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Lesart | Beitrag vom 14.08.2020

Monika Maron über ihren Roman "Artur Lanz"Sehnsucht nach Heldentum und Ritterlichkeit

Moderation: Andrea Gerk

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Die Schriftstellerin Monika Maron sitzt am 24. Mai 2016 in Berlin während eines Interviews. Sie trägt schwarz. (Picture Alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)
"Das Buch wollte geschrieben werden", sagt Schriftstellerin Monika Maron über ihren neuen Roman. (Picture Alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)

Im Roman "Artur Lanz" schreibt Monika Maron über Mut: Ihr Held setzt sich für einen Freund ein, der wegen eines politischen Postings angefeindet wird. Man könne sich vergaloppieren, so Maron. Auch wer im Unrecht sei, habe das Recht, verteidigt zu werden.

Mit "Flugasche" brachte die Schriftstellerin Monika Maron den ersten Umweltroman der DDR heraus – allerdings durfte das Buch dort gar nicht erscheinen, es kam deshalb 1981 nur in Westdeutschland heraus. Seitdem hat Monika Maron zahlreiche viel gelobte und preisgekrönte Romane veröffentlicht. Sie hat sich auch immer wieder mit streitbaren und durchaus umstrittenen Äußerungen in den öffentlichen Diskurs eingeschaltet.

Jetzt ist Monika Marons neuer Roman erschienen – "Artur Lanz" heißen Titel und Held dieses Buchs.

Andrea Gerk: Frau Maron, Sie leben ja in Mecklenburg-Vorpommern, recht abgelegen – da gab es auch einen öffentlichen Streit, weil sie zu Beginn der Corona-Zeit da weg sollten, die Leute mit Zweitwohnsitz da nicht sein sollten, aber Sie haben sich dagegen gewehrt und sind in der Abgeschiedenheit geblieben. Was erzeugt denn das, wenn man so abgelegen lebt, für einen Blick auf die Gesellschaft?

Monika Maron: Ich muss sagen, eigentlich nicht anders als in anderen Jahren auch. Ich bin ja im Sommer meistens dort. Eine Zeit lang waren wir ja ganz abgeschieden, weil wir auch keine Besucher empfangen durften da oben. Man guckt und wundert sich so aus der Ferne. Ich merke es nur zweimal in der Woche, wenn ich Einkaufen gehe und den Mundschutz anlege. Aber insgesamt glaube ich, ist der Blick von dort milder, als wenn man selber mittendrin steckt und plötzlich eine Stadt sehr verändert findet. Das Land ist nicht sehr verändert in der Zeit.

Ein Held wie ein Ritter der Tafelrunde

Gerk: Ich frage das auch deshalb, weil die Erzählerin Ihres Romans stellt ja auch gerne alles infrage: Charlotte Winter heißt sie, eine ältere Dame. Sie kommentiert schnoddrig das Weltgeschehen; sie raucht sehr, sehr viel; und sie hinterfragt eigentlich alles, das Gendern, die militanten Nichtraucher, die Männer, den Islam. Wie viel von Ihnen steckt denn in dieser Figur drin?

Maron: Das ist immer so schwer zu sagen. Natürlich sind das Themen, über die ich mich auch sonst mal schriftlich, mal mündlich äußere. Aber die ist trotzdem eine andere Person, wirklich wahr. Man glaubt das immer nicht, weil wenn man ein Thema wiedererkennt, was ich auch schon mal persönlich als Monika Maron angesprochen habe, aber es steckt in den anderen Personen auch etwas von mir drin – ich kann ja keinem Menschen in einem Buch, keiner Person einen Gedanken unterlegen, den ich nicht selber auch denken kann. Also auch bei Artur steckt etwas von mir drin natürlich.

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Gerk: Diese Charlotte trifft dann auf einer Parkbank den Titelhelden, Artur Lanz, der verdankt seinen Namen seiner Mutter, die gerne Heldensagen über Artus und den Ritter der Tafelrunde, Lancelot, gelesen hat. Die beiden freunden sich an, er erzählt ihr seine Geschichte: Dass sein Leben eine ganz krasse Wendung genommen hat, nachdem er festgestellt hat, er liebt seinen Hund eigentlich mehr als seine Frau.

