Mit Monstrationen gegen die Obrigkeit

Sondereinheiten der Polizei lösen gewaltsam eine Demonstration in St. Petersburg auf. © AP
Von Boris Schumatsky · 31.10.2011
Russische Monstrationen sind Protestaktionen gegen die Staatsgewalt, deren wichtigste Mittel Witz und Spott sind. Denn in der gelenkten Demokratie Russland, in der Demonstrationen allzu oft mit Gewalt auseinander getrieben werden, greifen Oppositionelle zu immer unorthodoxeren Mitteln des Protestes.
Eine junge Frau lächelt eine Polizistin an, die zusammen mit ihren Kollegen in der Metro fährt. Die Polizistin starrt zurück. Die Frau kommt näher, plötzlich schlingt sie ihre Arme um den Hals der Uniformierten und schenkt ihr einen leidenschaftlichen, langen Kuss auf den Mund.

Das ist der Mitschnitt einer Performance der politischen Art-Gruppe Wojna. Fast 1,5 Millionen Menschen haben es auf Youtube gesehen. Dabei weht den russischen Ordnungshütern sonst nur selten Sympathie entgegen:

"Ich bin Polizeimeister Wassiljew. Mein Gehalt ist ein Witz, aber ich bin Idealist und meine Idee ist: Ich bin hier der Boss und mach mit euch, was ich will."

Wojna ist ein Netzwerk von mehreren Dutzend Künstlern mit Zentren in Moskau und St. Petersburg. Letztes Jahr hat das Petersburger Künstlerkollektiv einen riesigen Penis auf eine Klappbrücke gemalt, die zur Stadtzentrale der Staatssicherheit führt. Als die Brücke nachts hochgeklappt wurde, stand vor dem Geheimdienstgebäude ein leuchtender 65-Meter-großer Phallus. Zwei Wojna-Aktivisten landeten nach monatelanger Fahndung in Untersuchungshaft. Nur dank des britischen Graffiti-Malers Banksy, der 80.000 Pfund gestiftet hat, wurden die Künstler gegen Kaution freigelassen:

"Ich bin Polizeimeister Wassiljew. Ich kann bei dir jederzeit ein Tütchen Gras finden und wenn du nicht blechst, machen wir dir den Prozess - noch krasser als bei Kafka. Wer wäre denn da nicht gerne Polizist?"

Mit diesem Song soll der kritische Rapper Wasja Oblomow im Club HLEB auftreten. Vorausgesetzt, der Club wird nicht im letzten Moment von den Behörden geschlossen, sagt Pjotr Wersilow, ebenfalls Mitglied von Wojna und Veranstalter des Konzerts. Ursprünglich habe diese politische Musikveranstaltung woanders stattfinden sollen, aber dort wurde der Veranstalter unter Druck gesetzt und zur Absage gezwungen. Auch in den Club HLEB seien gestern Staatsanwälte und Brandschutzbeamte gekommen.

"Aber die Clubbesitzer sind tapfere Leute. Sie wurden heute sogar noch einmal von der Staatsanwaltschaft vorgeladen. Trotzdem haben sie keine Schwäche gezeigt. Jetzt gehen wir davon aus, dass das Konzert bald beginnt."

Jetzt laufen jetzt im Club HLEB die letzten Vorbereitungen zum Auftritt des Rappers. Es ist ein Solidaritätskonzert für Artemy Troizky, einem bekannten Musikjournalisten und Putin-Kritiker, dem Haft wegen Verleimdung droht.

Denn unlängst hat Troizky einen Rockmusiker als "trainierten Pudel" des Kremlpolitikers Surkow bezeichnet. Der Architekt der "gelenkten Demokratie" Wladislaw Surkow ist im Kreml auch für die Kontrolle der Opposition zuständig, und er benutzt gerne seine Kontakte in der Popkultur.

Der Anlass für zwei weitere Verfahren ergab sich während eines Rockkonzerts, das am offiziellen Tag der Polizei stattfand. Zu Beginn des Konzerts brachten Pjotr Wersilow und andere Wojna-Aktivisten Puppen auf die Bühne: Lächelnde Polizisten mit einladend geöffneten Uniformtaschen. Artemy Troizky vergab die Puppen dann als ironische Preise an Polizisten, die als besonders korrupt oder brutal bekannt waren. Einer der preisgekrönten Beamten verklagte den oppositionellen Musikkritiker später vor dem Zivil- und vor dem Strafgericht. Jetzt drohen dem Journalisten zwei oder gar fünf Jahre Haft.
Die Gruppe Wojna, zu Deutsch Krieg. Ihre Mitglieder nennen sich Aktivisten, nicht Künstler und sie zahlen für ihren Einsatz. Pjotr, aufgewachsen in einer Moskauer Diplomaten-Familie, hatte Philosophie studiert. Dann wurde er wegen einer provokanten Kunstaktion exmatrikuliert. Heute sei die Kunst von der Politik nicht zu trennen, sagt der 24-Jährige:
"Die Gruppe Wojna existiert nicht nur oder gar nicht auf der Ebene reiner Kunst. Nein, vielmehr bringen wir verschiedene Bürgerinitiativen zusammen oder rufen neue ins Leben. Das kann alles sein. von der Politik bis hin zur Ökologie. Man kann nicht einfach Künstler bleiben, wenn die Gesellschaft derart unterentwickelt ist."

