Migranten und Corona

Die doppelte Risikogruppe

09:02 Minuten
Taman Noor hält Papiere und einen Stift in der Hand. Er trägt eine hellblaue Weste mit dem Wappen des Berliner Bezirks Neukölln und spricht mit einer Frau mit Kopftuch und einem Mann. Alle tragen Masken.
Taman Noor klärt Menschen in Berlin-Neukölln über die Corona-Schutzimpfung auf. © picture alliance / dpa / Christophe Gateau
Von Luise Sammann · 07.12.2021
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Zu Beginn der Pandemie war Berlin-Neukölln ein Corona-Hotspot. Hat der hohe Migrationsanteil in dem Bezirk die Verbreitung des Virus begünstigt? Experten warnten vor einem möglichen Zusammenhang. Doch ausschlaggebend sind offenbar andere Faktoren.
"Eine kleine, tiefreligiöse Gruppe von Menschen meint leider, dass Gott alles plant. Und was Gott entscheidet, das nehmen wir hin", sagt Imam Taha Sabri.
Er sitzt auf dem roten Teppich seiner Berliner Moschee. Seinen Körper bedeckt ein weißer Mantel – Mund und Nase eine FFP2-Maske. Der Kampf gegen die Corona-Pandemie und ihre Leugner gehört seit bald zwei Jahren zu den Kernaufgaben des tunesischstämmigen Imams.
"Ich sage ihnen immer: Krankheit ist ein Schicksal. Aber Medikamente und dieser Heilungsprozess ist auch ein Schicksal. Und geheilt zu werden ist auch ein Schicksal."
Imam Taha Sabri mit grauem Bart und schwarzer Kleidung. Im Hintergrund ist verschwommen ein Regal mit Büchern zu erkennen.
Taha Sabri ist Imam einer Moschee in Berlin-Neukölln.© picture alliance / dpa / Christoph Soeder
Längst ist bekannt: Nicht nur unter Muslimen, auch unter Christen kursieren religiöse Vorbehalte gegen die Corona-Impfung. Natalia Rösler kennt sie auch aus der russischsprachigen Community Berlins:
"Ich würde sagen, die sind eher so aus der christlich fundamentalen Ecke: Das ist mit irgendwelchen Glaubenssätzen nicht vereinbar, und sozusagen: Nur Immunität, die uns von Gott gegeben ist, ist sozusagen auch die richtige Immunität."
Doch auch hier handele es sich um eine Minderheit. Die meisten der russischsprachigen Berliner seien längst geimpft, betont Natalia Rösler. Sie ist Geschäftsführerin des Club Dialog – einer der größten Migrantenorganisationen der Hauptstadt. Diejenigen, bei denen sich Mythen und Verschwörungstheorien hielten, würden vor allem durch russische Medien befeuert, die regelmäßig europäische Impfstoffe verteufelten.
Das Interkulturelle Aufklärungsteam - kurz: IKAT - wurde gegründet, um genau solchen Zweifeln und Fragen rund um die Corona-Pandemie zu begegnen. In mehr als 13 Sprachen informiert es die Bürger im multikulturellen Stadtteil Neukölln zum Thema Corona. Mal stehen die IKAT-Mitarbeitenden auf den Wochenmärkten des einstigen Corona-Hotspots, mal an U-Bahnstationen oder Nachbarschaftstreffs.

Geschlossene Communities und Falschinformationen

Taman Noor ist Teamleiter des IKAT-Projekts und sagt: "Wir haben wirklich das große Problem von diesen dauerhaften Schäden durch permanenten Zufluss an Falschinformationen. Verschwörungstheorien haben in diesen Jahren Hochkonjunktur. Und dabei spielt auch eine Rolle, wenn Leute in engen sozialen Kontexten leben und die Menschen sich gegenseitig prägen. Da ist es schon schwierig, diese Mauer zu durchbrechen."
Porträt von Taman Noor in einer hellblauen Weste des Bezirksamtes Berlin-Neukölln
Taman Noor sucht das Gespräch mit Menschen im Bezirk und klärt in Neukölln über die Corona-Impfung auf.© picture alliance / dpa / Christophe Gateau
Religion und Glaube, vom Ausland befeuerte Verschwörungstheorien, mehr oder weniger geschlossene Communities. Sind es Gründe wie diese, die dazu führen, dass laut Ärzten überdurchschnittlich viele ungeimpfte Patienten einen Migrationshintergrund haben? Ist am Ende doch eine Art migrantische Kultur schuld? Womöglich auch ein in bestimmten Communities verbreitetes Männerbild? Pädagogen aus Neukölln etwa berichten von Schülern, die behaupten, echte Männer bräuchten keine Impfung!
Aussagen, die auch Dr. Nicolai Savaskan bei Impf- und Aufklärungsterminen schon gehört hat. Als Amtsarzt von Neukölln ist er sich mit seinen Kollegen aus anderen Berliner Bezirken sicher, dass ein sogenannter Migrationshintergrund nicht zu den belegbaren Pandemietreibern zählt. Die Studien zeigten, dass das aus epidemiologischer Sicht irrelevant sei, sagt er.

