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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.03.2015

Milan Kunderas neuer RomanMedizin gegen den akuten Ernst

Von Jörg Magenau

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Der Schriftsteller Milan Kundera auf einem Bild von 2005 (picture-alliance/ dpa/dpaweb)
Der Schriftsteller Milan Kundera auf einem Bild von 2005 (picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Mit seinem ersten Roman nach 15 Jahren hat Milan Kundera mit "Fest der Bedeutungslosigkeit" das Porträt einer Epoche gezeichnet, deren essentielle Existenz von Belanglosigkeit geprägt ist. Kundera verknüpft die Lebenswege von sechs Männern.

Die Rezensenten taten sich schwer mit dem "Fest der Bedeutungslosigkeit". Da wartete man 15 Jahre auf einen neuen Roman Milan Kunderas, und dann kommt so etwas demonstrativ verspielt Bedeutungsloses, das ist schon ein starkes Stück. "Bedeutungslosigkeit", so heißt es da, "ist die Essenz der Existenz. Sie ist überall und immer bei uns. Sie ist sogar dort gegenwärtig, wo niemand sie sehen will: in den Gräueln, in den blutigen Kämpfen, im schlimmsten Unglück. Man muss lernen, sie zu lieben. Sie ist der Schlüssel zur Wahrheit, der Schlüssel zur guten Laune." Man kann dieses Buch als Vademecum in den Zeiten des Terrors lesen. Es ist aber auch Kunderas Vermächtnis und seine Lehre aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Sechs sehr unterschiedliche Männer

Sechs Männer unterschiedlichen Alters werden vorgestellt und miteinander verknüpft. D'Ardelo, der zur Party einlädt, behauptet, Krebs zu haben und bald zu sterben – eine Lüge, die ihm unangemessene Schmerzschwere verleiht. Ramon, ein Ruheständler, der am liebsten spazieren geht, verachtet ihn, weil er den "Wert der Bedeutungslosigkeit" noch nicht begriffen hat. Alain, um die 40, hat eine sehr viel jüngere Freundin und vor allem ein Mutterproblem, weil seine Mutter ihn als Säugling verlassen hat. Quaquelique ist ganz und gar unauffällig, aber gerade deshalb ein erfolgreicher Frauenverführer. Und dann sind da noch der Dramatiker Charles und der arbeitslose Schauspieler Caliban, die mit Party-Catering ihr Geld verdienen. Caliban spielt dabei einen Pakistani, der kein Wort Französisch versteht, bloß damit ihm die Arbeit weniger langweilig wird.

Marionettentheater mit Stalin

Der Roman ist gebaut wie ein Theaterstück. Die sieben Akte sind in einzelne Auftritte mit szenischen Überschriften gegliedert. Als Stück im Stück fungiert das Marionettentheater, das Charles sich ausdenkt: ein Stück über Stalin und Kalinin, den von einem schweren Prostataleiden gebeutelten Vorsitzendes des Obersten Sowjet. Oder vielmehr ein Stück darüber, dass es mit den Witzen vorbei ist, wenn sich niemand mehr zu lachen traut. Während Kalinin bei seinen Reden alle zwei Minuten die Bühne verlassen musste, um ein Pissoir aufzusuchen, pflegte Stalin so lange zu reden, bis er im endlich sich entspannenden Gesicht des Genossen ablesen konnte, dass der seinen Kampf mit der Blase wieder einmal verloren hatte. Das ist der Humor des Diktators, der die Welt – mit einem vergewaltigten Schopenhauer – als seinen Willen und seine Vorstellung interpretiert.

Mit zartem Humor wird die Belanglosigkeit beschrieben

Kundera schreibt sich selbst als Autor in den Text hinein, wenn da "der Meister" als Ich-Erzähler auftritt, der die Romanfiguren nach seinem Willen und seiner Vorstellung an den Fäden hält. Der dissidentische Kundera und Humorbolzen Stalin also Seite an Seite: Was für ein Witz! Der Roman, so schrieb Kundera einmal, schafft einen imaginären Raum, in dem das moralische Urteil aufgehoben ist. Dadurch wird er aber nicht amoralisch, sondern eröffnet eine höhere Form der Moral: Statt Andere immer gleich zu beurteilen, dürfen Leser die Figuren erst einmal verstehen. Das erlaubt ihnen, Wahrheiten zu entdecken, die sich von den eigenen unterscheiden, selbst dann, wenn es sich um die fragwürdigen Wahrheiten Stalins handelt. Deshalb ist Literatur allen Wahrheitsverkündern verdächtig. "Religion und Humor sind unvereinbar", sagt Kundera. Diese schlichte Erkenntnis bewahrheitet sich derzeit leider aufs Fürchterlichste. "Das Fest der Bedeutungslosigkeit" hält dagegen, mit zartem Humor und im besten Sinne belanglos. Dass der Roman in Paris spielt, wo Kundera seit 1978 lebt, macht ihn tatsächlich zu einer Medizin gegen den akuten Ernst des Terrors.

 

Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit
Aus dem Französischen von Uli Aumüller
Hanser Verlag, München 2015
140 Seiten, 16,90 Euro

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