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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.06.2018

Michel Onfray: "Niedergang"(Mal wieder) Untergang des Abendlandes

Von Marko Martin

Buchcover "Niedergang" und der französische Philosoph Michel Onfray (Knaus Verlag / dpa / Maxppp)
Buchcover "Niedergang" und der französische Philosoph Michel Onfray (Knaus Verlag / dpa / Maxppp)

Michel Onfray verwechselt den liberalen Westen mit einem entchristianisierten Christentum: Beiden stellt er in "Niedergang" klaglos den Totenschein aus. Sein 700-seitiges Buch gehört zum zuletzt wieder beliebten Genre der Untergangsliteratur.

Michel Onfray, Jahrgang 1959, ist einer der bekanntesten französischen Gegenwartsphilosophen und multimedial präsent. "Er verfasste mehr als fünfzig Bücher", vermerkt stolz der Klappentext seines nun in deutscher Übersetzung erschienenen 700-Seiten-Werkes "Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden".

Onfray nimmt für sich in Anspruch, hier keineswegs ein Lamento verfasst zu haben, weder Optimist noch Pessimist zu sein, sondern "das tragische Denken" zu bevorzugen: "Das tragische Denken sieht und zimmert keinen Plan, um das Reale am Sein zu hindern." In der Konsequenz heißt das, das hier nicht etwa der Philosoph Onfray schreibt und subjektiv interpretiert, sondern nichts weniger als "das Sein" dargestellt wird – und zwar als 2000-jähriges Panorama.

Hier irrt der Marxismus

Und so geht's mit Schwung sogleich in die Vollen, wird das Christentum auch keineswegs idealisiert, sondern sein Aufstieg mit seinem frühen Staatlich-werden unter Kaiser Konstantin erklärt, der quasi die Logistik zur Idee lieferte. Denn: "Nicht Kulturen bringen Religionen hervor, sondern Religionen sind der Ursprung von Kulturen." Deshalb irre auch der Marxismus, der alles allein auf wirtschaftliche Produktionsbedingungen zurückführe: "Zudem interpretiert der Marxismus den Kapitalismus als späte Erfindung − als regiere das Kapital nicht schon seit dem Zeitpunkt, als die Seltenheit eines Gegenstandes zum wertbestimmenden Kriterium wurde."

So erfrischend diese Einsicht auch sein mag, sie wird sogleich wieder begraben unter einem mäanderndem Wust von historischen Abschweifungen zur Früh- und Reformationsgeschichte des Christentums.

Manifestationen der Schwäche

Dabei ist klar, was der Autor sagen will: Nach der frühen Machtentfaltung kam es zum Niedergang – Stichworte sind hier die Französische Revolution, Nietzsches "Gott ist tot" und schließlich die inner-katholischen Reformen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Der Atheist Onfray sieht darin – vorgeblich ganz objektiv – fortgesetzte Manifestationen der Schwäche, die es nun dem Islam erlauben würden, an Stelle des Christentums Europa zu dominieren, vorläufig erst Stück für Stück, doch aufgrund der Demografie bald vollständig. Dazu trüge auch dessen Homophobie und Frauendiskriminierung bei, die vom ursprünglichen Christentum abgeschaut sei und fruchtbare Großfamilien entstehen lasse, während der individualisierte Westen lediglich "unverbundene Monaden" hätschele.

"Man gewinnt nicht mit Wahrheit oder Gerechtigkeit, sondern mit Kraft. Die Kraft aber weiß nichts von Gut und Böse." Dass die Prosperität Westeuropas mit dem alliierten Sieg über das keineswegs schwache, doch grundböse Hitlerregime begann, ist Onfray deshalb auch keine Zeile wert – ebenso wenig wie er seinen Furor an die nicht ganz unwichtige Frage verschwendet, ob das auf unserem Kontinent inzwischen nachlassende antitotalitäre Bewusstsein nicht ein größeres Problem ist als die "Entchristianisierung des Christentums".

Ahistorischer Kulturbegriff

Was für ein merkwürdig inkohärentes Buch! Vielleicht hätte sich Michel Onfray in Sachen Warnschriften besser an seinen großen Vorgängern Jean-François Revel ("So enden Demokratien") und Raymond Aron ("Plädoyer für das dekadente Europa") orientiert, anstatt an einem ahistorisch homogenen Religions- und Kulturbegriff.

Und so gilt auch für dieses jüngste Werk aus dem neuerdings wieder beliebten Genre der Untergangsliteratur das, was ein hellsichtiger liberalkonservativer Geist wie Joachim Fest schon vor einem Vierteljahrhundert als die eigentliche "offene Flanke der offenen Gesellschaft" ausgemacht hatte:

"Unter den Gefährdungen freiheitlicher Systeme steht das Empfinden der Ohnmacht obenan, und dessen Wortführer waren seit je die sichersten Beförderer jenes Menetekels, das sie von allen Wänden lasen."

Michel Onfray: Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden
Aus dem Französischen von Stephanie Singh und Enrico Heinemann
Knaus Verlag, München 2018
702 Seiten, 28 Euro 28

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