthold Warnecke: "Da wir heute Abend keinen Tenor hier haben … - Ja, wer braucht Tenöre?"
Stimme: "Sollen wir mitsingen?"
Berthold Warnecke: "… haben wir heute Abend einen Bariton und unseren neuen, jungen Bass Gregor Loebl hier. Bass und Bariton zusammen macht hier heute Tenor heute Abend . Wir warten natürlich noch auf die Geige dazu."
Die kleinen Tische sind noch nicht alle besetzt - aber die kuscheligen Nischen und Ecken des Café Rommel in der Erfurter Altstadt sind schon voll. Mit Erfurter Bürgern und mit Mitarbeitern der Erfurter Oper. Meet & Greet heißt der Abend. An jedem Zehnten eines Monats gibt es hier Tenöre und Maskenbildner zum Anfassen. Dramaturg Berthold Warnecke eröffnet den Abend.
"Der Sinn dieser Veranstaltung ist eigentlich zweierlei: Dass wir einen sehen, dass wir in Kontakt - und zwar auf eine andere Art als im Theater selbst - mit unserem Publikum kommen, dass man mal rausgeht, dass man dem Publikum die Gelegenheit gibt, die Sängerinnen und Sänger, aber auch Kollegen, die hinter den Kulissen arbeiten, mal so nach Feierabend kennenzulernen, dass wir auch unser Publikum mal anders kennenlernen.
Und das zweite, das mindestens ebenso wichtig ist, ist die Gelegenheit, die vielen verschiedenen Abteilungen am Theater - die Werkstätten, die Bühnentechniker, die Verwaltung, die Künstler natürlich: Orchester, Chor, Solisten - die im Alltag nicht wirklich miteinander in Kontakt treten, hier jetzt bei Meet & Greet mal die Chance haben, einen schönen Abend miteinander zu verbringen. Wenn man sechs Wochen lang sich mit einer Oper intensiv beschäftigt, dann ist es auch mal gut, Abstand zu haben; und ich glaub´, dazu ist es eine schöne Gelegenheit."
Bass und Bariton sind Profis, der Pianist Dramaturg, die Geigerin arbeitet in der Presseabteilung. Sie spielen heute das erste Mal zusammen.
Das Klavier bleibt selten unbesetzt
Es wird nicht die ganze Zeit gesungen. Wer Lust hat, geht zum Klavier und beginnt zu spielen. Die Gäste haben Spaß, es ist alles viel lockerer als im Konzert. In einer Nische sitzen Ines und Peter bei ihrem Aperitif.
Ines: "Theater ist sowieso ein bisschen meine Leidenschaft. Und da habe ich gesagt: OK, das passt! Und seit November sind wir regelmäßig hier."
Peter: "Also, ein paar Künstler vom Theater kennen wir ja auch, und da sind wir auch ins Gespräch bekommen. Und beim letzten Mal war es schon eigentlich ziemlich gemütlich."
Ines: "Wir waren ja zum Neujahrskonzert, da hat ja die Ilia … - wie heißt sie?"
Peter: "… Papandreou jedenfalls mit Nachnamen, also Sopranistin …"
Ines: "… gesungen: Die hat man mit ganz anderen Augen gesehen! Die saß bei uns hier am Tisch; wir hatten uns unterhalten. Da hat sie uns auch erzählt, was es für eine Schwierigkeit für sie ist, jetzt hier spontan was zu singen, weil ihre Stimme erst darauf vorbereitet werden muss … Und wie wir sie jetzt auf der Bühne erleben konnten, war es einfach doppelt so schön: Zu wissen, was sie für ein Mensch ist und dann auch noch sie oben zu hören - das ist toll!"
Der Café-Betrieb geht weiter. Ines und Peter nehmen das grandiose Menü zum unschlagbaren Preis von zehn Euro. Nicht zum Sattessen, aber zum Genießen. Thomas Abel ist Chef und Koch und Genießer. Er serviert selbst mit, redet mit den Gästen, ist präsent. Und er strahlt wie ein Junge zum Kindergeburtstag.
"Bin sehr zufrieden mit der Veranstaltung! Wir haben ein wunderbares Publikum, wir haben Kultur bei uns im Lokal - das ist das Wichtigste. Und natürlich auch das Klientel und die Gäste, die das zu schätzen wissen. Die kommen hundertprozentig wieder - und reden darüber auf jeden Fall!"
Das Klavier bleibt selten leer, irgendwer spielt und singt immer etwas. Ganz hinten, in einer Ecke, sitzen mehrere Paare, die sich offensichtlich schon länger kennen. Bei ihnen am Tisch Gregor Loebl, der Bass von "Dein ist mein ganzes Herz".
"Es kommt mal so, mal so. Also, man darf seinen Auftritt nicht davon abhängig machen, was am Schluss bei rumkommt. Das ist nun mal eines der wesentlichsten Sachen in diesem Job!"
Je später, desto schräger die Gesänge
Fast zwei Stunden lang hängen die Paare an den Lippen des fröhlichen Ostfriesen. Und er genießt es.
"… wenn man die Leute irgendwie packt! Ob jetzt auf eine humoristische Weise oder dramatische Weise: Es ist jedes Mal wieder neu bei jeder Vorstellung. Nicht mehr und nicht weniger."
Die Runde diskutiert die Akustik der Oper, die Rituale bei ersten und letzten Vorstellungen. Regelmäßig kommen Wein und Bier.
Gerd:"Warum ich hierher komme? Um Spaß zu haben! Und nette Leute kennenzulernen."
Karin: "Gute Getränke! Gute Gespräche! Und Freunde."
Gerd:"Gut, das letzte mal haben wir den Klavier-Maestro kennengelernt, und daraufhin haben wir Karten für Brahms, fürs Konzert bestellt. Sonst - weiß ich nicht, ob ich da hingegangen wäre."
Bärbel: "Und das war alles sehr - irgendwie schön. Und das ist dann schon persönlicher, als wenn man sich nur in eine Oper reinsetzt, hört irgendwas und geht wieder. Also, ich finde das ganz toll! Man erkennt sie natürlich nicht immer gleich, weil die ja nicht geschminkt sind, aber es ist trotzdem schön, ja! Finde die Idee Klasse, sollte man weiterführen!"
Der Abend wird lang. Und je später es wird, desto schräger die Gesänge.
Piano, Gesang Pianist und Publikum: "Let it be" (Atmo)
Mehr zum Thema