Und diese Charlotte mag den Mann sehr gerne, sie treffen sich immer wieder, und sie fängt an, über Helden zu recherchieren. Sie stellt aber fest, das ist ein wahnsinnig komplexes Thema. Woher kommt – obwohl sie ja auch mit ihrer Freundin diskutiert, dass man eigentlich über Helden gar nicht mehr nachdenken kann –, woher kommt bei ihr trotzdem diese Sehnsucht nach Ehre und Ritterlichkeit?

Maron: Na ja, Ritterlichkeit und Ehre sind ja etwas Schönes. Ich glaube, das ist in jeder Gesellschaft etwas Schönes und wenn es verloren geht, merkt man das auch, wobei ich das gar nicht nur auf die Männer beziehen will. Ich kann mir auch ritterliche Frauen vorstellen oder Ritterlichkeit bei Frauen als etwas Schönes. Dadurch, dass sie sich mit dieser Artusgeschichte beschäftigt und mit dem Ehrenkodex dieser Zeit, sagt sie: Ich weiß, ich lebe in einer vollkommen anderen Zeit, in einer viel komfortableren Zeit, aber irgendwas ist auch verloren gegangen.

Nun ist die Artuslegende ja auch voll von Geheimnissen und Zauberern und Feen – und auch voll von einem über Jahrhunderte gestrickten Idealbild vom Menschen. Das sind ja Mythen, die sich da fortgepflanzt haben auch in der Erzählung, die ja immer wieder neu und aus verschiedenen europäischen Gegenden zusammengetragen wurde. Ich meine, so fern ist das ja nicht: Es wird ständig von Hassrede und grober Rede und zunehmender Aggressivität in der Gesellschaft geredet, da ist es ja naheliegend, dass man sich an die schöneren Eigenschaften der Menschen erinnert oder sich nach denen auch sehnt.

Verunsicherte Männer

Gerk: Es wird ja sehr viel über diese toxische Männlichkeit der "weißen, alten Männer" gesprochen. Wir hatten gerade heute Morgen das Buch eines Experten über diese tradierten Bilder vorgestellt. Der sagt zum Beispiel, das Männerbild sei ja so heterogen wie noch nie, es gibt so viele Möglichkeiten, wie Männer heutzutage sein können. Aber Ihnen fehlt da offenbar irgendwas?

Maron: Na ja, mir persönlich fehlt es nicht so. Aber ich merke oder ich glaube zu sehen, dass diese heranwachsende männliche Generation – oder sagen wir auch die im Alter von Artur, also um die 50 – ihre alte Rolle verloren haben. Das ist ja offensichtlich und das ist ja auch gut. Ich merke, dass die sich nun so tastend fortbewegen, wer sie eigentlich seien wollen als Männer, als das andere Geschlecht. Und da nun das auch noch verbunden ist mit diesem sinnlosen Angriff auf alles Männliche, wäre es ja ein Wunder, wenn die nicht auch verunsichert wären, wie denn ihr Verhältnis zu den Frauen ist, wie ihr Selbstverständnis ist. Wenn ein Bild von sich selbst zusammenbricht, dann muss man sich ja erst mal ein anderes entwerfen.

Gerk: Haben Sie denn persönlich Helden, Sie erzählen ja auch in den Roman von Leuten  aus der DDR, in der Sie ja großgeworden sind, die für ihre Meinung quasi zu Opfern und damit Helden werden mussten. Eine Geschichte fand ich sehr berührend von einem Mann, der eigentlich zum Feigling werden muss, um seine Familie zu schützen. Was sind denn für Sie Helden?

Maron: Ich glaube nicht, dass ein Mensch ein ganzes Leben lang ein Held ist. Es kommt ja auf die Situation an, ob er in einer bestimmten Situation von sich absehen kann, weil er etwas liebt. Ich siedele das ganze Heldenbild von mir ja an zwischen Liebe und Opferbereitschaft – und vor diese Situation ist man ja nicht ein Leben lang gestellt. Das sind dann einfach zugespitzte Situationen, da muss man eine Bereitschaft in sich haben. Und vielleicht ist man nur einmal in seinem Leben ein Held.

Bewährungsproben für Artur Lanz

Gerk: So wie Ihr Artur Lanz, der träumt ja so ein bisschen davon, sich zu bewähren, und bekommt dann auch die Gelegenheit. Das ist für mich so ein bisschen die Kernszene oder ein Scharnier in diesem Roman: Er hat einen Freund, Gerald, der postet bei ihm im Betrieb – die stellen Lackierungen für Windräder her – da also postet er, wir wären auf dem Weg ins "Grüne Reich", nicht auf Autobahnen, sondern auf Stromtrassen. Das ruft natürlich großen Widerspruch hervor, und Artur fragt dann Charlotte, wie soll er sich verhalten. Er weiß es nicht, er ist eigentlich anderer Meinung als sein Freund. Charlotte sagt dann, das fand ich wirklich bemerkenswert: Kann man jemanden nur verteidigen, wenn er Recht hat? Was denken Sie?

