Moshe Zimmermann: "People gone mad"

Wollen wir wirklich Nashörner werden?

Cover des Buches "People gone mad. Wie die Demokratie sich selbst zerstört" von Moshe Zimmermann
© Ullstein Buchverlage
People gone mad. Wie die Demokratie sich selbst zerstörtPropyläen Verlag, Berlin 2026

288 Seiten

20,00 Euro

Von Katharina Teutsch |
Der israelische Historiker Moshe Zimmermann hat ein Buch über die politischen Versuchungen unserer Zeit geschrieben. Was in naher Zukunft geschehen könnte, wird übel sein, da ist sich der Emeritus der Hebräischen Universität Jerusalem sicher.
People gone mad! Die Leute drehen durch! So lauten Titel und These eines Buchs, das versucht zu zeigen, was passiert, wenn wir durch kollektiven Wahnsinn vom Glauben an unsere hart erkämpfte Freiheit abfallen. Moshe Zimmermann, dessen Eltern einst aus Hitlerdeutschland nach Israel geflohen waren, sucht nach Antworten auf die Frage, weshalb die Demokratie weltweit in der Krise ist.
Hatte nicht der amerikanische Historiker Francis Fukuyama nach dem Ende des Kalten Krieges die griffige und oft auch verkürzt benutzte Formel vom "Ende der Geschichte" gefunden? Gemeint war: Jetzt, wo der freien Marktwirtschaft kein Konkurrent aus dem realsozialistischen Lager mehr im Wege stand, wo also die Demokratie sich als bestes aller Systeme durchgesetzt hatte, was konnte da schon noch kommen?!

Wohin steuert das Volk?

Wie wir alle wissen, kam dann doch noch viel, wobei der 11. September eine Art Kipppunkt darstellt. Von da an wurden die Werte einer Welt, in der Wohlstand für möglichst viele garantiert zu sein schien und dazu lang anhaltender Frieden, auf die Probe gestellt.
„Wohin steuert ‚das Volk‘?“, fragt Zimmermann. Dabei interessiert er sich weniger für die neuen Führer. Zimmermann sucht nach den Mechanismen innerhalb der Bevölkerung, die solche Führer ermöglichen. Was zum Beispiel veranlasst friedensverwöhnte Demokraten, demokratiefeindlich zu wählen? Was bedingt irrationales Kollektivverhalten, das es Populisten momentan weltweit so einfach macht, den pluralistischen Ast abzusägen, auf dem sie selbst noch sitzen?
Eugène Ionesco hat in seinem Theaterstück "Die Nashörner" beschrieben, wie in einer kleinen Stadt, die plötzlich von Nashörnern aufgesucht wird, die Bevölkerung in einen grotesken Anpassungsprozess gerät und dabei selbst vernashornt. Es sind also nicht nur die großen historischen Momente, in denen Demagogen die Macht an sich reißen. (Für die haben sich andere Historiker interessiert.) Es sind Stimmungen, befeuert vom Freund-Feind-Schema der Populisten, die umschlagen in Zerstörung.

Von Dreyfus bis Netanjahu

Zimmermann analysiert solche Stimmungen in acht Kapiteln zur jüngeren Zeitgeschichte. Die Affäre um den jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus, der 1894 wegen angeblicher Spionage für den deutschen Erzfeind angeklagt und erst 1906 rehabilitiert wurde, zeigt, wie trotz mangelnder Fakten plötzlich eine feindselige Stimmung gegen einen imaginierten Feind in der Bevölkerung aufkommt – in dem Fall gegen den Juden als Landesverräter. Ein anderes Beispiel ist der McCarthyismus, der in den US-amerikanischen Bevölkerung nach dem 2. Weltkrieg irrationale Ängste vor einem kommunistischen Feind schürte.
Ein Kapitel ist dem Aufstieg der NSDAP gewidmet, was nicht erstaunt. Bemerkenswert ist aber das, was Zimmermann auf dieses Kapitel folgen lässt. Für ihn ist die israelische Politik seit der Besatzung des Westjordanlands im Jahr 1967 keine freiheitliche Demokratie reinen Wassers mehr und der Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 dazu „prädestiniert, diese Entwicklung zu beschleunigen und zu intensivieren“.
Zimmermann interpretiert die Wahl des Kriegstreibers Benjamin Netanjahus im Jahr 1996 als Fanal für das, was Jahrzehnte später in den USA und in Europa folgen sollte.

Elektorale Diktatur machts möglich

Ein wichtiger Begriff, den Zimmermann in seinen Betrachtungen zum Phänomen des Populismus benutzt: Er spricht von elektoraler Diktatur oder auch „Ochlokratie“. Damit ist das eigentliche Paradox unserer Zeit erfasst. Die Zukunft der freiheitlichen Demokratien wird derzeit nicht von Putschisten bestimmt, sondern von Wählern, die getrieben von ihren Ressentiments ihre Zukunft den Verächtern der Demokratie überlassen.
Die Antwort auf die Frage, wie sich das vermeiden lässt, ist so klassisch, dass man sie dem Buch fast zum Vorwurf machen möchte: „Aufklärung, Erziehung, Sozialisation, voranschreitender Wohlstand, verantwortliche Politik sind die Mittel, die eine freiheitliche Demokratie vor ihren Gegnern schützen sollen.“
Mehr von Moshe Zimmermann