Drei Stunden vor Konzertbeginn kommt eine Alarmmeldung über das Twitter-Netzwerk: Im Club HLEB und auch überall in der Umgebung sind plötzlich alle öffentlichen Brandmelder ausgefallen. Wurden sie zentral abgeschaltet? Wird nun die Brandschutzbehörde den Club schließen? Die Wojna-Aktivistin Nadja Tolokno, die diese Twitter-Warnung zuhause erreicht, traut das den Behörden aus eigener Erfahrung durchaus zu:

"Schauen Sie, dort auf meinem Schreibtisch liegt ein Mobiltelefon und es wird abgehört. Wahrscheinlich ist auch in diesem Zimmer eine Wanze installiert. Ich vermute das, weil die Staatssicherheit FSB über jeden meiner Schritte Bescheid weiß. Das hier ist Russland, wo jeder ein Spitzel der Staatssicherheit sein kann. Das wollte ich lange nicht glauben, aber vor sechs Wochen kam der Beweis. Die Beamten verhinderten eine Aktion, die wir zwei Monate lang vorbereitet hatten.

Als wir am Schauplatz der Aktion ankamen, warteten ungefähr 80 Beamte auf uns, die Polizei und sogar der Personenschutz des Kremls. Später haben wir dann erfahren, dass auch Fotos von einer anderen Aktion, die wir bereits einmal geprobt hatten, in einer Geheimdienstakte gesammelt sind. Dabei gab es diese aufgaben nur an einem Ort und zwar auf meinem Computer. Für die Staatssicherheit ist es natürlich ein Leichtes, einen Virus einzuschleusen, aber ich kam mir einen Monat lang wie vergewaltigt vor. Sie haben sich all meine Fotos angesehen, sie haben alles mitgelesen, was ich getippt habe!"

Im Veranstaltungsort sind die Brandmelder inzwischen wieder in Ordnung. Bis jetzt hat sich auch noch kein anderer Vorwand gefunden, den Club zu schließen. Es kommen die ersten Gäste. Der Aktivist Pjotr Wersilow verteilt Freikarten an Musiker und Journalisten, an Politiker, deren Parteien nicht zur Wahl zugelassen sind - oder einfach an junge Leute, die sich in Putins gelenkter Demokratie entmündigt fühlen:

"Wir alle, die politischen und künstlerischen Aktionisten, stehen in der Tradition des Schriftstellers Eduard Limonow, der mit seiner verbotenen National-Bolschewistischen Partei bereits Ende der 90er-Jahre originelle Straßenaktionen durchgeführt hatte. Als Antwort darauf wurde die erste putintreue Jugendbewegung gegründet, 'Die gemeinsam Gehenden'. Sie haben Limonows Strategie übernommen. Damit entstand ein neues Genre, quer über das politische Spektrum."

Mit Hilfe seiner Jugendorganisation kann der Kreml nun viele Oppositionskundgebungen effektiv und ohne Imageschaden verhindern. Am selben Ort wird dann einfach eine Großaktion der Kremljugend angesetzt, die mit gleichen Mitteln aber entgegen gesetzter Zielrichtung arbeitet.

Die Türsteher des Clubs HLEB schauen sich deswegen die jungen Leute sehr genau an, die in einer langen Schlange auf den Einlass warten.

"Sollen wir einfach alle reinlassen?"," fragt ein Türsteher. ""Ja", antwortet sein Chef, "aber wenn du Leute siehst, die zu zwanzigst oder zu hundert kommen, also du weiß schon, die gerne gemeinsam gehen, dann sofort die Tür zu!"

