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Fazit | Beitrag vom 04.01.2020

Milo Raus "Familie" in GentPsychogram der dystopischen Gesellschaft

Von Eberhard Spreng

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Pictures of the production: Familie - Milo Rau (Michiel Devijver / NTGent)
Sieht so der letzte Abend einer Familie vor dem kollektiven Selbstmord aus? Dieser Frage widmet sich Milo Rau in seinem neuen Stück. (Michiel Devijver / NTGent)

Milo Rau erzählt in seinem neuen Stück den letzten gemeinsamen Abend vor dem kollektiven Selbstmord einer Familie. Unser Kritiker Eberhard Spreng urteilt, die Inszenierung finde zwischen Psychologie und Philosophie nicht ihre Mitte.

Im Jahre 2007 erhängte sich eine anscheinend glückliche, vierköpfige Familie in Calais in ihrem Eigenheim: "Wir haben es versaut", stand auf dem überaus minimalistischen Abschiedsbrief. Für Polizei und Nachbarn blieb die Tat ein Rätsel, insbesondere die Frage nach dem Motiv zu der offensichtlich einvernehmlichen Tat.

Der Vater sitzt alleine am Tisch, die Mutter wäscht ab.  (Michiel Devijver / NTGent)Es handelt sich hier nicht um dokumentarisches Theater wie bei den übrigen Inszenierungen von Raus Trilogie über moderne Verbrechen. (Michiel Devijver / NTGent)
Als theatrale Analogie zu diesem Fait Divers baut Milo Rau sein Theaterstück "Familie" mit einer Schauspielerfamilie auf. Die Mutter wird von der Berufsschauspielerin An Miller verkörpert, der Vater von Filip Peters. Ihre leiblichen Kinder spielen mit: Erstmalig agieren die vier gemeinsam als Familie auf einer Theaterbühne. Wie schon so oft konfrontiert Milo Rau Profis und Laien mit einem realen Geschehen: Meta-Theater, das sehr frei mit Versatzstücken aus Realität und Fiktion umgeht.

Zu sehen sind zwei Betten. Auf dem linken sitzen zwei Hunde, auf dem rechten liegen die beiden Töchter in weißen Kleidern. Die Mutter versucht, beide aus dem Bett zu ziehen. Auch sie trägt ein weißes Kleid. (Michiel Devijver / NTGent)Das belgische Schauspielerehepaar An Miller und Filip Peeters tritt hier zusammen mit ihren beiden Töchtern, die keine Schauspielerinnen sind, auf. (Michiel Devijver / NTGent)

Mit "Familie" kommt Milo Raus Trilogie über zeitgenössische Verbrechen zu ihrem Abschluss. Nach "Fife Easy Pieces" über den Kindermörder Marc Dutroux und "La Reprise" über den Mord an einem Homosexuellen endet die Reihe. Die Gewalt, die sich zuvor immer nach außen richtete und sich im Anderen das Opfer suchte, wird nun zum Akt der Selbstzerstörung. So als wollten sich hier pubertierende Jugendliche zur Hochzeit mit dem Tod schmücken, treten die Kinder am Ende wie Bräute auf, schmückt sich die Familie für den letzten Akt, der im gemeinsamen Tod am Strang endet. Für Milo Rau ist das keine simple Einzeltat einer Familie, es ist ein Beispiel, in dem sich das Symptom einer kranken Gesellschaft zeigt, die sich ihre Zukunft nur als Dystopie vorstellen kann.

Aber: Ein metaphorisches Psychogram des Desasterkapitalismus ist "Familie" am NTGent nicht geworden, auch nicht eine dokumentarische Aufarbeitung eines sehr rätselhaften Familienselbstmordes. Letztlich können weder Philosophie noch Psychologie Milo Raus "Familie" erklären. Und am Ende bleibt mit der Frage nach dem Motiv der Tat die noch größere nach dem Sinn des Lebens. Die ist nicht im Großen und Ganzen zu beantworten, sondern in der Freude an den kleinen Dingen, Gerüchen, Gefühlen, individuellen Vorlieben. "Familie" ist so, anders als die ansonsten sehr dokumentarischen Arbeiten des Regisseurs, auch eine Selbstreflexion des Familienvaters Milo Rau, der sich mit seinen Töchtern über Fragen des Lebenssinns auseinandersetzen muss.

Milo Raus "Familie" am NTGent
4.1.2020-22.5.2021

Kulturpresseschau

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