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Vollbild | Beitrag vom 12.03.2016

"Miss Fishers mysteriöse Mordfälle"Tot im Art-déco-Heim

Von Laf Überland

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Eine Art-déco-Halle im Lopez Serrano's Gebäude in Havana, Kuba (picture alliance / dpa / EFE/Alejandro Ernesto)
Eine Art-déco-Halle im Lopez Serrano's Gebäude in Havana, Kuba (picture alliance / dpa / EFE/Alejandro Ernesto)

Miss Marple trifft auf den großen Gatsby: In der TV-Serie "Miss Fishers mysteriöse Mordfälle" dreht sich alles um eine moderne Frau der Zwanzigerjahre mit kriminalistischem Geschick. Das ist gemütlich, komisch und manchmal läppisch – aber immer toll anzusehen und erfrischend.

Constable: "Warten Sie! Es ist stockdunkel!"
Phryne Fischer: "Folgen Sie mir, Constable, ich habe Augen wie ein Fuchs. Los Männer! Nicht schlappmachen!"

Eine Mittvierzigerin, die auf junge Männer steht und "Lady Chatterly's Lovers"  liest – ansonsten weiß der Zuschauer nicht viel über die ehrenwerte Miss Phryne Fisher. Früher war sie arm, aber auf irgendeine Weise ist sie zu unglaublich viel Geld gekommen. Im Weltkrieg hat sie als Krankenschwester schlimme Sachen gesehen, sich danach eine Weile in der Pariser Bohème vergnügt und kommt dann mit dem Dampfer zurück nach Melbourne. Freunde laden zum Begrüßungsessen – und prompt liegt der Gastgeber tot im Badezimmer.

Luxus, Glamour, Charleston

Schüsse erschrecken sie, aber nichts hält Phryne davon ab, Kriminalfällen auf den Grund zu gehen – als seien sie Teil von Luxus und Glamour und der modernen, wilden Charleston-Zeit.

Phryne: "Mein Kompliment an die Band, Mr Stone!"
Klubbesitzer: "Teufelsmusik!"

Miss Phryne ist eine durch und durch moderne Frau der Zwanziger: Mit Schlafzimmerblick unterm Louise-Brooks-Bubikopf tanzt sie so anzüglich, dass Tante Prudence ganz schwindelig wird vor Scham, und natürlich fährt sie selbst Auto, kann ein Flugzeug fliegen, an Häuern hochklettern und mit ihrem perlenbesetzten Revolver gut auf sich selbst

Prudence: "Ach, Phryne!"

Dauernd brechen irgendwo Männer tot zusammen

Und es ist umwerfend, wenn sie in hermelinweißem Hosenanzug die Fabrikstreikposten durchbricht – auch wenn das Oberteil bald darauf Blutspritzer-rot gesprenkelt ist. Denn gerne sterben unbekannte junge Männer in ihren Armen und drücken ihr noch ein Geheimnis in die Hand. Oder sie brechen irgendwo tot zusammen, im Buchladen, auf der Tanzfläche, sogar auf offener Bühne. Mal kommt dann das Medium Mrs Bolkonsky ins Spiel, mal hat der Theaterintendant einen Geist auf der Bühne, mal verschwinden plötzlich alle Diener und der Fischverkäufer. 

Aber Phrynes Seele wird gestärkt durch ihre Patchworkfamilie, die sie wie Strandgut um sich sammelt: zwei zufällig aufgegabelte sozialistische Taxifahrer, einen Butler namens Mr Butler, ihre junge, schüchterne und – ogottogott! – katholische Haushälterin Dot. 

Dot: "Mein Priester sagt, es sei unnatürlich, Elektrizität durch Drähte zu schicken. Denn irgendwann kommen sie in Kontakt mit dem flüssigen Kern der Erde, und dann wird die ganze Erde explodieren."

Sie sind ihr Team, wenn Phryne Fisher dem unterkühlten Detective mit den schmelzenden Augen und dessen herzensgutem, dauerverliebten Constable in ihre Fälle pfuscht. Kriminaltechnische Tipps holt sie sich dann bei ihrer alten Freundin, der lesbischen Ärztin. 

Erpressung wegen Homosexualität

Ärztin: "Sieht wie Nervenpulver aus. Wird meistens Frauen verschrieben, dem hysterischen Geschlecht. Gegen Erschöpfung, Nervenzusammenbrüche, wandernde Gebärmutter."

Phryne: "Wieso in aller Welt sollte eine Gebärmutter
Ärztin: "Laut Hippokrates verursacht durch unnatürliches Verhalten wie Enthaltsamkeit."
Phryne: "Ach, gut! Dann geht meine nirgendwo hin."

Munter geht es durch die Unter- und die Oberschicht – ein bisschen amerikanischer Großstadtdschungel, ein bisschen Downton Abbey. Aber die Probleme sind nicht so gemütlich: Missbrauch, Erpressung wegen Homosexualität, in einem Fall ist der Hauptverdächtige geistig behindert. Und gefallene Mädchen werden nicht mit kummervollen Blicken gezeigt, sondern als blutende Opfer illegaler Abtreibung und den dazugehörenden sozialen Missständen.  

Taxifahrer: "Lenin hat die Abtreibung schon 1920 legalisiert."
Phryne: "Ich unterbreche den Klassenkampf nur ungern, aber wer bitte ist Schlächter George?"

Diese Autos! Diese Hüte! Diese Ausstattung!

Und wenn's pressiert, kann sie auch aus dem Stand eine Straßenhure geben. Aber vor allem sind die Roaring Twenties in "Miss Fishers mysteriösen Mordfällen" eine Augenweide. Diese Autos! Diese Hüte! Diese Ausstattung! Und diese umwerfend schönen Klamotten, in denen die ehrenwerte Phryne Fisher sich zwischen silberverzierten Fläschchen und Art-déco-Bögen, Jugendstilgemälden und Tiffany-Lampen räkelt und chillt, mit Champagner.

Phryne: "Kosten Sie doch mal dieses Gratin, Jack."
Detective: "Sie sollten die Situation ernst nehmen."
Phryne: "Ich habe seit 1918 keine Situation ernst genommen." 

Natürlich sind die Kriminalfälle von Miss Fisher an sich läppisch – aber es ist ein Genuss zu sehen, was passiert, wenn Miss Marple auf den großen Gatsby trifft: harmlos, aber ungewöhnlich liebevoll und sorgfältig gemacht. Mal ist das gemütlich und ulkig, gelegentlich auch düster und unheimlich, aber erfrischend ist immer Phrynes Einfallsreichtum: zum Beispiel eine giftige Spinne unter ihrem Diaphragma zu verstecken.

Detective: "Apropos, wo ist Mr Freeman?"
Phryne: "Beim Anblick des Blutes eilte er zur Herrentoilette, um sich zu übergeben."

"Miss Fishers mysteriöse Mordfälle", ab 15. März 2016 auf EinsFestival.

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