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Lesart | Beitrag vom 28.02.2020

Monika Helfer: "Die Bagage" Das familiäre Gepäck schleppt man ein Leben lang

Von Michael Opitz

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Cover von Monika Helfer "Die Bagae" vor einem Aquarell-Hintergrund (Hanser / Deutschlandradio)
Monika Helfers neuer Roman „Die Bagage“ – eine Geschichte von Herkunft und Familie. (Hanser / Deutschlandradio)

Monika Helfer hat mit "Die Bagage" einen beeindruckendes, klug komponiertes Herkunftsbuch geschrieben. Die Geschichte ihrer Familie setzt sie aus den Bausteinen zusammen, die von Eltern und Großeltern erinnert, dokumentiert oder über die spekuliert wird.

Selten ist die Familie ein Segen, oft genug ist sie eher eine Last. Durch die Herkunft wird einem etwas aufgebürdet, woran man ein Leben lang trägt. Wohl kein anderes Wort als das Nomen "Bagage" (franz. Gepäck) vermag dies besser auszudrücken. Herkunft, das sind immer auch die Vorfahren, die man als "Familiengepäck" mit sich herumträgt und nicht immer gelingt es, sich von dieser Last zu befreien, das Gepäck abwerfen zu wollen. Seine Herkunft wird man nicht los.

Auf die Spurensuche der eigenen Herkunft hat sich Monika Helfer in dem autobiografischen Roman "Die Bagage" begeben, in dem sie auch ihren Urgroßvater erwähnt, der sich in einem österreichischen Bergdorf als Träger verdingte und den Bauern die Heuballen in die Scheunen trug. Der Roman ist ihrer Familie gewidmet: "für meine Bagage".

Die Autorin Monika Helfer während eines Gesprächs (picture alliance / picturedesk.com)"Bagage" heißt Gepäck: Autorin Monika Helfer über ihre Familiengeschichte. (picture alliance / picturedesk.com)

Die 1947 in Au/Bregenzerwald geborene Autorin erzählt zunächst von ihrer Großmutter Maria, einer "überirdisch schönen Frau", wie es im Roman heißt, und ihrem Großvater Josef, der, wie erzählt wird, ein fesches Mannsbild war. Marias Schönheit weckt bei den Männern des Dorfes Begehrlichkeiten. Aber sie dürfen nur von ihr träumen, denn Josef ist nicht nur ein fescher, sondern auch ein stattlicher Mann, der im Dorf gefürchtet wird.

Die Ungewissheit der eigenen Zukunft

Das ändert sich, als Josef einberufen wird und als Soldat im Ersten Weltkrieg dienen muss. Von Marias Schönheit werden zwei Männer magisch angezogen. Neben Georg, dem aus Hannover stammenden Fremden, der Maria zu gefallen weiß, wird sie von Gottfried Fink bedrängt, dem Dorfbürgermeister, der – so war es zwischen Fink und Josef verabredet – während Josefs Abwesenheit auf Maria aufpassen sollte.

Für Aufsehen im Dorf und für Ärger in der Familie sorgt schließlich die Geburt der Mutter der Erzählerin. Josef hatte zwar zweimal Fronturlaub, aber im Dorf glaubt man nicht daran, dass Josef Margaretes leiblicher Vater ist. Für Helfers Erzählerin erweist sich die Ungewissheit der eigenen Herkunft als Last.

In dem überwiegend linear erzählte Roman ist zwar das Leben der Großeltern zentral, aber deren Lebens- und Liebesgeschichte erfährt durch die zur Familie gehörende Tanten und Onkel eine sukzessive Erweiterung. Ihnen kommt insofern eine entscheidende Funktion zu, als sie Träger von Informationen sind, und die Erzählerin darauf angewiesen ist, was sie wissen oder zu wissen meinen, denn sie selbst kennt ja vieles aus eigenem Erleben nicht.

Sie kann sich nur an einige Details erinnern, etwa an die schwere Brille mit den dicken Augengläsern, die ihr Onkel Lorenz trug, der Bruder ihrer Mutter. Oder an Tante Kate, von der sie viel erfährt, die erst zu erzählen begann, als sie "den Tod bereits vor sich sah". Da aber selbst die erinnerungsfreudige Tante nicht alles wissen konnte, ist auch viel spekuliert worden, wenn von der Familie die Rede war.

Zusammentragen von Bausteinen

Monika Helfer hat einen bemerkenswerten Roman über die Geschichte ihrer Familie geschrieben, vor allem aber ist es ein Roman über das Zusammentragen von Bausteinen geworden, aus dem sich erst die eigene Familiengeschichte herauskristallisiert. Über die Jahrzehnte ist familienintern dokumentiert, erinnert, erfunden und auch spekuliert worden. Diesen Vorrat hat die Autorin eingesammelt und erzählend hat sie festgehalten, was sie über ihre Familie in Erfahrung bringen konnte.

Sie entwickelt die Geschichte ihrer Familie aus der Lebensgeschichte ihrer Großeltern, wobei sie als Erzählinstanz stets anwesend ist, sich aber – bis auf wenige Ausnahmen – diskret im Hintergrund hält. Erzählend verharrt sie dort, wo ihre Bagage stets ihren Platz hatte: am Rand. Dieser außergewöhnliche, leicht zu lesende, sehr dichte und klug komponierte Roman ist sehr viel mehr als eine im Ersten Weltkrieg spielende Liebesgeschichte – "Die Bagage" ist vor allem ein sehr beeindruckend geschriebenes Herkunftsbuch.

Monika Helfer: "Die Bagage"
Hanser Verlag, München 2020
158 Seiten, 19 Euro

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