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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.05.2008

Mohammed und die Muslime

Hans Jansen: "Mohammed. Eine Biografie"; Tilman Nagel: "Mohammed. Leben und Legende"

Rezensiert von Hans-Peter Raddatz

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Darstellung des Propheten nicht erwünscht: Protest gegen Mohammed-Karikaturen. (AP)
Darstellung des Propheten nicht erwünscht: Protest gegen Mohammed-Karikaturen. (AP)

Von Legenden überwuchert, Denkverboten und Sprachregelungen entstellt, ist das Bild vom Propheten Mohammed bis heute eher nebulös und verschwommen. Wer war der Mann, der als Stifter des Islams gilt? Diese Frage versuchen zwei Biografien zu beantworten: "Mohammed - Leben und Legenden" von Tilmann Nagel und "Mohammed - Eine Biografie" von Hans Jansen.

Das doppelbändige Opus Magnum des deutschen Orientalisten Tilman Nagel setzt neue Maßstäbe für das Verständnis des Islamgründers und dessen politischer Religion. Als Kontrastprogramm zu diesem Werk kann man die deutsche Übersetzung der Biografie des niederländischen Islamwissenschaftlers Hans Jansen sehen.

Tilman Nagel: Mohammed. Leben und Legende (Oldenbourg Verlag)Tilman Nagel: Mohammed. Leben und Legende. (Oldenbourg Verlag)Während Nagel eine Fülle bislang kaum genutzter Quellen auswertet und ein sehr konkretes Mohammedbild entwirft, folgt Jansens schmaleres Buch gängigen Mustern der Orientalistik, die man nur bedingt Forschung nennen kann. Gemessen daran betreibt Tilman Nagel unzeitgemäße Wissenschaft, die auf so fundierter wie furchtloser Quellenanalyse beruht. Zum Missfallen des etablierten Islamdiktats, das man auch "Dialog" nennt, filtert er die plausiblen Aspekte der Mohammedfigur und der islamischen Tradition akribisch heraus. So treten auch zentrale Deutungsbegriffe des Islams klar hervor: der Dschihad, der äußere Kampf auf dem Weg Allahs, die Fitna, die innere Abweichung in Gestalt von freien Denkern und Frauen, die Fitra, die Daseinsform in der Wahrheit des Islam, sind in der Frühgeschichte wurzelnde Grundlagen, die fortan mit dem Bild des Verkünders und seiner Glaubensstiftung vital verwachsen.

Wer an dieser Wahrheit zweifelt, erscheint nicht nur den gläubigen Muslimen als Feind. Auch der Mainstream des Islamdiktats lässt keine alternative Weltdeutung zu und bildet eine Art Glaubenskontrolle mit starker Feindbildneigung. Während es hier um kollektiven Narzissmus geht, erweist sich Mohammeds gestörtes Persönlichkeitsbild eher als Segen, ohne den seine Sendung kaum gelungen wäre. Wenn die Zeitgenossen ihm "Besessenheit" vorwarfen, so erkannten sie nur eine der Voraussetzungen, die so mancher Religionsgründer gebraucht hat, um seine Gesichte - im vorliegenden Falle die "Wunderzeichen Allahs" - überhaupt hervorbringen zu können.

Was man unter weniger ungewöhnlichen Umständen als Anomalie bezeichnet - Verfolgungswahn, Aggression et cetera - liefert dem Gesandten Allahs die Rechtfertigung, das Nichtislamische auszugrenzen. Dabei macht der kollektive Psychozwang jene, die sich der Unterwerfung entziehen, zu koranwidrigem "Schmutz" - auch die Juden und Christen, die als "Schriftverfälscher" aus dem Religionsrennen ausscheiden. Besonders die Christen müssen Federn lassen, indem sich Jesus, den sie ihrem Gott einst "beigesellten", zum "Knecht Allahs" wandelt.

