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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.12.2017

Museumsshop der Royal Academy LondonAi Weiwei im blauen Mao-Anzug

Von Friedbert Meurer

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Der chinesische Künstler Ai Weiwei (picture alliance/dpa/Foto: Andy Rain)
Der chinesische Künstler Ai Weiwei mit seinem Kunstwerk "Coloured Vases" in der Royal Academy London im September 2015. (picture alliance/dpa/Foto: Andy Rain)

Die Arbeiten von Ai Weiwei sind meistens groß und raumgreifend. Wer es etwas kleiner mag, findet vom chinesischen Künstler im Museumsshop der Royal Academy London Ai Weiwei selbst als Miniaturfigur.

Der Piccadilly im Londoner Westen – schnurgerade führt die Prachtmeile vom Hyde Park Corner Richtung Piccadilly Circus. Auf gut halber Höhe links ist die Royal Academy in einem prachtvollen Gebäude untergebracht, dem Burlington House, einem Stadtpalast aus dem 17. Jahrhundert. Über den Innenhof geht es zum Eingang, und dahinter direkt rechts die Treppe hoch zum Gift Shop der Royal Academy. Als erstes fällt auf, wie farbenfroh der Geschenkeladen ausfällt. Ella Riley arbeitet seit 20 Jahren für die Royal Academy und leitet den Einkauf für den Museumsshop.

"Wir sind eine einzigartige Galerie, die von Künstlern selbst betrieben wird. Sie sind die Mitglieder, die Royal Academicians. Wir arbeiten mit den Künstlern sehr eng zusammen. Sie geben ihre Produkte bei uns für den Shop in Kommission und dadurch haben wir einen sehr unterschiedlichen Stil."

Gleich rechts befindet sich der Bereich von Ai Weiwei

80 Mitglieder hat die Royal Academy, ein Who‘s Who der internationalen Kunst. Nur ihre Werke oder die von Künstlern, deren Werke in der Royal Academy einer Ausstellung würdig sind, werden im Museumsshop angeboten. Ella Riley erzählt, dass ihre Arbeit sehr anspruchsvoll sei, die Künstler sind nicht immer einfach. Gleich rechts befindet sich der Bereich von Ai Weiwei. Vor zwei Jahren erlebte ich den chinesischen Künstler aus der Nähe. Er hatte gerade die Ausreiseerlaubnis erhalten und die Royal Academy zeigte seine Werke.

"Die Akademie hat gerade eine Renovierung dieser wunderbaren Architektur hinter sich gebracht", staunte Ai Weiwei damals. "Mit dem mechanischen Lift kann man gewaltige Kunstobjekte hineinheben. Es ist wie Zauberei."

Figur ist offensichtlich Ai Weiwei selbst

Ai Weiweis Objekte sind riesig und tonnenschwer. Vielleicht habe ich deswegen Gefallen an einem sehr kleinen Souvenir gefunden:  an einer kleinen, beweglichen Gliederpuppe aus Holz. Sie ist genau vierzehn Zentimeter hoch und steht seit zwei Jahren auf meinem Schreibtisch im Büro. Die Figur ist ganz offensichtlich Ai Weiwei selbst, im blauen Mao-Anzug. Man kann seine Arme nach oben strecken oder den Körper nach links und rechts biegen. Unten auf dem Mini-Podest steht auf englisch: "Alles ist Kunst, alles ist Politik."

Ai Weiwei-Holzfigur  (Deutschlandfunk Kultur / Friedbert Meurer)Ai Weiwei-Holzfigur im Museumsshop der Royal Academy London (Deutschlandfunk Kultur / Friedbert Meurer)
"Das mit Ai Weiwei war eine großartige Sache", erinnert sich auch Ella Riley, die mit ihm per Email besprach, was im Geschenkeladen auftauchen sollte.

"Leider wurde er ja in China lange festgehalten. Er hatte ganz phantastische Ideen, inclusive des Pop-Up-Holzspielzeugs. Die Zusammenarbeit mit ihm war wirklich ein Erfolg."

Ai Weiwei im Online-Angebot

Mein Holzspielzeug mit den Gesichtszügen von Ai Weiwei hat 2016 eine Design-Auszeichnung erhalten. Es kostet nur sechs Pfund, also etwa sieben Euro. Der Souvenirladen der Royal Academy hat auch teureres von Ai Weiwei im Online-Angebot: Blumenfiguren aus Porzellan zum schicken Preis von 14.000 Pfund, etwa 16.000 Euro.

"Es gibt einen Markt für Kunst in begrenzter Stückzahl. Wir haben Kunden, die etwas Einzigartiges kaufen wollen. Sie können sich das leisten, solche Kunstgegenstände zu sammeln."

Zur Ai Weiwei-Holzfigur gäbe es auch noch passend ein vergleichsweise preiswertes schwarzes Notizbuch für 18 Pfund. Auf dem Umschlag steht "Fuck off", auf Englisch und Chinesisch. Damit es die Zensur in China auch versteht, denn: alles ist Kunst und alles ist Politik.

Sie sind das Ende eines jeden Museumsbesuches und oft eine wahre Wunderkammer: Museumsshops. Manche Besucher beginnen hier sogar aus Neugier den Rundgang durchs Haus. Am Ende verlässt man die Ausstellungshäuser beschwert durch hübsche, aber meist unnütze Staubfänger. Doch gibt es neben Bildbänden, Radiergummis, Stiften, Postkarten, T-Shirts und Umhängetaschen auch Gegenstände, die den Geist eines Museums aufs Schönste interpretieren und verkörpern? Wir haben für die "Fazit"-Winterserie wieder unsere Autoren in ihre Lieblingsmuseen geschickt – auf der Suche nach dem ultimativen Objekt.

24.12. Ultimatives Objekt #1
Kassel: "Pechkekse" als Eintrittskarte zur Hölle (Von Ludger Fittkau)

25.12. Ultimatives Objekt #2
Buenos Aires: Evita als Metall-Relief (Von Victoria Eglau)

26.12. Ultimatives Objekt #3
Paris: Die Postkartendame von 1760 (Von Jürgen König)

27.12. Ultimatives Objekt #4
London: Ai Weiwei-Gliederpuppe aus Holz (Von Friedbert Meurer)

28.12. Ultimatives Objekt #5
Weimar: "Faust I" und "Faust II" als Handschuhe (Von Henry Bernhard)

29.12. Ultimatives Objekt #6
Wismar: Die Wasserrakete zum Selbstbasteln (Von Silke Hasselmann)

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