Um in Russland eine Revolution wie in Georgien und der Ukraine zu verhindern, hat Putins Chefstratege Surkow hunderttausende Jugendliche für kremlteue Jugendorganisationen rekrutieren lassen. Gemeinsame Aufgabe der kremltreuen Jugend ist es, aktive junge Bürger von politischen Problemen abzulenken und zugleich die Opposition von der Straße zu vertreiben. Wie diese Gruppen vorgehen, hat die oppositionelle Künstlerin Nadja Tolokno erst kürzlich erlebt. Eine Stunde vor Beginn einer Veranstaltung sind fünfzig Vertreter der Naschi gekommen und haben gleich alle Plätze im Raum besetzt.
"Es war eine öffentliche Debatte, wir gegen Naschi. Sie haben kein wahres Interesse an der Politik. Der Grund, warum sie sich für Putin einsetzen, erschließt sich nicht so einfach. Vielleicht haben sie dafür finanzielle Gründe oder sind einfach von Putins Macho-Image betört? Es war jedenfalls unmöglich, mit ihnen zu diskutieren. Egal was man ihnen sagt, es gab nur eine Antwort: Das System Putin ist toll."

Die Naschi funktionieren nach dem Prinzip des Netzwerk-Marketings: Jeder Aktivist soll neue Mitglieder für seine Zelle rekrutieren. Diese bringen dann neue Leute mit. Je größer die Zelle wird, desto mehr Geld kann sie vom Kreml beanspruchen. Nach Angaben der Finanzzeitung "Wedomosti" bekommen die Naschi jährlich circa drei Millionen Euro. In ihrem Gründungsjahr 2005 hat die Bewegung mit diesem Geld eine rechtsradikale Gruppierung finanziert. Im Gegenzug dienten ihnen die Neonazis als Schutztruppe.

Mehrere oppositionelle Politiker und Journalisten wurden zu dieser Zeit Opfer körperlicher Angriffe. Wer jeweils konkret dahinter stand, konnte nie ermittelt werden. Die kremltreue Jugend bestreitet jede Beteiligung an den Angriffen. Heute verzichtet sie auf die Zusammenarbeit mit Fußball-Hooligans und Rechtsradikalen und baut eigene Kampfgruppen auf.

Naschi-Aktivist Pawel erzählt gerne, er sei 192 Zentimeter groß und 110 Kilogramm schwer. Der kurz geschorene blonde Riese hat eine Kampfausbildung bei Spezialeinheiten erhalten. Jetzt ist er gerade dabei, für Naschi eine schnelle Eingreiftruppe aufzubauen. Pawel hat bereits zehn Leute bestimmt, von denen jeder ein eigenes Team anführt. Seine Truppe soll bei Nashi-Aktionen für Sicherheit sorgen. Von der oppositionellen Gruppe Wojna und deren provokanten Aktionen hält Pawel nichts.

"Ich halte sehr große Stücke auf die Staatssicherheit FSB, wie überhaupt auf alle Strukturen unseres Staates. Aber es gibt bei uns junge Leute, die sich über alles lustig machen. Hauptsache, sie haben ihren Spaß. Solche Leute sind einfach schlecht erzogen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen."

Drei Türsteher in schwarzer Uniform bilden vor dem Club HLEB eine Sperre. Noch gehen aber nur Passanten vorüber. Manche bleiben vor einem kleinen Verkaufsstand stehen, an dem Flyer angeboten werden und Anstecker mit der Aufschrift "Freiheit für Troizky!" oder "No pasaran!", ein Slogan der Republikaner, die im spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten gekämpft hatten. Im Club beginnen die Musiker mit dem Soundcheck.

Offiziell bezeichnet sich Naschi als antifaschistische Bewegung. Sie haben mehrere Zeitungen im Westen verklagt, die sie in Anlehnung an die Hitlerjugend als Putinjugend bezeichneten. Die Bewegung Naschi ist in der Tat eher dem sowjetischen Komsomol nachempfunden. Wie einst im Kommunistischen Jugendverband wird ihren Mitgliedern lediglich eine grundsätzliche Akzeptanz des Regimes abverlangt. Als Gegenleistung fungiert die Bewegung als eine Art sozialer Aufzug für Jugendliche aus bildungsfernen Schichten, die im heutigen Russland von jeglichem gesellschaftlichem Aufstieg abgeschnitten sind.

Naschi-Mitglied Pawel ist nicht zum Club HLEB gegangen. Er hält heute Stellung vor dem Eingang eines Moskauer Hypermarktes. Pawel ist erst zwanzig, hat aber schon einiges hinter sich: Kampfausbildung, abgebrochenes Abitur, Kochlehre, abgebrochene Studien der Jurisprudenz, Informatik und Mathematik.

Demnächst will er es mit der Politologie versuchen. Die Mitgliedschaft bei Naschi wird Pawel sicher helfen, in der Politik Fuß zu fassen. Derweil nimmt er aber an einer anderen Kampagne teil. Die Naschi protestieren gegen den Handel mit abgelaufenen Lebensmitteln in der französischen Hypermarktkette Auchan. "Hört auf uns zu vergiften!" steht auf dem Transparent, das Pawel hochhält. Es sieht so aus wie eine engagierte Protestaktion, aber, sagt die Wojna-Aktivistin Nadja Tolokno, das sei es definitiv nicht.

