Energiepflanze Miscanthus

Ein Heizungsbauer als Nachhaltigkeitspionier

30:03 Minuten
Thomas Stöber (l.) und Timo Meyer vor einem Feld mit Miscanthus-Gras
Nutzen nachhaltige Energie: Heizungsbauer Thomas Stöber (l.) und Hotelier Timo Meyer vor einem Feld mit Miscanthus-Gras. © Deutschlandradio / Anke Schaefer
Von Anke Schaefer · 18.01.2022
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Thomas Stöber hat mit der Familientradition gebrochen. Er wurde Heizungsbauer statt Landwirt - und dann zum Miscanthus-Gras-Pionier. Die Energiepflanze spart nicht nur Heizöl, sondern bindet auch viel CO². Aber noch ist sie relativ unbekannt.
Thomas Stöber ist einer, der weiß, was er will. Sein Großvater war Landwirt, sein Vater war Landwirt, er aber entschied sich, Heizungsbauer zu werden. Als solcher sorgt er dafür, dass der Berggasthof Ahrenberg, ein alt eingesessener Gasthof mit Hotel und über 40 Zimmern, bestehend aus einem Haupt- und einem Nebenhaus, fast vollständig mit Miscanthus-Gras beheizt wird.

Ich will wissen: Was ist das für eine Wunderpflanze? - Wir gehen zu dritt von dem Fachwerkhof aus los, in dem Thomas Stöber mit seiner Familie wohnt. Er, der Heizungsbauer, Timo Meyer, der mit seiner Frau das Hotel Ahrenberg führt, und ich. Etwa einen Kilometer spazieren wir in die Felder hinein, dann zeigt Thomas Stöber auf eine große hölzerne Halle.

„Das ist unser Energiekontrakting, unser Außenlager. Das ist unsere ehemalige alte Milchhütte, wo wir die Kühe gemolken haben. Die habe ich jetzt erweitert - für Lager noch mit zu.“

„Elefantengras“ als Energiepflanze

Direkt daneben wiegt sich auf einem großen Feld das Schilf im Herbstwind. Nicht irgendein Schilf. Sondern das Riesen-Chinaschilf, das Elefantengras, das ganz besondere Eigenheiten besitzt.

„Was man jetzt hier sieht, das ist Miscanthus Giganteus, eine C4-Pflanze. Eine Energiepflanze, die nutzen wir jetzt zum Heizen. Die schafft es, auf einem Hektar round about sechs- bis siebentausend Liter Heizöl zu ersetzen. Wir haben jetzt momentan sieben Hektar angepflanzt - sprich, wir liegen jetzt bei 35.000 bis 42.000 Liter Heizöl im Äquivalent.“
Miscanthus-Gras
Miscanthus Giganteus, eine Energiepflanze, die zum Heizen genutzt werden kann.© Deutschlandradio / Anke Schaefer
Thomas Stöber bückt sich und liest vom Boden etwas auf, was aussieht wie eine schwarze Ingwerwurzel.

„Keine Ingwerwurzel, sondern das ist ein Miscanthus-Rhizom! Das heißt, im Endeffekt wird das Miscanthus gepflanzt, indem die einzelnen Rhizome, also Wurzelreste, die geerntet wurden, in den Boden gebracht werden, wie eine Kartoffel. Und beim Miscanthus haben wir den Vorteil, dass die Kultur 20 bis 25 Jahre steht, im gleichen Ertrag. Das heißt, die Planungssicherheit ist natürlich jetzt die nächsten Jahre gegeben. Weil bei der Pflanze zum Glück noch keine Schädlinge und nichts bekannt ist.“

Man muss dieses robuste Schilfgras also nur pflanzen, dann warten, bis es wächst, es über den Winter stehen lassen, so dass die Blätter zu Boden fallen und es düngen. Und es dann im Frühjahr ernten, einfahren und häckseln.

„Im April oder Mai kommt ein normaler Maishäcksler, da haben wir einen Lohnunternehmer, der macht das ganze Material runter und häckselt das.“

Und dann wächst dieses Riesen-Schilfgras aus den Wurzeln wieder neu.

Fähig, sehr viel CO² zu binden

Auf etwa 5500 Hektar wird es insgesamt derzeit in Deutschland angepflanzt, auch gefördert von der EU. Die Landwirte sollen nämlich in ihren sogenannten ökosystemaren Dienstleitungen unterstützt werden. Das weiß Ralf Pude von der Universität Bonn, Professor für Nachwachsende Rohstoffe, in Fachkreisen auch bekannt als der Miscanthus-Papst. Was sind denn ökosystemare Dienstleistungen?