Maron: Ich denke eben nicht. Man kann sich vergaloppieren, man kann Unrecht haben, trotzdem hat man das Recht, sich zu irren, und das Recht, darin verteidigt zu werden. Ich darf etwas Falsches sagen und bin deshalb kein Objekt, das man ausstoßen kann.

Bei Artur geht es ja auch noch darum, er rettet seinen Hund und ist danach sehr glücklich. Er begibt sich in Gefahr, er ist nicht mehr ganz gesund, und diese Situation ist auch für ihn bedrohlich. Er rettet den Hund, er schafft das und empfindet ein Glück über sich selbst – und diesem Glück jagt er eigentlich nach.

Ich habe ja absichtlich diesen Heldenbegriff zwischen zwei ganz zivilen Aktionen angesiedelt. Das geht ja nicht kriegerisch zu: Einmal wird ein Hund gerettet und einmal wird ein Freund verteidigt. Es geht nicht um ein Heldentum in kriegerischer Manier, sondern um ein Heldentum im Alltag. Ich reduziere ja diese Heldensuche eigentlich auch auf Mut.

"Ich wünsche mir eine vernünftige Diskussion"

Gerk: Ist das denn etwas, was Sie sich auch wünschen würden, denn Sie beziehen ja auch immer wieder, sagen wir mal gelinde gesagt, umstrittene Positionen, wenn Sie gegen das Gendern wettern oder Essays in einem Verlag publizieren, der der Neuen Rechten zugerechnet wird. Wünschen Sie sich das auch, dass man zu Ihnen steht, auch wenn Sie anderer Meinung sind?

Maron: Ich wünsche mir darüber eine vernünftige Diskussion. Nun würde ich das Buch aus Loschwitz und Susanne Dagen Buchhändlerin  eben nicht als "neurechts" bezeichnen, sondern ich würde sagen, warum darf die nicht sagen, was sie sagt!

Gerk: Da haben Sie ja genau das gemacht, was Sie jetzt auch Ihren Romanhelden machen lassen: Dass Sie sagen, Susanne Dagen ist eine Freundin, warum soll die nicht anderer Meinung sein als Sie. Gibt es aber da für Sie eine Grenze, wo Sie sagen, da wäre es dann doch zu viel des Guten? Würden Sie dann auch diesen, ich sage mal weiter, "Neurechten" auch widersprechen?

Maron: Man kann sich über alles auseinandersetzen. In dem Augenblick, wo ich den Verdacht hätte, jemand wäre wirklich ein Nazi, ein grober, verachtender Mensch, dann will ich mit dem nichts zu tun haben. Wenn ich aber sehe, dass jemand in seinem Überschwang für Gerechtigkeit vielleicht auch ein bisschen weit geht, dann ist das für mich kein Problem, darüber kann man reden und sagen: Musste das sein?

Aber ich meine, dieser Gerald wird ja beschrieben als ein Mensch, der in seiner Jugend mit dem Fahrrad die Skipiste heruntergefahren ist, nur weil es verboten war und weil er gewettet hat. Das habe ich ihm ja beigegeben, dass er überhaupt ein Mensch ist, der ein bisschen heftig reagieren kann oder mutwillig ist.

Gerk: Jetzt bietet Ihr Stoff wirklich viel Material zum Diskutieren und zum Nachdenken. Ist das das, was Sie wollen von Literatur, das man widerspricht, dass man sich herausgefordert fühlt?

Maron: Ach, das kommt darauf an, ich habe ja auch andere Bücher geschrieben. Aber dieses wollte geschrieben sein, ja.

Gerk: Unser Kritiker, der gestern Ihr Buch hier vorgestellt hat, auch lobend, meinte ja, man muss das Buch mit einer gewissen Leichtigkeit nehmen und mit Gelassenheit lesen. Wie finden Sie diesen Hinweis?

Maron: Ja, ganz richtig. Ich glaube, er hat auch Gesellschaftssatire gesagt, das trifft es, glaube ich, auch, da Satire ja alles darf, wie man immer hört.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Monika Maron: "Artur Lanz". Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2020
220 Seiten, 20 Euro

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