Monika Maron: "Vier Minuten"

Vier Minuten für ein ganzes Leben

06:50 Minuten
Buchcover von Monika Marons Roman "Vier Minuten"
© Hoffmann & Campe

Monika Maron

Vier MinutenHoffmann & Campe, Hamburg 2026

208 Seiten

26,00 Euro

Von Helmut Böttiger |
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Vier Minuten lang ist Lea Nowak dem Tod nahe. Danach beginnt die Berliner Journalistin, ihr Leben neu zu betrachten: ihre DDR-Kindheit, eine verlorene Liebe, ihre Karriere und politische Überzeugungen. Monika Maron fragt nach Zufall und Schicksal.
Die Grundidee dieses schmalen Romans setzt auf eine starke Dynamik. Die 55-jährige Hauptfigur Lea Nowak wird in der Nähe des Berliner Winterfeldtplatzes von einem Auto erfasst. Sie fällt ins Koma und kann nach vier Minuten wiederbelebt werden. Diese vier Minuten am Rande des Todes lösen in ihr etwas aus.
Es ging um Sekunden, der Notarzt war nur eine Minute vom Ort des Geschehens entfernt, und wenn Lea nun ihr Leben Revue passieren lässt, fällt ihr auf, dass solche Zufälle eine große Rolle spielten. Das war bei der ersten großen Liebe so oder bei dem Durchbruch in ihrer Zeitungskarriere. Lea ist in der DDR aufgewachsen. Beim Nachdenken wird ihr klar, dass sie mit ihrem Leben nicht zufrieden ist. Fragen nach Zufall und Schicksal rücken ins Zentrum.

Resümee eines Lebens

Wer jetzt erwartet, dass etwa das berühmte Rockkonzert jenseits des Brandenburger Tors 1987, der 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz oder der Mauerfall subjektiv neu dargestellt werden, so wie man es bisher noch nicht kannte, sieht sich allerdings heftig getäuscht.
All dies wird in einem agenturhaften, resümierenden Stil abgehandelt, wie eine bloße Pflichtübung. Das ist ein grundlegendes Problem dieses Buches. Geschrieben ist es ganz aus der Innensicht Leas, in einem tagebuchartigen, schlichten Ton, der keine Perspektivwechsel oder sonstige Überraschungen zulässt.

Banalität des Alltags

Die meisten der 17 kurzen Kapitel sind in Ich-Form erzählt, nur im ersten und letzten Kapitel wird von der Hauptfigur in der dritten Person gesprochen. Das suggeriert zwar literarische Bedeutsamkeit, ändert aber an der gesamten Tonlage nichts.
Das Thema der Nahtoderfahrung ist ein äußerst schwieriges. Da können philosophische Gedanken weit ausgreifen, wie es etwa Peter Nádas auf eindringliche Weise dargestellt hat. Aber diese Fallhöhe ist für Monika Maron entschieden zu hoch. Bei ihr geht es selten über banale Erwägungen hinaus: "Es war eben ein Unterschied, ob man um die eigene Sterblichkeit wusste oder ob man sie erlebt hat."
Und auch wenn ein bisschen Atmosphäre heraufbeschworen werden soll, ist das wenig originell. Einmal wird ein Aquarium besucht. Lea gefällt der Knurrhahn wegen seines Namens, und sie erklärt das auch gleich: "Knurrhahn, ein Fisch, der Hahn hieß und auch noch knurrte." Der Stil ist bestimmt nicht die Stärke dieses Romans.

Abkehr vom Journalismus

Nicht zufrieden ist Lea in der Rückschau vor allem damit, dass sie auf ihre große erste Liebe Max, der - ohne sie zu informieren - aus der DDR in den Westen ausgereist war, verzichtete und seinen Brief nicht beantwortete. Stattdessen habe sie jemanden geheiratet, den sie nicht geliebt habe. Diese Haltung hat für sie jetzt auch eine politische Dimension.
Sie will keine Parlamentsberichterstatterin mehr sein, weil die ewige Political Correctness, die Zwänge von Koalitionen und Kompromissen, die langweiligen Routinen sie nur noch anöden. In gewisser Weise ist sie eine DDR-Bürgerin geblieben. Am meisten hasst sie die Grünen, gegen die man ja vieles sagen kann – aber bei Lea stehen sie für dasselbe, was sie früher an der Staatsmacht der DDR gehasst hat. Literarisch ist dieser Roman misslungen, aber auch darüber hinaus ist es eine ziemlich traurige Geschichte.
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