Coronatests in Berliner Moscheen

    Impfen mit Allahs Segen

    07:38 Minuten
    Ein Helfer führt einer Person einen Teststab in die Nase ein
    Test in der Moschee: Ärzte aus unter anderem Syrien und der Türkei helfen dabei, Sprachbarrieren zu überwinden. © Deutschlandradio / Luise Sammann
    Von Luise Sammann · 29.04.2021
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    Unter Migrantinnen und Migranten in Deutschland herrscht oft Misstrauen gegenüber Staat und Behörden. Für die Pandemiebekämpfung ist das schlecht. Berliner Moscheen leisten jetzt Aufklärungsarbeit - auch um Verschwörungstheorien das Wasser abzugraben.
    Jetzt muss er schnell sein. Shadi Mousa führt eine Kette zwischen den Gitterstäben des Eisentors hindurch, zieht den Schlüssel vom Vorhängeschloss ab. Geschafft. Der Eingang zur Dar-as-Salam-Moschee ist erstmal verriegelt.
    Maximal 150 Besucher dürfen in Coronazeiten zum Freitagsgebet herein. Ausnahmen gibt es nicht. Auch nicht im Ramadan.

    Misstrauen gegenüber Impfungen

    Für Friedrich Kiesinger dagegen ist der Ansturm vor der Dar-as-Salam-Moschee vor allem ein gutes Zeichen. Der Psychologe und Geschäftsführer der Albatros GmbH ist verantwortlich für die etwa 15 Ärzte und Ärztinnen, die heute im Moscheehof kostenlose Coronatests anbieten.
    Wer es durchs Eingangstor geschafft hat, wird entlang von Pfeilen zu einem Partyzelt gelotst. Die Mediziner darin kommen aus Ägypten, Syrien, Afghanistan, Usbekistan, Sudan, Irak, Türkei und anderen Ländern. Normalerweise arbeiten sie in den Quarantäne-Einrichtungen für Geflüchtete, die Albatros in Berlin betreibt.
    In diesen Tagen ist ihre Expertise wertvoller denn je, meint Kiesinger:
    "Es gibt ja in bestimmten Kulturen sehr viel Misstrauen gegenüber Impfungen und dem Gesundheitssystem. Dass die Menschen dann von Menschen aus ihrem Kulturkreis in ihrer Sprache aufgeklärt werden und nicht nur vom klassischen deutschen Arzt - das ist der Kern der Sache."

    Der Einsatz zahlt sich aus

    Damit es dazu überhaupt kommt, setzt Kiesinger auch auf den Imam der Dar-as-Salam-Moschee, Tahar Sabri. Seine Autorität soll dafür sorgen, dass sich möglichst viele Besucher vor dem Gebet ins Testzelt verirren. Als einer der ersten lässt er sich selbst auf einem der weißen Plastikstühle nieder.
    Der Imam weiß, dass die Skepsis auch in Teilen seiner Gemeinde groß ist. Viele kürzlich nach Deutschland Eingewanderte, aber auch solche, die sich von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen fühlen, misstrauen Staat und Behörden von Grund auf.
    Für Verschwörungstheoretiker sind sie damit leichte Beute. In seinen Predigten, in persönlichen Gesprächen und arabischsprachigen Aufklärungsvideos im Internet versucht Tahar Sabri seit Monaten dagegen anzukommen. Und tatsächlich steige die Akzeptanz der Maßnahmen zusehends:
    "Mit der Zeit erkennen die Leute, dass ihre Bekannten, ihr Umfeld, mit Corona krank sind. Sie sehen auch die vielen Toten – wir machen hier bei uns immer wieder Totengebete. Man geht zum Friedhof und sieht, wie viele Gräber frisch sind. Man kann nicht sagen, dass es das nicht gibt. Das ist Realität."

    Vorausschauendes Handeln hilft

    Eine junge Ärztin nutzt die 15 Minuten bis zum Ergebnis, um Fragen zu beantworten und mehrsprachiges Infomaterial zu verteilen. Macht Impfen unfruchtbar? Nein. Verträgt es sich mit dem Fasten im Ramadan? Ja.
    Katarina Niewiedzial steht in einiger Entfernung und nickt zufrieden. Die Integrationsbeauftragte von Berlin hat das Projekt gemeinsam mit fünf Berliner Moscheen und dem Gesundheitsträger Albatros initiiert und die 1000 Tests zur Verfügung gestellt:
    "Wenn unsere Impfstatistik veröffentlicht und daraus deutlich wird, dass sich Menschen mit Migrationsgeschichte möglicherweise nicht so gern impfen lassen wie andere, dann werden wir schon auch gefragt, was wir unternommen haben, um diese Menschen zu erreichen. Diesen Vorwurf möchte ich vermeiden, indem ich jetzt schon aktiv werde."
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