„Dadurch, dass Miscanthus über Winter auf der Fläche steht und über Winter abreift, können sich sehr viel Nützlinge in diese dichten Bestände zurückziehen, Florfliegen, Marienkäfer, aber auch Fasane zum Beispiel. Zum anderen fallen aber auch über Winter die Blätter von den Stengeln ab und bilden eine Mulchschicht auf dem Boden, dadurch erhöht sich auch langfristig der Humusgehalt, dadurch haben wir Erosionsschutz, das sind so Maßnahmen, die die ökosystemaren Dienstleistungen umschreiben.“

Oft als Einstreu verkauft

Unter einem ausladenden Dach, das an die Holzhalle angebaut ist, liegt ein großer Resthaufen von gehäckseltem Miscanthus-Gras. Sieht aus wie Streu für Käfige. In der Tat wird gehäckseltes Miscanthus-Gras oft als Einstreu verkauft. Für Kleintier-Käfige oder auch für Pferdeställe. Es ist saugstark und absorbiert Gerüche.
Thomas Stöber und die Autorin mit Mikrofon vor einer Presse
Thomas Stöber (li.) und die Autorin vor der Presse: Hier werden die Pellets hergestellt.© Deutschlandradio / Anke Schaefer
Thomas Stöber aber wird das Gras ja verbrennen. Dazu muss es erst gepresst werden. Neben dem Resthaufen stehen weiße Säcke, gefüllt mit gepresstem Miscanthus-Gras:

„Das Gehäckselte könnte man schon zur Verbrennung nutzen, nur hat man das Problem, dass das sehr groß, also sehr voluminös ist. Wenn ich auf sieben Hektar die Fläche nehme - so viele Lager habe ich nicht, das unterzubringen. Daher haben wir uns entschieden, den Brennstoff zu komprimieren, also sprich: zu pressen. Wir pressen wie so Eishockey-Pucks, von der Größe her.“

Pellets in der Größe von Eishockey-Pucks

Diese Eishockey-Pucks nennen sich dann Pellets. Hier, einen Kilometer entfernt vom Hof, in den Feldern, in der ehemaligen Milchhütte, hat Thomas Stöber natürlich keinen Strom. Daher muss er das Stromaggregat anschalten, wenn er die Miscanthus-Gras-Presse anwerfen will.

„Das ist das Stromaggregat, das haben wir erneuert, im Schallschutzbereich, weil das Ältere, das da war, da hätten wir uns nicht unterhalten können, hier. So laut war das …“

Jetzt stehen hier grad drei prall gefüllte weiße Säcke mit Miscanthus-Pellets.

„Ich vermute mal, dass aufgrund der Bodengüte und alles, was wir hier haben, wir so die 100 bis 120 Tonnen erreichen werden, bei den sieben Hektar. Alles andere wäre noch mal ein Sahnehäubchen. Aber das würde uns auch reichen, weil das Ziel, das wir hier im Moment haben, erreichen wir damit.“

Es spricht aus Thomas Stöber der zufriedene Unternehmer. Der gebrochen hat mit der Tradition seiner Ahnen – und vom Bauern zum Heizungsbauer wurde. Und jetzt zum Miscanthus-Pionier. Als solcher trägt er nicht nur dazu bei, dass weniger Heizöl verbrannt wird, sondern auch, dass CO² aus der Atmosphäre gebunden wird.
Ralf Pude von der Universität Bonn erklärt uns das so:

„Ein Hektar Miscanthus – wenn er etwa einen Ertrag von 18 Tonnen pro Hektar und Jahr hat – bindet der etwa 30 Tonnen CO². Das ist enorm viel. Das macht keine andere Pflanze, die man bisher in Deutschland anbauen kann. Das liegt daran, dass die so schnell wächst, sie wächst fünf Zentimeter am Tag. Wenn etwas schnell wächst, dann betreibt es viel Photosynthese, daher bindet es enorm viel CO².“

Neue Pflanze - in einem alten Dorf

Vier Meter hoch wächst dieses neue Wundergras mit dem Wedel oben drauf. Es tut seinen Dienst hier auf dem Ahrenberg, der eine sehr alte Siedlung ist. Ursprünglich bestand sie allein aus den vier Fachwerkhöfen, und bis heute sind nur wenige Häuser dazugekommen. 1387 wurde sie als hessisches Lehen im Besitz des Adelsgeschlechtes derer von Dörnberg zum ersten Mal erwähnt.

