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Im Gespräch | Beitrag vom 06.02.2020

Modekünstlerin Elisabeth Prantner Die Kunst, alte Kleider wach zu küssen

Moderation: Ulrike Timm

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Porträt der Modekünstlerin Elisabeth Prantner. (Andreas Pein/laif)
Für Elisabeth Prantner ist Mode und der Umgang damit eine politische Frage. (Andreas Pein/laif)

Der Strickpulli aus Kinderzeiten, eine zu eng gewordene Hose – wohin damit? Nur nicht wegwerfen, sagt Elisabeth Prantner. Die Designerin kreiert aus alter Kleidung neue Mode. Ihr Atelier-Name "Bis es mir vom Leibe fällt" ist Programm.

60 Kleidungsstücke kauft jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr. Vieles wird nie getragen, anderes wandert zu schnell in den Müll. Jährlich landen so eine Million Tonnen Altkleider in Containern. Gegen diesen "Wegwerf-Wahnsinn" setzt sich die Modekünstlerin Elisabeth Prantner mit ihrem 2011 gegründeten Atelier "Bis es mir vom Leibe fällt" in Berlin ein.

Egal ob ein verschlissener Bademantel oder die berühmte "Schrankleiche": Elisabeth Prantner macht etwas Neues und Originäres daraus. So wird aus alten Jeans und Blusen ein Patchwork-Kleid, aus einer in die Jahre gekommenen Wetterjacke eine Umhängetasche. Sie nennt es "wachküssen": "Der Grundgedanke war, die alten Textilien am Leben zu halten. Entweder die, die es wert sind – oder die, die es noch nicht sind, die man erst wertvoll macht. Und um der Ressourcenverschwendung ein bisschen entgegenzuwirken."

Als antiautoritäre Lehrerin gescheitert

Die Liebe zum Handwerk hat die 1956 in Klagenfurt Geborene von ihren Großeltern und Eltern mitbekommen: Alle waren Schuhmacher. Als Kind war sie jeden Tag in der Werkstatt. "Ich kenne diesen Geruch von Pattex, diese ganzen Maschinen, die Ledernähmaschinen, habe ich noch." Die Familie hat nicht viel Geld, die Mutter ändert abgelegte Kleidung der Patentante um.

Elisabeth Prantners Jugendtraum: Künstlerin zu werden. Als sie an der Kunstakademie abgelehnt wird, nimmt sie zunächst einen beruflichen Umweg: Sie studiert Mathematik, Kunst und Theater und arbeitet als Lehrerin. Doch ihr antiautoritärer Ansatz scheitert: "Ich bin in einer extrem autoritären Zeit in die Schule gegangen und bin dann in diese Bewegung der antiautoritären Erziehung reingekommen – und hab dann natürlich versucht, meinen Unterricht antiautoritär zu machen. Für die Schüler war es lustig, aber für mich war es schwer, mich durchzusetzen."

Nach einem USA-Aufenthalt ist für sie klar: Sie versucht es doch mit der Mode – und macht mit ihrem Label "Lisa D" Karriere. Sie stößt zur experimentellen Kunstszene in Graz, Ende der 80er-Jahre geht sie nach Berlin. Dort gestaltet sie mit der Hutmacherin Fiona Bennett Performances an den ungewöhnlichsten Orten – unter anderem in einer Geisterbahn: "Wir haben einen neuen Ort der Performance gesucht, einen Ort, wo die Besucher an den Models vorbei defilieren und nicht umgekehrt. Wir haben in Berlin eine Geisterbahn gemietet und anstatt der Monster die Models reingesetzt - und der Zuschauer hatte dann drei Minuten Zeit, durch einen Wahnsinn von Frauenbildern durchzurasen."    

Otto Sander als Model

In der Berliner "Bar jeder Vernunft" trifft Elisabeth Prantner auf ihr wohl berühmtestes späteres Model: Otto Sander. Der Schauspieler spricht sie und Fiona Bennett an: Wenn sie einmal eine Kollektion für Männer entwerfen würden, wäre er dabei. Das lassen sich beide nicht entgehen. "Ich habe einen Kutschermantel für ihn gemacht, dazu verrückte Hüte von Fiona – und er hat immer diesen verlorenen, verträumten Vagabunden gespielt. Er hat irrsinnig toll in diese Rolle gepasst." Die Erinnerungen an diese prägenden 80er- und 90er-Jahre lässt Elisabeth Prantner in ihrem ebenfalls experimentell gestalteten Buch "Klääsch" Revue passieren.

Mittlerweile hat die Designerin dem Modezirkus den Rücken gekehrt und sich dem Reparieren und Upcycling von Kleidung verschrieben. Ihr mache zunehmend Bauchschmerzen, dass Mode zum Wegwerfartikel geworden ist. Ihr Atelier sieht sie daher auch als Ort der politischen Bildung: Sie hält "Kleiderschrank-Sprechstunden" ab, gibt Workshops - auch an Schulen. "Wenn die selber etwas nähen, dann sind sie ganz erstaunt, wie lange das dauert, zum Beispiel eine Naht zu nähen. Das T-Shirt kostet ja nur drei oder fünf Euro, und wenn sie das mal selber mal nähen, sehen sie: Um Gottes Willen, das dauert."

(sus)

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