So läuft Islam auf einige einfache Regeln hinaus, die Nagel benennt: "Es sind diejenigen, die sich reumütig zu Allah wenden, ihn verehren und preisen, sich im rituellen Gebet niederwerfen, das Billigenswerte befehlen und das Tadelnswerte verbieten." Allahs Grenzstrafen schützen dabei vor allem die "Ehre" des Mannes und die "Reinheit" der Frau. Sie folgen dem Blut-und-Boden-Gesetz des Islamerhalts, zugleich auch Motiv für den Neo-Rassismus des Islamdiktats, der die Westkultur ausgrenzt und umso exklusiveren "Respekt" vor dem Islam fordert.

Da die Welt entgegen der Euro-Wurzel des Juden- und Christengottes von Allah stets neu geschöpft wird, ist sie auch - Ungläubige inklusive - sein Besitz. Danach sind Eroberung und Zuwanderung Rückholaktionen von Vermögen, das sich widerrechtlich in Fremdbesitz befindet. So wie Mohammed seine Gegner unter den Stämmen und Dichtern beseitigen ließ, so erklärt sein Vorbild die Reflexe, mit denen heute die Muslime und westliche Helfer auf die Historisierung und Ironisierung ihrer Religion - Beispiel Karikaturenstreit - reagieren. Nagels Leistung besteht in einer enormen Detailanalyse, die die Gründerzeit als Weichenstellung für diese zwanghafte Einengung auf ein einziges Deutungsmodell bestätigt.

Hans Jansen: Mohammed. Eine Biografie (C.H.Beck)Hans Jansen: Mohammed. Eine Biografie. (C.H.Beck)Aus der Fülle historischer Personen und Ereignisse treten weite Strecken des frühen Islam, die bislang in ungeklärtem Dunkel lagen, ins Licht plausibler Geschichte, in der nun auch Mohammeds wachsende Wirkmacht im historischen Wandel und in der westlichen Gegenwart begreifbar wird. Mit ihr etablierte sich der Nachdruck, mit dem der Islam von Anbeginn die anderen Kulturen verwarf. Daraus ergab sich ebenso des Verkünders Gebot des Vertragsbruchs, das seither den Geist der "Dhimma" bestimmt. Mit "Schutzvertrag" umschreibt dieser Begriff einen Sonderstatus der "Schriftverfälscher", bedeutet aber auch deren "Schuld" der Islamleugnung, die ihre unaufhaltsame Beseitigung rechtfertigte. Ihr Abbild findet sich erneut im westlichen Islamdiktat, das von der ständigen Christenverfolgung im Orient keine Kenntnis nimmt.

An großen Denkern des Islams zeichnet Nagel die immense Verklärung nach, die das Mohammed-Bild historisch durchlief. Sie bewirkte eine gottgleiche Entrückung, welche die Gottheiten aller Zeiten übertraf und sogar Allah zur Verfälschung seiner selbst, zur Verehrung seines Gesandten zwang. Erst durch den Verkünder gelangt die islamische Dauerschöpfung ins Bewusstsein, vom Verborgenen ins Offenkundige. "Ohne Mohammed wäre Allah nicht Allah", resümiert der Autor kühl.

Während die Muslime an ihrer Heilsgewissheit festhalten, stellt sich die Frage, warum die westlichen Eliten, deren Machtbasis ohne den Kulturheros Mohammed entstand, dessen spätantiken Eingottglauben zu einem Zukunftsideal des säkularen Europa verklären. Um dem zu genügen, müssten sie die Europäer zunächst auf die Humanitätsstufe ihrer barbarischen Vergangenheit einstimmen. Gleichwohl lässt sich fragen, ob ein so wandlungsfähiger Gott nicht auch zu Religionsfreiheit fähig sein könnte, wenn sie den Eliten nützt.

Wie Nagel nach 1000 Seiten nüchtern bilanziert, fußte Mohammeds Welt auf der Gegenethik Arabiens, die sich in der Konserve des Islam vor der Kulturevolution bewahrt, indem sie jede Schuld auf das Andere projiziert.

Tilman Nagel: Mohammed. Leben und Legende
Oldenbourg Verlag, München, 2008

Hans Jansen: Mohammed. Eine Biografie
C. H. Beck, München, 2008

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