Es waren sogenannte Erbmeier, die die Felder über die Jahrhunderte bewirtschafteten und dieses Recht zur Bewirtschaftung immer auf den ältesten männlichen Nachkommen vererbten. Unter Napoleon wurde die Leibeigenschaft abgeschafft, die Bauern wurden frei. 1811 konnten die vier Ahrenberger Erbmeier ihre Höfe von der Familie von Dörnberg kaufen. Und noch heute leben die Nachfahren genau dieser vier Familien hier auf dem Ahrenberg. Thomas Stöber ist einer von ihnen.

Timo Meyer hingegen, der neben uns schon die ganze Zeit von einem Fuß auf den anderen tritt, gehört nicht zu den Nachfahren der Erbmeier-Familien, aber seine Frau Silke Stöber. Gemeinsam mit ihr führt er den Berggasthof Ahrenberg. Thomas Stöber ist Timo Meyers angeheirateter Cousin. Meyer hat die Miscanthus-Idee immer unterstützt.

„Uns ging es darum, dass mein Cousin die Idee hatte und über den Tellerrand geschaut hat, ähnlich wie mein Schwiegervater, der in den 50er-, 60er-Jahren das Hotel aufgebaut hat. Und wir uns loslösen mussten oder wollten von den fossilen Brennstoffen, von den Abhängigkeiten, von der Preisspirale. Es ging auch darum zu zeigen, man kann auch auf eigenen Beinen stehen!“

Von kurzen Wegen profitieren

Der Berggasthof Ahrenberg kauft also die Wärme, die Thomas Stöber erzeugt - indem er die prall gefüllten weißen Säcke zurück zum Hof transportiert, die Pellets dort durch einen Schacht in die Heizungsanlage füllt, sie verfeuert und über ein durchdachtes Netzwerk von Rohren, das sie hier die „Fernwärme“ nennen, ins Hotel transportiert. Das Hotel steht direkt neben Thomas Stöbers Hof. Alle profitieren von den kurzen Wegen. Ganz klar, sagt Heizungsbauer Thomas Stöber, dies ist eine Win-win-Situation.

„Win-win für den Betreiber des Ahrenberg insofern, dass wir preislich uns so gekoppelt haben, dass wir immer unter dem Ölpreis bleiben. Das heißt: die Kilowattstunde Energie. Und dadurch hatte er auch den Vorteil daraus. Die Investitionsmaßnahmen hatten wir damals zu 100 Prozent getroffen, in Eigenregie. Daher die Win-win-Situation: ich, dass ich mein Projekt umsetzen konnte und auch Freude dran habe, und der Ahrenberg, dass die Kostensituation entschärft wurde und auch in Zukunft entschärft wird.“

Heizölbedarf um 90 Prozent reduziert

„Man muss fairerweise sagen, dass wir immer noch ein Heizöl-Reservoir haben, das auf ein Drittel reduziert ist, um Ausfälle zu kompensieren. Aber wir haben insgesamt für uns den Heizölbedarf um über 90 Prozent reduzieren können. Wir sind wir runter auf 3000. Also 27.000 Liter sparen wir ein.“

27.000 Liter Heizöl eingespart. Klingt gut. Das sieht auch Ralf Pude von der Uni Bonn so, der bei seiner Heizung aber nicht auf Miscanthus umgestiegen ist. Die Heizungsanlage passe nicht in sein Haus, sagt er.

„Ich selber habe kein Öl und kein Gas. Ich heize mit Scheidholz und nutze das, um unabhängig zu werden. Aber die Gegebenheiten würden es bei mir nicht zulassen, obwohl ich Miscanthus-Verfechter bin, mit Miscanthus zu heizen. Und so wird es vielen anderen auch gehen.“

Miscanthus-Zukunft für das ganze Dorf?

Hier auf dem Ahrenberg steht die erste Heizung aber bereits und die drei anderen Höfe hätten bestimmt noch freien Platz in den Kellern. Wäre es da nicht ökologisch und sehr praktisch, frage ich mich, den ganzen Ahrenberg, also alle vier Höfe mit Miscanthus zu beheizen - und ein Zeichen zu setzen für viele andere Dörfer, die diesem Beispiel dann folgen könnten?

