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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.05.2013

Motive von paradiesisch bis pornografisch

Berliner Museum für Fotografie zeigt Akte aus der Zeit Kaiser Wilhelm II.

Von Barbara Wiegand

Aufnahmen aus den frühen Jahren der Aktfotografie: "Die nackte Wahrheit und anderes". (AP)
Aufnahmen aus den frühen Jahren der Aktfotografie: "Die nackte Wahrheit und anderes". (AP)

Nackte Bodybuilder, schlafende Schönheiten und Aufnahmen verbrannter Soldaten: Die Ausstellung "Die nackte Wahrheit und anderes" zeigt, wie aufgeklärt Fotografie um 1900 sein konnte.

Ludger Derenthal: "Die nackte Wahrheit insofern, als damals die Aktfotografie zutage getreten ist, dass sie als öffentlich werdende Aktfotografie an Bedeutung gewinnt. Wir können einerseits technische Gründe dafür nennen: dass Fotografie vervielfältigt werden kann, dass sie in den Vertrieb kommt, dass sie aus der Unter-dem-Ladentisch-Situation hin auf den Ladentisch oder ins Schaufenster geraten ist. Und dann eben, wenn man den Blick weitet - von der normalen schönen Fotografie -, dann kommt man, glaube ich, recht gut in diese Bandbreite der Motive, die wir hier ausstellen können","

sagt Ludger Derenthal, Direktor des Museums für Fotografie. "Die nackte Wahrheit und anderes" so lautet also der Titel dieser Schau. Eine Ausstellung, die dann aber gar nicht so reißerisch wirkt, wie es dieser Titel vermuten lässt. Vielmehr führt sie ihrem Betrachter die Vielfalt der Aktfotografie vor Augen, enthüllt sozusagen ihren Facettenreichtum. In Zeitschriften, auf Postkarten und Zigarettenkärtchen massenhaft verbreitet, reicht die Palette der Motive von paradiesisch bis pornografisch. So zeigen die Nacktaufnahmen freizügige Posen oder ganz natürliche Bewegung. Sie sind ästhetische Arrangements, genauso wie medizinische Studien.

Frauen sind auf diesen Aktfotos oft zu sehen, aber auch Männer. Voll stiller Schönheit etwa die 1909 von Alfred Stieglitz und Clarence White abgelichtete Schlafende. Nicht ganz kitsch- und klischeefrei scheint die in einem Netz gefangene Schöne auf einer Fotografie von Vincenzo Galdi. Eher nüchtern wirkt dagegen die Bildserie, die einen Fußballer in Aktion zeigt: ohne Hosen, dafür mit Schuhen und Strümpfen kickt er den Ball für eine wissenschaftliche Studie. Ziemlich extrovertiert hängt schräg gegenüber das Foto eines Mannes mit entblößtem Waschbrettbauch. Es handelt sich um ein Portrait des Varietéstars Eugen Sandow, der in seinen Shows ganze Pferde in die Luft stemmte, und sich und seinen muskelbepackten Körper gern fotografieren ließ: fast nackt, bis auf einen knappen Lendenschurz oder Ähnliches. Kuratorin Christina Lowis:

""Es gibt einen ersten, recht berühmten – Bodybuilder hieß er damals nicht –, einen Athleten, Eugen Sandow, oder auch andere berühmte Körperkulturisten, könnte man sagen. Die haben von sich auch Postkarten erstellen lassen, mit denen sie sich selbst und ihren Körper beworben haben. Und die Damenwelt, so heißt es, hat solche Fotos durchaus in Privatzimmern stehen gehabt und bewundert."

So heroisch, wie sich Sandow auf seinen Fotos in Szene setzt, ließen sich auch andere gern nackt fotografieren. Etwa die zwei miteinander ringenden Männer, die an griechische Statuen erinnern. Anderes wirkt wie gemalt. Zum Beispiel der dramatisch vor Grau in grauem, wolkenähnlichem Hintergrund abgelichtete Rückenakt. Und die Frau, die zum Bad im See schreitet, könnte auch ein französischer Impressionist in Öl verewigt haben. Ganz offensichtlich haben sich Fotografie und bildende Kunst gegenseitig beeinflusst. Die Pictoralisten etwa wollten nicht einfach nur die Realität abbilden, sondern Kunst machen. Viele Maler nutzten Fotos als Vorlage.

"Also, eine Fotografie zu bestellen kostete sehr viel weniger, als ein Modell eine Stunde lang in seinem Atelier herumspazieren zu lassen. Wobei nicht jeder Künstler das so genutzt hat. Es ist für Berliner Bildhauer etwa bekannt, dass sie sich Athleten, die dann für sie posierten, bestellten. Wobei dann natürlich auch Athletenfotografien verwendet wurden."

Fotografien, die sich die Künstler aus dicken Katalogen aussuchten – deren Auflage allerdings so hoch war, dass man davon ausgehen kann, dass nicht nur Künstler darin geblättert haben dürften. Schließlich war das um 1900 relativ unverfänglich und im Gegensatz zu den eher unter dem Ladentisch gehandelten pornografischen Aufnahmen nicht verboten. Diese damals zensierten Fotos wirken freilich heute eher harmlos. Komisch bisweilen.

In einem weiteren Kapitel dokumentieren Fotos Kriegsversehrte aus dem Ersten Weltkrieg. Erschütternd etwa das Foto eines Soldaten mit einem von Verbrennungen übersäten Rücken. Die Nacktaufnahmen von Kindern, wie zum Beispiel ein auf einem Schaukelpferd reitender Junge – sie dürften das Publikum eher irritieren, offenbaren sie doch die Unbedarftheit, die vor der millionenfachen Verbreitung von Kinderpornografie im Internet um die Wende zum 20. Jahrhundert bei diesem Thema vorherrschte.

Dass die Kuratoren solche Aufnahmen nicht außen vor lassen, ist konsequent - gehören sie doch zum Spektrum der Aktfotografie um 1900 dazu, das man hier in seiner ganzen Breite zeigt. Sicherlich wirkt vieles davon – dieser Bandbreite zum Trotz – etwas altmodisch, kitschig, auch zweifelhaft. Aber ebenso oft sind die ausgewählten Fotos einfach beeindruckend – voll stiller Poesie oder skurriler Heiterkeit. Und in dieser Vielfalt ist die Ausstellung in jedem Fall sehenswert.

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