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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 05.04.2017

Migranten am ArbeitsmarktEine Iranerin wird Busfahrerin in Lübeck

Von Astrid Wulf

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Die Iranerin Leila Khorsand macht in Lübeck eine Ausbildung zur Busfahrerin und erfüllt sich damit ihren Kindheitstraum (Deutschlandradio/Astrid Wulf)
Die Iranerin Leila Khorsand macht in Lübeck eine Ausbildung zur Busfahrerin und erfüllt sich damit ihren Kindheitstraum (Deutschlandradio/Astrid Wulf)

Schon als Kind war Leila Khorsand von großen LKW und Bussen fasziniert. Doch ihren Traumberuf Busfahrerin durfte sie in ihrer Heimat Iran nicht ergreifen - das dürfen nur Männer. Doch in Lübeck erfüllt sich für die heute 40-Jährige jetzt ihr Kindheitstraum.

"Wir wollen vom Sereetzer Weg bis zum Gustav-Radbruch-Platz."
"Drei?"
"Vier. Und eins auf Fahrschule, genau."

Fahrlehrer Michael Gottsmann hilft Leila Khorsand, die richtige Linie in den Bordrechner des Busses einzutippen. Dann wirft seine Fahrschülerin, eine attraktive Frau mit langen, dunklen Locken, einen konzentrierten Blick in den Rückspiegel und fährt los – langsam setzt sich der zwölf Meter lange und drei Meter breite Bus in Bewegung.

Leila Khorsand trägt die Arbeitsuniform der Stadtverkehr-Busfahrerinnen: einen dunkelblauen Pullover, darunter eine hellblaue Bluse und ein gestreiftes Halstuch. Für sie ist die viermonatige Ausbildung beim Stadtverkehr Lübeck ein Volltreffer. 

"Ich fahre gerne und liebe den Kontakt mit den Leuten, egal ob alt oder jung. Außerdem wollte ich schon immer als Busfahrerin arbeiten."

Busse dürfen im Iran nur Männer lenken

Aufgewachsen ist die 40-jährige in der iranischen Millionenstadt Schiras. Seitdem sie denken kann, ist sie von großen Fahrzeugen wie LKW und Bussen fasziniert. Der Job hinterm Buslenkrad ist im Iran jedoch Männern vorbehalten, erzählt Leila Khorsand:

"In meiner Heimat dürfen oder können die Frauen nicht als Busfahrerin arbeiten."

Also wird sie Friseurin, bekommt zwei Kinder, später fährt sie als Taxifahrerin Kinder zur Schule und holt wie wieder ab. Vor drei Jahren kommt Leila Khorsand mit ihrer Familie nach Deutschland. Ihre Sprachpatin ermuntert sie, sich bei einem Schnuppertag des Lübecker Stadtverkehrs als Fahrerin auszuprobieren.

Zunächst glaubt sie nicht daran, dort je eine Chance zu haben, bewirbt sich nach dem Schnuppertag dann doch – und bekommt eine Zusage für die viermonatige Vollzeit-Ausbildung.

"Langsam langsam langsam… hier auch einen großen Bogen fahren."

Der Fahrlehrer ist zufrieden mit ihr

Fahrlehrer Michael Gottsmann ist zufrieden mit seiner Nachwuchsbusfahrerin. Dafür, dass sie seit so kurzer Zeit dabei ist, fährt sie den Bus sehr sicher, sagt er.

"Sie macht sich gut für die ersten Fahrstunden. Wir haben so leichte Sprachprobleme, gerade im Unterricht, wenn es um Fachbegriffe geht, die müssen wir manchmal nochmal erläutern und auseinander nehmen. Aber grundsätzlich klappt das ganz gut. Ich bin sehr zufrieden."

In seiner aktuellen Ausbildungsgruppe sind von sechs Teilnehmern vier weiblich, nach wie vor ist der Anteil weiblicher Busfahrerinnen beim Lübecker Stadtverkehr insgesamt jedoch gering, unter den  400 Fahrern sind bisher nur 33 Frauen. Mit Schnuppertagen versucht das Unternehmen, gezielt Frauen anzusprechen.

Leila Khorsand ist die erste Frau mit Migrationshintergrund, die einen Stadtverkehrsbus lenkt, sagt Stadtverkehrsprecherin Gerlinde Zielke - sie soll jedoch nicht die letzte sein.

"Unsere Gesellschaft ist gemischt, und wir freuen uns, wenn unsere Belegschaft Menschen hat, die aus unterschiedlichen Ländern kommen. Wir sind da sehr offen und wir freuen uns darüber."

"Bisschen weiter rechts, Leila, bisschen weiter rechts, schön einschlagen… und jetzt. Gut."

Keine Berührungsängste mit der Technik

Fahrlehrer Gottsmann dirigiert Leila mit dem Bus in eine Haltestelle. Leila Khorsand schwingt sich vom großen Busfahrersitz. Ihre Fahrgäste, die anderen fünf angehenden Busfahrerinnen und Busfahrer, verlassen den Bus über den hinteren Ausgang. Für die Gruppe steht jetzt eine technische Einweisung auf dem Programm.

Fahrlehrer Gottsmann öffnet die Klappe am unteren Teil der Busfront – dort, wo die Frontscheinwerfer sitzen – schließlich müssen die künftigen Busfahrer auch mal eine Glühlampe austauschen können.

"Leila, versuche es mal. Das ist ein bisschen fummeliger. Du musst den Hebel zur Seite drücken."

Übermäßigen Respekt vor der Technik des Busses hat Leila Khorsand nicht.

"Wenn ich nicht wüsste, wie ich etwas überprüfen könnte, hätte ich Angst", sagt sie.
"Wenn ich es verstehe und praktisch mache, habe ich keine Angst."

Möglicherweise bald in ihrem Traumjob arbeiten zu können, bedeutet für Leila Khorsand vor allem: Viel Arbeit. Ihr iranischer PKW-Führerschein wird in Deutschland nicht anerkannt, die Prüfung musste sie noch einmal machen.

Das Busfahren fällt ihr leicht – doch für die theoretische Prüfung in der ihr noch fremden Sprache muss sie viel lernen. Sie ist jedoch optimistisch, dass sie es schafft – schließlich ist sie ihrem großen Traum, Busfahrerin zu werden, so nah wie noch nie.

"Für mich ist es unglaublich, dass ich diesen Job und diese Ausbildung haben kann."

 

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