Timo Meyer wiegt zweifelnd den Kopf. Es ist Tradition, dass die Ahrenberger ihre Höfe mit Holz aus dem Eigenwald heizen. Sie sehen sich also auch ohne Miscanthus in punkto Nachhaltigkeit schon auf der sicheren Seite. Er sieht aber noch einen anderen Grund, aus dem seiner Meinung nach ein übergreifendes Energiekonzept fürs ganze Dorf nicht kommen wird.

„Der Gedanke ist gut, ein Gesamtkonzept zu machen, aber da haben wir nicht mehr den richtigen Zeitpunkt, dass wir einsteigen. Das müsste die Generation nach uns in die Hände nehmen. Man muss berücksichtigen, dass wir alle Generation 50, 50+ sind und Investitionen in dieser Größenordnung natürlich auch einen gewissen Zeitraum brauchen, bis der Break Even erreicht ist.“

Vom Miscanthus-Gras-Feld an den Esstisch im Hause von Stöber-Meyers. Dort treffe ich Leonie und Finn, 23 und 18 Jahre alt, die Kinder von Silke Stöber-Meyer und Timo Meyer. Das Haus, ein weitgehend gläserner Neubau, steht im Dorf neben dem Hotel. Leonie erinnert sich genau an den Tag, an dem die Rhizome gesetzt wurden.

Energiegewinnung “ein guter Aufwand“

„Eigentlich wie früher mussten die Wurzeln gesetzt werden. Eine selbstgebaute Apparatur von Thomas wurde dann an den Hänger drangehangen, wo zwei alte Sitze angebracht wurden, und da wurde in die Mitte ein Fallrohr gelassen, wo das reingefallen lassen wurde. Das war schon viel Arbeit, aber wenn man sieht, wie viel Energie man aus diesem wenigen Gras bekommt, dann ist das schon ein guter Aufwand!“

Ein Aufwand, den der Heizungsbauer Thomas Stöber also überhaupt nur mit der Hilfe der Großfamilie stemmen konnte. Finn hört seiner Schwester zu und nickt. Er war beim Setzen der Rhizome auch dabei.

„Ich find es gut, weil man einfach ökologischer wird und die Region unterstützt, und weil es von der Familie ist, ist es nochmal besser. Ich habe nichts, was ich dagegen sagen kann!“

Nächste Generation mit anderen Zielen

Finn und Leonie sind „die nächste Generation“. Sie könnten mit den anderen jungen Leuten hier oben auf dem Ahrenberg ein übergreifendes Energiekonzept mit Modellcharakter installieren, aufbauend auf dem, was schon da ist. Aber bevor sie an so etwas denken könnten, müssten sie sich ja erstmal für den eigenen Betrieb, sprich für das Hotel entscheiden. Wollen sie das? Leonie studiert Chemie — hat grad mit dem Master begonnen.

„Bezogen auf mein Studium habe ich natürlich eine ganz andere Richtung eingeschlagen, aber man ist hier halt aufgewachsen, Hotel ist nicht nur Hotel, sondern Kindheit. Und die Menschen, die hier arbeiten, das sind nicht nur Mitarbeiter, sondern Freunde, auch wenn sich das komisch anhört. Man könnte halt, wie es meine Mutter gemacht hat, sagen: Man kann das Hotel nebenbei führen oder wen reinsetzen, der das Hotel führt, so dass man selbst entlastet wird.“

Das klingt nicht unbedingt begeistert. Auch Finn ist nicht wirklich begeistert, von der Idee, ein Hotel zu führen.

„Was mich total interessiert, ist Psychologie, und da würde ich gern in wirtschaftliche Psychologie gehen und da Marktforschung oder irgendwas in der Art machen.“

Silke Stöber-Meyer kann die Zurückhaltung ihrer Kinder in Sachen „berufliche Zukunft auf dem Ahrenberg“ verstehen. Sie war selbst froh, als junge Frau von jeglichem Druck verschont geblieben zu sein. Sie ist nicht die Erstgeborene, sondern die Drittgeborene in diesem Zweig der Familie Stöber. Trotzdem wollte es das Schicksal, dass sie es war, die das Hotel von ihrem Vater übernahm.