Daten zur Gesundheit zeigen andere Zusammenhänge

Entscheidend und belegbar sei vielmehr ein anderer, in Gesundheitsfragen grundsätzlich geltender Zusammenhang, so Savaskan: "Was wir durchweg in allen vier Wellen sehen: Wenn Sie Daten erheben zu migrantischer Bevölkerung und die sauber normalisieren zu Faktoren wie Geschlecht, Alter, sozioökonomischer Status, Bildungsstatus – dass die eigentlichen Kernzahlen für Erkrankungen in zwei Punkten sich kristallisieren: Der eine ist ganz klar Einkommensverhältnisse und der zweite Punkt ist ganz klar Bildungsstatus."
Der sogenannte sozioökonomische Hintergrund entscheidet nicht nur über die Gesundheitskompetenz, sondern damit auch über die Lebenserwartung von Menschen in Deutschland. Im Schnitt sterben diejenigen, bei denen er niedriger ist, ganze neun Jahre früher. Das trifft nicht nur, aber auch auf viele Migranten zu. Ihr Bildungsstatus und Einkommen liegt häufig deutlich unter dem der Gesamtbevölkerung.
Vor einer Mosche sind Absperrungen und ein Schild mit der Aufschrift "Test-Station". Ordner sichern den Zutritt. Mehrere Gläubige sind mit Maske zu sehen.
Vor der Das-as-Salam Moschee in Berlin-Neukölln steht eine Test-Station. Gläubige lassen sich vor dem Gebet dort testen.© picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm
Gerade in der Pandemie zeigt sich nun: Wenn zu dieser Tatsache auch noch kulturelle Faktoren hinzukommen – sei es die berühmte Großfamilie, religiöse Vorbehalte oder in Einzelfällen ein wie auch immer geartetes Männerbild – werden Menschen mit Migrationsgeschichte schnell zur doppelten Risikogruppe.
Amtsarzt Savaskan verweist zudem auf mögliche Sprachdefizite, gerade bei Neuzugewanderten: "Wir erleben Barrieren, die bei verschiedenen Gruppen so wirken, dass Informationen nicht ankommen, dass Aktionen innerhalb der einzelnen Gruppen gar nicht ins Bewusstsein kommen. Und so entstehen dann die Unterschiede."

Strategie der Integrationsbeauftragten

Schon zum Beginn der Pandemie wiesen deswegen Ärzte und auch einzelne Politiker daraufhin, dass Menschen mit Migrationshintergrund zum Schutz der Gesamtgesellschaft besonders gezielt angesprochen werden müssten. „Mehrsprachig“, „niedrigschwellig“ und vor allem „aufsuchend" lautet seitdem die Strategie von Katarina Niewiedzial, Integrationsbeauftragte von Berlin.
Katarina Niewiedzial sagt: "Wir haben selber Impfaktionen gestartet und auch koordiniert, in verschiedenen sozialen Räumen, wo verschiedene Communities sich auch tummeln. Also beispielsweise sind wir in Moscheen gegangen. Da war immer eine große Schlange, als es darum ging, sich impfen zu lassen. Oder wir waren in Lichtenberg im Dong Xuan Center. Auch da waren nach wenigen Stunden alle Dosen verimpft. Wir waren in der Sehitlik-Moschee. Da haben wir eine lange Schlange erlebt und an einem Termin 150 Dosen verimpft."
Eine generelle Impfskepsis in migrantischen Communities habe sie bei Dutzenden Terminen dieser Art nicht feststellen können, so Katarina Niewiedzial.
"Im Oktober 2021, also wirklich zu einem späten Zeitpunkt, lassen sich Menschen durchaus impfen nur weil wir zu ihnen kommen! An keiner Stelle habe ich gemerkt, dass es zu tumultartigen Gesprächen oder Auseinandersetzungen kommt. Ganz im Gegenteil."
Menschen, die die Impfung aus religiösen oder auch kulturellen Gründen ablehnen, gibt es, sagt Niewiedzial. Aber vor allem sei die Zahl derer hoch, die vom deutschen Gesundheitssystem schlicht noch nicht erreicht wurden.

Es braucht bessere Kommunikation

Bei der Corona-Infohotline des Neuköllner Gesundheitsamts rufen täglich mehr als 400 dieser Menschen an. Auch auf Türkisch und Arabisch können sie sich inzwischen beraten lassen. Zusätzlich versucht das interkulturelle Aufklärungsteam IKAT, weiter möglichst viele Neuköllner zu erreichen. Was beide Projekte verbindet, ist die instabile Finanzierung. Die Mittel für IKAT etwa wurden nach langer Ungewissheit erst kürzlich zugesagt. Für sechs Monate.
Porträt von Nicolai Savaskan im blauen Hemd.
Nicolai Savaskan ist Leiter des Gesundheitsamts Neukölln. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Migration und der Verbreitung des Virus, sagt er.© picture alliance / dpa / Christophe Gateau
Auch und gerade vor dem Hintergrund, dass RKI-Chef Lothar Wieler schon vor bald einem Jahr auf die hohe Zahl von ungeimpften Migranten in Krankenhäusern hinwies, seien zu wenige Konsequenzen gezogen worden, sagt auch Amtsarzt Nicolai Savaskan.
"Es gibt kein Gesundheitsamt und es gibt keine Gesundheitsbehörde, die bisher den migrationsspezifischen Kommunikationsstab eingerichtet hat, der als Dauereinrichtung auch fortbesteht. Was wir haben, sind kleckerweise Finanzierungen, obwohl wir wissen, dass wir mit der Pandemie ins nächste Jahr hineingehen werden. Und das ist etwas, was sich zukünftig wirklich etablieren muss. Und zwar als ständige Einrichtung."

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