Mirjam Wittig: "An der Grasnarbe"

Landleben ohne Drama

04:59 Minuten
Buchcover "An der Grasnarbe" von Mirjam Wittig
© Suhrkamp

Mirjam Wittig

An der GrasnarbeSuhrkamp, Berlin 2022

189 Seiten

23,00 Euro

Von Stefan Mesch · 20.05.2022
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In der Stadt lauert vielerlei Anlass zur Panik. Aber birgt das Landleben tatsächlich mehr Unbeschwertheit und Idyll? Mirjam Wittig erzählt von einer nervösen Städterin, die nicht zur Ruhe kommt.
Noa braucht eine Auszeit. Landwirtschaft, Schafweiden und Frankreich sind für sie kein Lebenstraum, keine Sehnsuchtsorte. Sie will nur einige Wochen in den Bergen helfen und lernen. Denn Ella, Gregor und die elfjährige Tochter Jade haben auf ihrem Berghof oft ehrenamtlichen Besuch – und Noa ist als Restauratorin gewohnt, ihre Hände einzusetzen, genau hinzusehen und auf Signale ihres Kopfs und Körpers zu hören. Kein großer Konflikt und keine Milieus also, die sich in diesem Buch gesucht dramatisch reiben.

Staunen statt protzen

"An der Grasnarbe", der Debütroman von Mirjam Wittig (geboren 1996)* ist kraftvoll, packend, unvergesslich - weil Kleines hier groß sein darf und nie von romanhaften Hammerschlägen oder von tragischen Vorgeschichten überschattet wird: Noa ist introvertiert, charmant nachdenklich und sich bewusst, wie wenig sie über Natur, Kulturlandschaften und über andere Menschen weiß.
Wo viele "Nature Writing"-Bücher mit Bildung protzen oder klingen wie aus Wikipedia-Fundstücken montiert, schaut Noa staunend, doch nie verkitscht und übertrieben bewundernd auf den maroden Hof und das oft angespannte, überforderte Paar, das Deutschland verließ und selbst noch dauernd dazulernt über Tiere, Bewirtschaften, Pragmatik und Kompromisse.
2012 erschien bei Suhrkamp "Der Umweg": Der queere niederländische Schriftsteller Gebrand Bakker zeigte eine nervöse (Hetero-)Frau, die in einem Landhaus einige Gänse vor dem Fuchs bewahren will. Der Fuchs gewinnt und die Frau – donnert der ansonsten stille, großartige Roman – ist sterbenskrank, doch verheimlicht es allen.
Solche Wendungen sollen Büchern voller Alltag und Natur oft helfen, existenzieller zu wirken. Braucht es, sobald Land- und Innenleben zentral sind, schnell noch den Verrat? Drei Waldbrände, fünf Affären? Den plötzlichen Suizid? Tragödien im letzten Drittel?

Gezügelte Angst und Sorgen

"An der Grasnarbe" folgt einer Figur, die solche künstlich plot-getriebenen Romane wohl kennt und immer latent damit rechnet, dass ein Fehltritt alles ändert: Bei einer riskant engen Kurve in der Straße denkt Noa jedes Mal daran, wie abgeschnitten und ausgeliefert sie gerade lebt. Ella und Gregor wirken oft gefährlich erschöpft. Eine Nachbarin steht im Verdacht, einen Hund getötet zu haben. Ein Schaf verschwindet im Starkregen.
Als Icherzählerin sieht Noa das Problem aber weniger in einer einzelnen Sorge als darin, wie schnell und tief sie vieles sorgt. Schon in Berlin hatte sie Panikattacken im Nahverkehr: Plant jemand einen Anschlag? Wollen Männergruppen, wollen schweigsame, rassifizierte Männer, will potenziell jeder junge Mann of Color doch eben vielleicht etwas Böses?
Aus Noas rassistischer Angstspirale wächst sofort eine Scham-Spirale; und so weit hergeholt und unglücklich es wirkt, ausgerechnet Rassismus an pathologische Angst zu knüpfen (Wittig und Noa wissen:
Rassistische Menschen sind rassistisch – nicht "krank" oder "ängstlich besorgt"), so klar macht der Roman: Feingefühl und Irrationales, genaues Hinsehen und Grundnervosität, Offenheit und blanke Panik, Nichtwissen und Sorgen um die Umwelt, all das läuft im Alltag bei jedem Handgriff mit. Oft kippt die Stimmung. Doch oft kann Noa – das sind die überraschend epischen Glücksmomente im Roman! – gegenlenken.

Entspannt angesichts der Katastrophe

Beim einsamen Spaziergang, als sie zwar überall Folgen der Klimakatastrophe sieht - doch sich eben auch hinlegt, übers Tal blickt und entspannt masturbiert. Oder beim Besuch ihrer nervösen Freundin (oder Partnerin?) aus Berlin – der ohne großen Knall bleibt. Noas nervösen Berg- und Denkrouten zu folgen, macht beim Lesen selbst nervös. Aber glücklich – wie Zeit mit einer distanzierten, wortgewandten, achtsamen und bescheidenen Bekannten.
Wer je ein Tier versorgte oder einen neuen Job antrat, wer je irgendwo zu Gast war oder im Ausland keine Fehler machen wollte, wird Noas Blick, Gedankenwelten und Sprache erkennen. Ein präzises, warmherziges Buch über Distanz und Umgebung - oft auf der Höhe von Marlen Haushofers feministischem Alm-Klassiker "Die Wand".
*Redaktioneller Hinweis: Wir haben eine Jahreszahl korrigiert.

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