Von einer Milchbude zum Hotel

„Ich bin die sechste Generation, die eine Dienstleistung im gastronomischen Bereich für die Gäste oder die Kurgäste anbietet. Mein Vater war der erste, der von einem Nebenbetrieb in einen Hauptbetrieb übergewechselt ist. Das war 1959, das Gründungsdatum für das Hotel. Davor war es eine Milchbude, heute würde man sagen, ein Kiosk, wo die Wanderer langmarschiert sind, um Bad Sooden Allendorf herum, und eine Limonade oder Milch trinken wollten.“

BWL hat Silke Stöber-Meyer studiert, sie arbeitet unter der Woche in Frankfurt und wenn keine Pandemie ist, dann quasi global für ein amerikanisches Pharmaunternehmen. Sie übernahm das Hotel sozusagen nebenbei. Sie veränderte die Betriebsabläufe, die Organisationsstruktur, digitalisierte das Geschäft und unterstützte - gemeinsam mit ihrem Mann - das innovative Heizungskonzept.

Kein Druck auf die Kinder

Wirklich auf keinen Fall will Silke Stöber-Meyer Druck auf ihre Kinder ausüben, indem sie sagt: Ihr müsst das hier weiterführen. Aber die Frage stellt sich - wer übernimmt den Familienbetrieb? Und mit welcher Vision für die Zukunft?

„Als ich gesagt habe, ich werde hier nicht bis 90 stehen und das alles wuppen, dann müssen wir es halt verkaufen, da haben die beiden sehr erschrocken reagiert. Und es kam sofort der Vorwurf: Aber du wirst doch wohl nicht unsere Heimat verkaufen wollen! Klar, verstehe ich, aber dann müssen wir zusammen eine Lösung suchen. Die Lösung haben wir noch nicht, daran müssen wir noch arbeiten.“

Wie wird es weitergehen? 

Zurück zum Miscanthus-Gras, zu der Holzhalle in den Feldern. Thomas Stöber hat einen Sohn, Jonas, 16 Jahre alt. Aber der ist nicht hier, er will lieber keine Interviews geben. Den Hof will er eher nicht übernehmen und den Betrieb auch nicht.

„Wir haben dem Kleinen gesagt, er darf das selber entscheiden. Wenn er’s nicht macht, macht er’s nicht. Nur die kommen nicht aus dem Quark im Moment, die Jugend. Das ist das Problem. Ich sehe es im Moment bei allen. Also mir wird Himmelangst und bange, wenn ich frage, wie es denn weitergehen soll bei uns hier.“
Horst Stöber (li.) mit seinem Sohn Thomas vor ihrem Fachwerkhof
Horst Stöber (li.) hat seinen Sohn Thomas damals in seinem beruflichen Werdegang unterstützt.© Deutschlandradio / Anke Schaefer
Thomas Stöber war selbst als Jugendlicher ganz anders gestrickt. Aber auch er hat sich ja den Familienvorgaben nicht gefügt. Wäre es nach seinem Großvater gegangen, hätte er auf jeden Fall den Hof übernommen. Doch als er 16 war, wusste er ganz klar: Er wollte zwar direkt das Arbeiten beginnen, aber nicht als Landwirt, sondern eben als Heizungsbauer. 

Hierarchische Strukturen in der Vergangenheit

„Mein Opa, der ist unter die Decke gegangen, als er gehört hat, dass ich kein Landwirt werde. Und dann haben sie die alten Hierarchien und Strukturen in einer Drei-Generations-Gemeinschaft in der Küche dann erlebt, wie es dann rund ging… Das waren noch die guten alten Zeiten.“

Grad hat sich der 85-Jährige Horst Stöber - Thomas’ Vater – zu uns hier vor das Miscanthus-Grasfeld, gesellt. Er hat seinen Sohn damals in seinem beruflichen Werdegang unterstützt.

„Ja, ja, ich kann mich erinnern. Wir haben damals darüber diskutiert. Aber ich habe damals schon gesagt: Was er vorhat, ich finde das richtig, weil ich habe nicht gesehen, dass er eine Zukunft hier hatte, als Landwirt noch. War eigentlich unmöglich. So war das damals.“

Dass Thomas Stöber mal Miscanthus-Gras anpflanzen und damit heizen würde, das zeichnete sich damals natürlich noch nicht am Horizont ab. Das Riesenschilfgras wächst erst seit etwas über 10 Jahren auf dem Ahrenberg.