"Es ist ja offensichtlich: Denn den Naschisten wird befohlen, irgendwohin zu gehen und dort etwas zu tun, und sie führen das mechanisch aus."

Junge Menschen in Plattenbau-Vorstädten, die um sich herum lauter Missstände sehen, lockt der Drahtzieher Surkow mit dem Versprechen, sie könnten ihre Umgebung verbessern. Die Protestenergie der Jugend wird in Probleme kanalisiert, die sozial zwar von Bedeutung sind, politisch dem Kreml aber nicht schaden. Pawel hat sich den Kampf gegen den Handel mit abgelaufenen Waren zur Aufgabe gemacht.

"Die Idee mit dem französischen Hypermarkt Auchan ist mir gekommen, als ich mit einem Freund auf der Rolltreppe stand. Wir haben uns gerade über abgelaufene Lebensmittel geärgert. Die abgelaufene Ware ist ja eine biologische Gefahr, also haben wir Leute zusammengetrommelt, haben Chemikalienschutzanzüge besorgt, Gummistiefel, Gasmasken, und so sind wir zum Auchan gefahren und haben dort abgelaufene Lebensmittel eingesammelt, drei oder fünf Einkaufswagen voll! Wir haben noch Trockeneis da reingelegt, damit es so schön raucht."

Pawel und andere Naschisten sind davon überzeugt, dass Aktionen gegen den Handel mit abgelaufenen Waren und ähnliche Kampagnen ihre Heimat besser machen werden. Gleichzeitig betrachten sie die Menschen, die solche Missstände mit dem politischen System in Zusammenhang bringen, als Feinde.

"Unsere Gegner sind Leute, die das Land ruinieren wollen. Jeder, der zum Beispiel Drogen verkauft, ist unser Gegner. Genauso die Leute, die ein anderes Land unterstützen. Ich finde, dann sollten sie auch dorthin ziehen, nicht wahr? Diese Leute sagen, in Amerika ist alles so gut! Und in Frankreich noch besser! Sie wollen für Russland dasselbe System wie dort. Aber ich lebe hier, und das macht mir sehr viel Spaß. Unser Land verbessert sich ständig. Ich weiß, dass ich es für meine Kinder aufbaue."

Seine engsten Verbündeten, sagt Pawel, heißen Putin und Medwedew.

"Im System Putin trifft eine kleine Gruppe alle politischen Entscheidungen über die Köpfe der Menschen hinweg. Die meisten Menschen sind sogar froh, dass ihnen die Last der Entscheidung abgenommen wird. Viel zu Wenige protestieren dagegen und wir erleben deswegen einen Rückschritt, während wir Fortschritt und politisches Bewusstsein brauchen."

hält ihn die Oppositionelle Nadja Tolokno entgegen, während Vertreter der kremltreuen Jugend an einen russischen Sonderweg glauben.

"Es gibt Menschen, die Traditionen bewahren, und andere, die Veränderungen wollen. Gut dass es beides gibt, alles andere würde zur Stagnation oder zum Einsturz führen. Man muss aber aufpassen, dass keine Seite die Überhand bekommt. Das ist ein Gesetz der Schöpfung."

"Heute brauchen wir keine jubelnden Schlägerprolls", sagte ein Kremlbeamter der Zeitung "Kommersant". Doch wenn dieses erstarrte System zusammenbricht, könnte auch Pawel einen Einsatzbefehl bekommen. Bis dahin sollte man aber die Bewegung Naschi nicht dämonisieren, sagt der Wojna-Aktivist Pjotr Wersilow:

"Das sind erst einmal zwanzigjährige Jungs und Mädels, die einfach zu simpel sind. Putin appelliert generell nur an simple Menschen und er bietet ihnen simple Lösungen an, weil komplexe Probleme sie komplett überfordern würden. Es gibt also keinen Grund sich zu fürchten. Wir schreiben nicht 1937, das ist kein Stalinterror. Wenn die Macht tötet, dann tut sie das sehr selten und sehr feige und bestreitet später ihre Beteiligung. Also Schluss mit der Angst, an die Arbeit."

Der angeklagte Rockmusikkritiker Troizky kommt auf die Bühne:

"Wir haben unsere Rechte. Wir sind freie Menschen, und wenn wir wollen, dass es so bleibt, sollten wir unser Recht verteidigen. Wir sind keine zitternden Kreaturen, wie es bei Dostojewskij heißt. Bei Dostojewskij hatte das kein gutes Ende genommen, aber wir werden es schaffen. Alles wird sehr, sehr gut werden!

Ihr denkt, Russland sei nur für Bürgermeister, Landesfürsten und Minister, nein, Russland ist für einfache Polizisten!"
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