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Weltzeit | Beitrag vom 14.04.2020

Migrationsexperte zu Coronagefahr auf Lesbos"Wir spielen russisches Roulette mit den Flüchtlingen"

Gerald Knaus im Gespräch mit Margarete Wohlan

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Eine verschleierte Frau im Lager Moria wäscht sich die Hände an einem öffentlichen Wasserhahn. (Getty Images / Guy Smallman)
Ärzte meinen, dass im Lager Moria auf Lesbos für die Menschen keinerlei Möglichkeiten bestünden, sich vor einer Ansteckung mit Corona zu schützen. (Getty Images / Guy Smallman)

Untragbar und extrem unverantwortlich: Das sagt Migrationsexperte Gerald Knaus über die Situation der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln unter den gegenwärtigen verschärften Umständen des Coronavirus. Gerade Lesbos sei eine tickende Zeitbombe.

Margarete Wohlan: Gerald Knaus ist Migrationsexperte und warnt seit Wochen, dass die Coronakrise für die Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln eine Zeitbombe ist. Was genau meinen Sie damit, Herr Knaus?

Gerald Knaus: Zunächst möchte ich dazusagen, dass das ja keineswegs nur meine Warnungen sind, sondern dass seit Wochen alle, die sich vor Ort auf den griechischen Inseln auskennen – alle Ärzte, alle internationalen Organisationen, das UN-Flüchtlingshilfswerk –, davor warnen, dass die Bedingungen, die wir auf diesen Inseln haben, unter den gegenwärtigen verschärften Umständen des Coronavirus untragbar und extrem unverantwortlich sind.

Coronavirus-NewsletterWir haben hier auf engstem Raum auf Lesbos 20.000 Menschen. Die Ärzte stellen klar, dass auch aus dem Gesichtspunkt der Ansteckung hier keinerlei Möglichkeiten bestehen für diese Menschen, sollte der Virus irgendwen erreichen, sich zu schützen. Es gibt keine sanitären Möglichkeiten, es gibt aber zusätzlich auch keine Möglichkeiten für medizinische Versorgung auf der Insel.

Man spielt hier wirklich russisches Roulette, man hofft, dass nichts passiert. Ein internationaler Beamter sagte mir, das ist wirklich das Prinzip Hoffnung, aber darauf – in der Situation, wo überall anderswo in Europa versucht wird, die Risiken zu minimieren – darf sich Europa auf Kosten dieser bedürftigen Menschen nicht ausruhen, und es muss und kann gelingen, hier eine bessere Lösung zu finden.

"Es ist sehr, sehr wenig direkt im Lager zu machen"

Wohlan: Bleiben wir noch mal kurz bei den Flüchtlingen: Wissen Sie, wie es ihnen geht, haben sie Angst, wissen sie von diesem Virus?

Knaus: Jedes Land der Welt wurde mittlerweile von dem Virus erreicht, auch in Griechenland auf dem Festland gab es bereits Flüchtlingslager – das Flüchtlingslager Malakasa mit über 1300 Menschen, dort gab es bereits Fälle. Auf Lesbos gab es bis jetzt unter den Flüchtlingen keine bekannten Fälle, aber das ist – wie gesagt – eine Zeitbombe. Und das sage nicht nur ich, sondern auf dem Festland sagt es auch die Gewerkschaft der griechischen Polizisten.

Wir stehen hier also vor einer Situation, wo jeder im Lager weiß, wie gefährlich das ist, wo sich Flüchtlinge auch selbst organisieren, um sich so gut es geht zu schützen. Aber wenn ein Wasserhahn für über 1000 Menschen zur Verfügung steht, wenn es nicht genug Seife gibt, wenn man sich einfach nicht voneinander entfernen kann, wie das allen Europäern derzeit von den Regierungen empfohlen wird, dann ist sehr, sehr wenig direkt im Lager zu machen.

Porträt des Migrationsexperten Gerald Knaus (European Stability Initiative/Francesco Scarpa)Gerald Knaus ist Migrationsexperte. (European Stability Initiative/Francesco Scarpa)
Gerald Knaus studierte Philosophie, Politik- und Wirtschaftswissenschaft in Oxford, Brüssel und Bologna und ist Mitgründer und Vorsitzender des Think Tanks "European Stability Initiative". Er gilt als Architekt des Flüchtlingsabkommens, das die Europäische Union im März 2016 mit der Türkei unterzeichnet hat.