Keine Ansprechpartner beim Landwirtschaftsamt

„Das ist das Riesenproblem, das Sie hier haben, wenn Sie so eine Maßnahme machen: Sie haben keinen Ansprechpartner. Ich war damals auf dem Landwirtschaftsamt und habe Fragen gestellt. Und keiner weiß Bescheid. Und das war 2009, das ist nicht allzu lange her, das sind gerade mal 12 Jahre.“

Er hielt an seiner Idee fest, wie wir heute wissen, mit Erfolg. Leider suchte er nicht den Kontakt zu Ralf Pude, dem Professor für Nachwachsende Rohstoffe an der Uni Bonn, der sich schon seit Mitte der 90er-Jahre intensiv mit dem Elefantengras auseinandersetzt. Pude ist auch der Vorsitzende der Internationalen Miscanthus-Vereinigung.

„In diesem Falle wäre es sinnvoll gewesen, wenn sich der Herr Stöber an uns gewendet hätte, weil wir solche Fälle öfter hatten, dann hätten wir da Einfluss nehmen können. Diese Internationale Miscanthus-Vereinigung hat auch erreicht, dass Miscanthus auf EU-Ebene als greening-fähige Kultur zugelassen wurde, wir hätten da in Kontakt kommen können und das unterstützen können.“

Widerstand durch Naturschutzbehörde

Das wäre vielleicht nicht schlecht gewesen, damals, Unterstützung von der Wissenschaft. Es meldete sich bei Thomas Stöber nämlich bald auch die Untere Naturschutzbehörde aus Eschwege.

„Sie kriegen nur Steine in den Weg gelegt von den Behörden. Wenn man jetzt sieht: Hier ist die Halle, die habe ich dieses Frühjahr hingestellt. Und dann sehen Sie, daneben da ist so ein Streifen, der ist weggegrimmert, alles“, sagt Thomas Stöber.
„So, jetzt wurde mir auferlegt, wenn ich die Halle hinstelle, außer einer Geldauflage, weil ich eine Fläche versiegele, die nicht genutzt ist, die nur ein Stellplatz für Maschinen war - muss ich jetzt einen Grünstreifen, Heckenstreifen, Baumstreifen daneben pflanzen, den Miscanthus rausroden als Vorgabe, dass ich diese Baumaßnahme durchführen kann. Und da sage ich mir natürlich: Scheiße! Tschuldigung, diese Ausdrucksweise! Ich will ein erneuerbares Projekt machen, und dann wird mir vorgegeben, mein Material, was ich teuer gepflanzt habe, rauszuackern, umzugrimmern und eine Hecke hin zu machen. Wo wir in unserer Region bzw. in unseren Flurbereichen Hecken ohne Ende noch haben.“

Thomas Stöber ärgert sich und er erinnert sich auch, als er den Miscanthus zum ersten Mal anpflanzte, damals wollte er das erste Lager abdichten und erneuern, damit keine Feuchtigkeit eindringen würde.

„Und wenn Sie sehen, dass Sie da Jahre für brauchten, um das durchzubekommen, zu genehmigen. Strafen, die Sie auferlegt bekommen haben … und dann irgendein Mann vom Amt kommt und sagt: Warum wollen Sie das hier jetzt bauen? Hinten in Wanfried, das ist so 41 km weg, hin und zurück 80 km, da würden Hallen leer stehen, und da könnte ich doch eine Halle davon nehmen. Und dann fragen Sie den guten Mann: Sie wissen schon, dass es hier um Erneuerbare und CO²-Reduzierung geht. Und warum soll ich jetzt mit dem Trecker den Diesel auf der Straße verblasen, um jeden Tag von hier nach Wanfried zu fahren und den Brennstoff zu holen, allein um den Brennstoff bei der Ernte einzulagern. Ob er wüsste, wovon wir hier reden. Und solange wir solche Leute haben, die hier rummachen, tut sich bei uns sowieso nichts hier, in Deutschland.“

Bullerbü - aber mit viel Arbeit verbunden

Zum Gespräch in den Hof Nummer eins. Es ist das Haus mit dem Garten, wenn man von unten aus dem Tal hoch auf den Ahrenberg fährt – gleich rechts. Diesen Hof hat Andrea Imhäuser von ihren Eltern übernommen. Ihre beiden Töchter Jasmin und Melissa sitzen mit am Küchentisch. Beide leben sehr gern hier.

