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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.10.2017

Motivationstrainer Janis McDavid"Eigentlich führe ich ein ziemlich enthindertes Leben"

Moderation: Nicole Dittmer und Axel Rahmlow

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Janis McDavid zu Gast im Studio 9. (Deutschlandradio - Andreas Buron)
Janis McDavid zu Gast im Studio 9. (Deutschlandradio - Andreas Buron)

Er ist ohne Arme und Beine geboren, studiert Wirtschaftswissenschaften und arbeitet als Motivationstrainer: Janis McDavid will sich "von seiner körperlichen Situation nicht einschränken lassen". Er fordert einen radikalen Perspektivwechsel auf das Thema Behinderung.

"Eigentlich spüre ich meine Behinderung kaum", sagt Janis McDavid:

"Eigentlich führe ich ein ziemlich enthindertes Leben, deshalb gefällt mir der Titel so gut, Enthinderung, das Wort, weil es genau dem entspricht, wie ich mein Leben aufgebaut habe, als Motivationstrainer Leute zu motivieren und auch mich selber zu motivieren, mich von meiner körperlichen Situation nicht einschränken zu lassen."

Das war nicht immer so, gibt McDavid zu: Mit acht Jahren sei er zufällig an einem Spiegel vorbeigekommen und habe zum ersten Mal gemerkt: "Oh, das sieht anders aus, als ich es mir vorgestellt habe." Das habe ihn jahrelang geprägt.

"Ich wollte das erst nicht akzeptieren, ich wollte nicht anders aussehen, ich wollte auch nicht anders sein, ich habe erst sehr viel später begriffen, dass es auch darum geht, meinen Körper zu akzeptieren und dadurch mich selbst zu akzeptieren."

Das sei ein langer Prozess gewesen. Seine Eltern hätten dabei eine wichtige Rolle gespielt, indem sie ihn einerseits immer wieder aufgefangen und zugleich gefordert haben.

Auch wenn er ein selbstständiges Leben führt, gibt es immer wieder Situationen, wo er ausgebremst wird:

"Wenn ich vor einem Geschäft stehe mit zwei Stufen davor, dann komme ich da nicht rein. Aber ich will mich davon nicht runterziehen zu lassen. Ich versuche, diese Situation zu umschiffen oder eine kreative Lösung zu finden."

"Wir brauchen einen radikalen Bewusstseinswandel"

McDavid fordert einen radikalen Perspektivwechsel auf das Thema Behinderung.

"Mir fällt auf, dass die Diskussionen darüber häufig aus einem sehr defizit-orientierten Blick geführt werden, wir unterhalten uns sehr schnell darüber, was jemand vermeintlich nicht hat – also in meinem Fall: keine Arme, keine Beine – was jemand vermeintlich zusätzlich braucht, einen Rollstuhl oder Barrierefreiheit oder eine Rampe. Das ist immer so aus einer problemorientierten Perspektive."

Um wirklich mit der Frage der Inklusion voranzukommen, brauche man einen radikalen Bewusstseinswandel. Man müsse sich fragen, warum man das mache: 

"Weil wir Potenziale erkennen wollen von unterschiedlichen Menschen. (…) Wenn wir es schaffen, uns auf das zu konzentrieren, was wir gewinnen können, dann werden die anderen Sachen Voraussetzungen, über die wir uns gar nicht mehr unterhalten müssen. Denn: Dass ein Mensch in ein Gebäude reinkommt, das ist eine Voraussetzung, über die wir gar nicht mehr sprechen sollten."

Mit seinen Motivationsvorträgen will er dafür werben, "dass wir mit der Inklusion extrem viel gewinnen können."

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