Wohlan: Und wie geht es den Insulanern, den Menschen, den Einheimischen, die dort leben? Man hört, dass ihre Angst vor Corona immer öfter in Wut gegen die Flüchtlinge umschlägt – stimmt das?

Knaus: In den letzten Tagen habe ich davon nichts mehr gehört. Man muss dazusagen, dass die Angst der Einwohner von Inseln wie Lesbos durchaus verständlich ist, denn in Mytilini, der Stadt, leben ein paar Tausend Menschen. Es gibt ein sehr kleines Spital mit nur sechs Betten auf der Intensivstation. Dieses Spital war immer ungenügend, schon seit Jahren, für die große Zahl von Flüchtlingen, die jetzt hier sind.

Und was die Einwohner von diesen Inseln auch gemerkt haben in den letzten Jahren und verschärft in den letzten Monaten, ist, dass die europäische Flüchtlingspolitik derzeit wirklich auf ihrem Rücken ausgetragen wird. In einer Situation, in der überall Menschen evakuiert werden, in der versucht wird, Lösungen zu finden, die das Infektionsrisiko reduzieren, leben sie hier in einer Situation, in der bei einem Ausbruch praktisch nichts wirklich getan werden kann, um ihn gut einzudämmen.

Gleichzeitig ist auch jedem klar, dass die Leute, die jetzt hier auf Lesbos sind, nicht zurückgeschickt werden können. Es gibt derzeit keine Abschiebungen irgendwohin, es gibt keine freiwillige Rückkehr. Die internationalen Organisationen haben das eingestellt. Die Türkei nimmt auch niemanden mehr zurück.

Das heißt, da stellt sich wirklich die Frage – und auf die gibt es leider nur eine zynische Antwort –, warum diese Menschen heute noch alle auf den Inseln gehalten werden. Die zynische Antwort ist, dass es der Abschreckung dient. Das merken natürlich auch die Menschen auf den Inseln und fühlen sich dadurch natürlich auch von ihrer Regierung und von Europa insgesamt verlassen.

"Es gibt eine unglaubliche Mobilisierung in Deutschland"

Wohlan: Was kann man denn da machen?

Knaus: Es gibt eine unglaubliche Mobilisierung in Deutschland, in einigen wenigen Ländern, ein bisschen in den Niederlanden. Es gibt ein Bewusstsein des Problems in der Schweiz und in Österreich. Es sind vor allem die deutschsprachigen Medien und die Zivilgesellschaft und auch einige Politiker, muss man dazusagen, die hier immer wieder den Blick auf die Inseln werfen.

Das bedeutet, in anderen Teilen Europas wird dieses Problem nicht so wahrgenommen. Es wäre also utopisch zu denken, dass Politiker in anderen Ländern, wo die Bevölkerung sich des Problems gar nichts bewusst ist, handeln werden, aber in Deutschland wäre es möglich.

Griechenland, natürlich, ist das Land, was den ersten Schritt machen muss. Wir bräuchten, wir brauchen von der griechischen Regierung ein klares Signal, dass man diese Inseln evakuieren will. Die meisten werden – und man kann das schaffen – auf dem griechischen Festland anders untergebracht werden müssen. Es gibt in Griechenland über 800.000 Hotelbetten, die meisten Hotels sind jetzt leer.

Man könnte also, wenn man realistisch ist, das wäre eine Anstrengung, sicher bis zu 10.000 Menschen in Hotels unterbringen. Man müsste 35.000 evakuieren. Für die anderen 25.000 müsste man dann auf dem Festland – und das kann die Internationale Organisation für Migration auch machen – neue Zeltlager temporär errichten.

In den fünf Lagern für Flüchtlinge auf griechischen Inseln gibt es eigentlich nur 7000 Plätze. Tatsächlich drängen sich dort aber 41.000 Flüchtlinge. Die Lager sind also sechsfach überbelegt. Die Menschen dort stammen aus Afghanistan, aus Syrien, aus afrikanischen Ländern. Sie stecken auf den Inseln fest. Zur Enge in den Lagern kommt jetzt die Angst vor Corona hinzu. Abstand halten, Hände waschen, Isolieren von Infizierten – all das scheint unmöglich. Hören Sie dazu den "Weltzeit"-Beitrag von Thomas Bormann.