„Es ist relativ idyllisch“, sagt die 16-jährige Melissa. „Es ist für Außenstehende auf jeden Fall dieses typische Bullerbü. Aber es ist auch mit Arbeit verbunden und nicht immer alles nur schön!“

Arbeit… heißt ...?

„Na, zum Beispiel, wenn wir mit Holz machen müssen. In den Wald fahren, mit Papa Holz spalten, das dann stapeln und so!“

Helfen gehört hier für alle jungen Menschen dazu. Mutter Andrea Imhäuser betreibt die Landwirtschaft im Nebenerwerb, reitet viel und berät hauptberuflich im Auftrag des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen Bauernhöfe zum Thema Biodiversität. Also in Sachen Artenvielfalt.

Ein Heizungskonzept für ganz Ahrenberg

Wäre es aus ihrer Sicht nicht eine gute Idee, ein Heizungskonzept für den ganzen Ahrenberg zu entwickeln - oder vielleicht sogar ein Öko-Dorf aufzubauen? Also die Bewohner der vier Höfe, der wenigen Häuser, die hier sonst noch stehen, und die Hotel-Betreiber an einen Tisch zu holen und zu sagen: Wir entwickeln hier ein Modellkonzept und laden erschöpfte Städter ein, bei uns Ferien zu machen. Und wir zeigen ihnen, wie nachhaltiges Leben geht.

„Das finde ich eine sehr schwierige Frage, weil das ganze Dorf müsste die gleiche Überzeugung haben. Und das hier sind Menschen, die wohnen hier seit vielen 100 Jahren zusammen, die kennen sich alle viel zu gut, haben trotzdem Vorbehalte untereinander. Da nehme ich mich nicht aus. Ich glaube nicht, dass es möglich wäre, auch nur eine gemeinsame Heizung anzuschaffen.“

Das hatte auch schon Thomas Stöber gesagt, zumal die meisten hier eben mit dem Holz aus dem Eigenwald heizen. Trotzdem: Sie treibt mich weiter um, die Frage nach einem gemeinsam geplanten, nachhaltigen Öko-Dorf. In einer Zeit, in der Urlaube in Deutschland attraktiver werden. Die Häuser beheizt mit Erneuerbaren, die Gäste versorgt mit selbstgezogenem Gemüse, dazu Freizeitangebote wie Reiten und Biodiversitäts-Spaziergänge. Die Hotelzimmer und Ferienwohnungen wären ja schon da. Was hält die junge Generation von dieser Idee?

„Einerseits kann ich mir das gut vorstellen, weil hier gute Grundlagen sind und wir als Dorf auch positiv zueinanderstehen. Andererseits weiß ich nicht, ob ich hier dauerhaft Besucher haben wollen würde …Ist halt abhängig von den Ausmaßen, aber vorstellen kann ich mir das schon.“

Melissas 18-jährige Schwester Jasmin sieht das so ähnlich.

Potenzial für ein Öko-Dorf vorhanden

„Ich glaube auf jeden Fall, dass wir das Potenzial hätten, wenn wir von den vier Höfen ausgehen. Die sind alle relativ unterschiedlich - wir haben Landwirtschaft, Thomas ist auf Energien ausgerichtet - und dann das Hotel. Also ich denke schon, dass das gut funktionieren könnte, zusammen.“

Käme es dazu, dann müssten Jasmin und Melissa allerdings ihr Berufsleben auf dem Ahrenberg verbringen – so, wie ihre Vorfahren. Wie auch immer sie sich entscheiden: Ihre Eltern – das ist allen wichtig – machen ihnen dabei keine Vorgaben. Früher war das anders, und daraus resultierte Leid.

Jasmins und Melissas Großmutter, die 86-jährige Gerda Imhäuser, die im Erdgeschoss wohnt, ist hier im Haus geboren: Sie musste den Hof, den Familienbetrieb übernehmen. Gerne wäre sie auf eine höhere Schule gegangen, wollte eigentlich Botanikerin werden. Die Eltern ließen es nicht zu.

Und wenn sie sich mit allen Mitteln doch durchgesetzt hätte?

„Dann hätte ich die Eltern verloren. Ganz bestimmt. Es war nicht so viel Freiheit wie jetzt.“

Gerda Imhäuser ärgert sich darüber, dass landwirtschaftliche Betriebe heute nichts mehr wert seien, wie sie sagt. Gleichzeitig freut sie sich, dass sie selbst durchgehalten hat.

