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Fazit | Beitrag vom 16.10.2020

"Mit allen Sinnen!" in der Staatsgalerie StuttgartImpressionistische Kunst sehen, riechen und hören

Von Rudolf Schmitz

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Die Familie Monet – Mutter, Vater, Sohn – auf einer Wiese, gemalt von Édouard Manet. (imago images / Everett Collection)
Die Familie Monet – Mutter, Vater, Sohn – auf einer Wiese, gemalt von Édouard Manet. (imago images / Everett Collection)

Die Staatsgalerie Stuttgart ruft Erinnerungen an eine bedrohte Sinnlichkeit wach - mit noch nie gezeigten Meisterwerken aus privaten Sammlungen. Die Schau sorgt für den etwas anderen Blick auf den Impressionismus, urteilt unser Kritiker.

Ganz allein hängt das kleine Format im ersten Raum der Ausstellung: "Flieder in einer Glasvase" von Édouard Manet, 21 mal 27 Zentimeter. Blauweißer Flieder, fast verwaschen gemalt, als sei da eine Kamera im Moment der Aufnahme bewegt worden, als ginge es darum, eine Duftwolke loszuschicken.

"Wir betrachten den Flieder von Édouard Manet und sehen ein Meisterwerk der impressionistischen Malerei, der Verkürzung von Stofflichkeit, der Evokation von Lichtreflexen, von Schatten, von Räumlichkeit. Und was wir nicht reflektieren, ist, dass das ein Flieder ist; und dass dieser Flieder einen Duft hat, eine Farbe; und dass dieser Flieder in uns alle Fliedererlebnisse wecken kann, die wir je hatten", sagt der Kurator der Ausstellung, Christofer Conrad.

Sinnliche Assoziationen und eine knisternde Atmosphäre

Darum geht es in dieser Schau, nicht um kunsthistorische Verortung, sondern um die Entdeckung der sinnlichen Assoziationen, die in uns Betrachtern bereitliegen und die Bilder wie diese in uns aktivieren können, wenn sie wie eine fesselnde Kostbarkeit präsentiert werden. 

Edgar Degas hatte das Talent, seine Tänzerinnen so darzustellen, als seien sie unbeobachtet - in selbstverliebter Träumerei. Die eine hat sich aufs Klavier gesetzt und kratzt sich ungeniert am Rücken, die andere zupft ihre Ballerinen zurecht. Eine Leihgabe aus Privatbesitz, die das Warten vor dem großen Auftritt in knisternde Atmosphäre verwandelt. 

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Das tänzerisch Anmutige zieht sich durch die gesamte Schau und sorgt tatsächlich für den etwas anderen Blick auf den Impressionismus. Denn die Bewegtheit der Bilder teilt sich dem Körper mit und sorgt für eine beschwingte und aufnahmebereite Stimmung.

Besondere Leihgaben aus Privatbesitz

Der Dialog von Eigenbestand und selten oder nie gezeigten Leihgaben aus Privatbesitz misst die breite Skala der Sinneseindrücke aus. Die Leihgabe "Rand der Steilküste bei Pourville" zeigt sich von ganz anderem Temperament als Monets "Meer bei Fécamp" aus dem Besitz des Hauses. Co-Kuratorin Katarina Schorb erklärt: 

"Ich finde, diese Landschaft, diese 'Steilküste', hat so etwas Tänzerisches, so eine Leichtigkeit und diese Blumen auch. Man hat den Eindruck vom Wind, der durch das Gras weht. Und beim 'Meer bei Fécamp', da hat man eher den Eindruck von der Gischt und der Brandung, die gegen die Felsen schmettert. Also ganz unterschiedlich, wie Monet die Sinne anspricht: über Farbe, über den Pinselstrich, über die Bewegung."  

Eine Mutter steht mit ihrem Kind am Ufer der Seine. Beide betrachten Segelboote. (picture alliance/Active Museu/MAXPPP/dpa)Das Seine-Ufer in Argenteuil war ein beliebtes Motiv von Claude Monet. (picture alliance/Active Museu/MAXPPP/dpa)
Im großen Tageslichtsaal dann vorwiegend Landschaften: Alfred Sisley, Camille Pissarro, Eugène Boudin, Gustave Caillebotte: das Seine-Ufer, Segelboote bei der Brücke von Argenteuil, Menschen im sonnenflirrenden Getreidefeld, eine Pappelallee bei Giverny. 

"Das ist pure Malerei, und trotzdem wird durch diese pure Malerei in mir auf einmal Frühling, Sonne, Leichtigkeit, Beschwingtheit, Wärme - was auch immer ausgelöst. Und genau das ist das Faszinierende und Spannende, dass das nach mehr als hundert Jahren mit diesen Werken nach wie vor so gut funktioniert, weil sie eben genauso konzipiert waren. Es geht wirklich nur noch um die Flüchtigkeit des Seins", sagt die Direktorin der Staatsgalerie, Christiane Lange.

Erinnerungen an derzeit bedrohte Sinnlichkeit

Es sind Bilder, die glücklich machen können. Sehen, riechen, hören, schmecken, fühlen – diese Gleichzeitigkeit ereignet sich immer wieder - und wir werden zu dieser Offenheit durch die Themenwahl ermutigt. Vor mehr als zwei Jahren konzipiert, kommt diese Ausstellung heute zur richtigen Zeit. Kurator Christofer Conrad erklärt: 

"Durch die Coronazeit sind unsere Sinne für Neuigkeiten extrem geschärft und für das Schöne extrem abgestumpft, weil wir eigentlich nur auf den nächsten Hammer warten und kaum noch zulassen können, dass irgendetwas uns vollkommen erfüllt: mit Schönheit, mit Assoziationen an schöne Erlebnisse, an Landschaften, die uns faszinieren. All das fehlt uns."

Die Schau in der Stuttgarter Staatsgalerie möchte so etwas wie die Proustsche Madeleine sein, die Erinnerungen an eine derzeit bedrohte Sinnlichkeit in uns wachruft. Das gelingt ihr durch klug gesteuerte Präsentation und den Verzicht auf kunsthistorische Rückwärtsschau. Einfach nur das Glück zu malen – hier ist es mit Händen zu greifen.

Die Ausstellung "Mit allen Sinnen! Französischer Impressionismus" ist bis zum 7. März 2021 in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen.

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