Manche Länder, wie Deutschland, könnten auch sagen, dass man Griechenland ganz konkret und praktisch hilft, indem man etwa anerkannte Flüchtlinge, die jetzt in von der EU bezahlten Unterkünften auf dem Festland sind, übernimmt. Da braucht man kein Asylverfahren mehr machen, die sind bereits als schutzbedürftig anerkannt, man weiß ihre Identität. Man könnte natürlich die dann auch in Quarantäne unterbringen und damit direkt Platz schaffen für die, die jetzt auf den Inseln sind.

Also wenn da Deutschland ein paar Tausend Menschen nur nehmen könnte und andere in der EU sich anschließen, wären das sofort Tausende Möglichkeiten, um Familien, um einige der über 14.000 Kinder, die jetzt auf den Inseln sind, menschenwürdig unterzubringen.

Helfen, ohne die deutsche Bevölkerung zu gefährden

Wohlan: Also, die Öffentlichkeit in den europäischen Ländern muss ja mitgenommen werden, muss überzeugt werden, dass diese Flüchtlinge trotz Corona aufgenommen werden sollen, weil das ein Akt der Menschlichkeit ist. Wie könnte man das denn schaffen, Herr Knaus? Anders gefragt: Ist es nicht verständlich, dass diese Menschen sich erst mal selbst schützen wollen und Angst haben, Flüchtlinge aufzunehmen?

Knaus: Es ist, glaube ich, wichtig, zwei Dinge jetzt, wenn man das Problem wirklich konkret lösen will, in den Mittelpunkt aller Überlegungen zu stellen. Das Erste: Man braucht die griechische Regierung, ansonsten hilft es nichts, hier in Deutschland oder auch in Brüssel mehr Druck aufzubauen. Griechenland muss das wollen. Dazu muss man so helfen, dass die griechische Regierung bereit ist. Die griechische Regierung wird nicht bereit sein, Leute direkt von den Inseln in größerer Zahl nach Deutschland zu evakuieren, weil sie dann die Angst hat, dass dann sofort mehr Leute nachkommen.

Man muss also drei Dinge machen: Erstens klarmachen, man will helfen, man bringt Leute unter, man hilft finanziell, und die Länder, wo es eine Bereitschaft gibt – und das sehe ich in Deutschland –, die müssen da vorangehen. Gleichzeitig muss man natürlich auch in Deutschland klar sagen, man kann helfen auf eine Art, die keine Risiken schafft für die deutsche Bevölkerung.

Wir haben in den letzten Wochen 180.000 Menschen gesehen, deutsche Staatsbürger, die aus dem Ausland zurückgebracht wurden, wir haben jetzt eine Diskussion über Tausende Erntehelfer, in Österreich werden Pfleger aus Nachbarländern nach Österreich gebracht. Wenn man also sagt, dass es natürlich möglich ist, ein paar Tausend Menschen, eine kleine Zahl, so nach Deutschland zu bringen, dass sie kein Risiko darstellen, dann ist das essenziell für die Kommunikation.

Aber es geht auch darum, zu sagen, was hier auf dem Spiel steht. Wenn Griechenland es nicht schafft, dieses Problem zu lösen, und wenn – was natürlich niemand hofft – es zu einem Ausbruch auf den Inseln kommt, dann hätten wir da eine humanitäre Katastrophe, die noch größer ist als die, die wir jetzt schon haben, über die seit Monaten gesprochen wurde, die angekündigt war, vor der man gewarnt hatte und die dann dennoch auf europäischem Boden stattfand.

Das ist vor dem Hintergrund einer doch ohnehin schon extrem unter Druck stehenden Flüchtlingskonvention ein desaströses Zeichen: Dass Europa hier nicht in der Lage und vor allem auch bereit ist – oder manche europäische Länder nicht in der Lage sind und bereit sind –, rechtzeitig zu handeln. Es geht hier wirklich darum, wollen wir dieses russische Roulette auf Kosten dieser Menschen spielen, oder strengen wir uns an, werben dafür, dass hier etwas Konkretes getan werden kann.

Logistisch ist es möglich, ich glaube, auch politisch ist es zumindest in manchen Ländern Europas möglich. Denn in Deutschland herrscht eine Aufmerksamkeit auch für dieses Problem, die es in anderen Ländern nicht gibt, und die es Politikern ermöglichen würde hier zu sagen, konkret, wir helfen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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