„Dafür bin ich jetzt belohnt worden, dass ich jetzt zu Hause bin. Und jetzt stehe ich ja über den Dingen. Aber: Damals, da stand man unten davor. Man wusste ja nicht, wie es weitergeht.“

Auch jetzt weiß man nicht, wie’s weitergeht.

Dorfältester kennt Schlüssel zum Erfolg

Ich gehe einmal über die Straße, um den Dorfältesten zu besuchen. Ferdinand Stöber, 86 Jahre alt. Er ist der, der 1959 den Berggasthof Ahrenberg hier oben gegründet hat.

„Das war damals eine Imbissbude. Es gab nachmittags ein paar Kaffeetrinker, und mehr war es nicht. Mein Vater sagte: ‚Du wirst Koch, und dann machen wir da oben was.‘“

Er lernte also das Kochen, lernte in Hotels in Bremen, Kassel, in Baden- Baden und in der Schweiz, kam dann wieder, übernahm die Imbissbude, machte ein erfolgreiches Hotel daraus. Könnte er sich denn den Ahrenberg, die vier Höfe und das Hotel – ausgehend von der Miscanthus-Gras-Initiative – als Öko-Dorf vorstellen?

„Auf die Schiene gehen viele drauf, das stimmt … Wenn ich was vorhabe, dann muss ich dahinterstehen, hundertprozentig, das ist der Schlüssel zum Erfolg: Das ist egal, was du machst. Und das ist bei der Jugend heute nicht so ausgeprägt wie damals. Ich habe ja das Ende des Krieges noch miterlebt und die schlimme Zeit ’45, ’46. Die Jugend heute wächst in Wohlstand auf. Vielleicht ist das gar nicht so gut für die Jugend. Wachst morgens auf und hast alles schon da. Brauchst für nichts mehr kämpfen.“

Ich bin wieder bei den beiden Männern vor dem Schilfgras-Feld. Thomas Stöber bereitet sich auf eine neue Schicht vor, steht vor der Miscanthus-Gras-Pellets-Presse.

Zweieinhalb Tonnen gepresstes Gras am Tag

„Wenn ich keine Überstunden machen will, presse ich zwei bis zweieinhalb Tonnen am Tag. Im Sack sind 400 Kilogramm drin: die Ausbeute lag bei über 80 Tonnen, was wir jetzt an Brennstoff haben.“

Er ist zufrieden. Timo Meyer, der Romantik-Hotel-Geschäftsführer, auch. Er profitiert nicht nur von der Wärme, sondern auch vom Interesse der Hotel-Gäste. Die registrieren manchmal, dass hier ein nachhaltiges Energiekonzept für das Hotel erarbeitet wurde und fragen.

„Ach, das geht? Man kann Gras anpflanzen und verbrennen und bekommt Wärme draus? Das ist einfach relativ unbekannt, ein Sektor, der nur in den Fachbereichen publik ist. Aber jeder kennt Windenergie oder Solarenergie. Mit Miscanthus - das ist relativ unbekannt.“

„Gedeihliche Zukunft“ möglich

Miscanthus hat sich noch lange nicht durchgesetzt. Ralf Pude von der Uni Bonn, beklagt, dass das so langsam geht – sieht aber in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren eine gedeihliche Zukunft für das Jumbogras.

„Also ich würde schon sagen, es deutet alles darauf hin, dass gerade diese mehrjährigen Dauerkulturen, die viel CO² im Boden und in der Pflanze speichern, dass die mehr an Bedeutung gewinnen werden, wenn man sie intelligent nutzt. Ich denke, dass die Anbaufläche zunehmen wird und wir auf 20.000 Hektar kommen werden.“ 

Ob aus dem Ahrenberg ein insgesamt nachhaltig wirtschaftendes Öko-Dorf wird? Wer weiß? Aber die Energiewende, die grüne Transformation – sie wird kommen. Und Thomas Stöber sagt – sie muss kommen!

„Weil wir haben nur eine Erde. Wir sehen, was momentan alles passiert. So wie die Corona-Leugner, so sagen die Klima-Leugner, der Klimawandel kommt nicht von uns. Irgendwann sind wir an dem Punkt: So funktioniert es nicht mehr! Man muss aktiv werden dann, ne.“

Regie: Frank Merfort
Technik: Andreas Stoffels
Redaktion: Carsten Burtke
Sprecherin: Anke Schaefer

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