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Buchkritik | Beitrag vom 14.10.2019

Miku Sophie Kühmel: "Kintsugi" Raffiniertes Kammerspiel im Quadrat

Von Ursula März

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Das Buchcover von Kintsugi vor einem aquarellierten Hintergrund. (S. Fischer Verlag / Deutschlandradio)
Drei Debütromane haben es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft: "Kintsugi" ist eines davon. (S. Fischer Verlag / Deutschlandradio)

Ein schwules Paar, der ältere Freund und dessen Tochter treffen sich im Wochenendhaus in der Uckermark. Doch unter der harmonischen Oberfläche brodelt es. Mit "Kintsugi" präsentiert Miku Kühmel trotz etwas überladener Symbolik ein lesenswertes Debüt.

In der Arithmetik der Liebe stellt das Quartett eine besonders ergiebige und explosive Konstellation dar: Zwei Paare, die sich gegenseitig austauschen wie in Goethes "Wahlverwandtschaften". Oder ein Paar und zwei Singles, die sich zu zwei neuen Paare zusammensetzen wie in Jacques Derays Filmklassiker "Der Swimmingpool".

An ihn erinnert das Figurenensemble des Romandebüts "Kintsugi" der 1992 geborenen Schriftstellerin Miku Sophie Kühmel, das sich neben zwei weiteren Debüts auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises findet. Auch die Urlaubsszenerie des Romans erinnert an Derays Film. Allerdings führt Kühmel ihre vier Protagonisten nicht in einer südfranzösischen Villa zusammen, sondern in einem gediegenen Wochenendhaus in der Uckermark. Bedeutsamer ist jedoch ein anderer Unterschied: Bei dem Paar, dem das Haus gehört, handelt es sich um zwei Männer.

Sexuelle Präferenzen stehen nicht im Zentrum

Zwanzig Jahre sind der Archäologieprofessor Max und der wohlhabende Künstler Reik bereits liiert. Dieses Liebesjubiläum wollen sie an einem spätherbstlichen Wochenende mit ihrem alten Freund Tonio und dessen zwanzigjähriger Tochter Pega in der Uckermark feiern. Abwechselnd erzählen die Vier in langen Monologen die Vorgeschichten ihrer Beziehungen. Reik hatte ein kurzes Verhältnis mit Tonio, bevor er mit Max zusammenkam und war lange Zeit der angehimmelte Ersatzpapa von Pega. Nun aber ist es Max, dem ihre töchterlich-erotischen Gefühle gelten. Einer der Gründe, weshalb es unter der scheinharmonischen Oberfläche des Paarlebens von Max und Reik knirscht wie unter dem dünnen Eis des uckermärkischen Sees, sind verschwiegene Eifersüchteleien und Konkurrenzen.

Kühmels Roman ist ein psychologisch raffiniertes Kammerspiel im Quadrat, bei dem genregemäß am Ende nichts mehr so ist wie am Anfang. Gesellschaftspolitisch ist die Geschichte up to date: An die Stelle der biologischen Familie tritt die soziale Wahlfamilie. Im Zentrum steht ein homosexuelles Paar. Gleichwohl ist "Kintsugi" nicht das, was sich als Schwulenroman bezeichnen ließe.

Die sexuellen Präferenzen des Quartetts lässt die junge Autorin mit erstaunlicher literarischer Souveränität zurücktreten hinter die emotionalen Irrungen und Wirrungen. In der Summe würden sie durchaus genügen, um das Erzähl- und Materialvolumen des Romans auf interessante Weise zu füllen.

Ein wenig zu viel des Guten

Miku Sophie Kühmel ist nicht die erste Debütantin, die eine solide Geschichte durch allerlei Symbolik überlädt. So bezieht sich der Titel ihres Romans "Kintsugi" auf eine alte japanische Technik, zerbrochene Keramik mit Gold so filigran zu flicken, dass die Nahtstellen fast unsichtbar sind. Bei dieser Anspielung auf das sprichwörtliche zerbrochene Porzellan belässt es die Autorin allerdings nicht. Sie buchstabiert sie aus. Gepackt von einem Wutanfall fegt Max in einer Szene eine kostbare Teeschale vom Küchenregal, die in mehrere Teile zerbricht. Anschließend kommentiert er im Selbstgespräch den angerichteten Schaden, von dem der Leser längst weiß, dass er symbolisch zu verstehen ist.

Das ist ein wenig zu viel des Guten – ändert aber nichts daran, dass hier eine vielversprechende Autorin die literarische Bühne betritt.

Miku Sophie Kühmel, "Kintsugi"
Roman S. Fischer, Frankfurt a.M. 2019
297 Seiten, 21 Euro

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