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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.08.2018

Michael Sommers "Weltliteratur to go"Effi Briest und Othello als Playmo-Clip

Von Georg Gruber

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Effi Briest to go (Fontane in 11 Minuten): Screenshot aus dem Video im YouTube-Kanal Sommers Weltliteratur to go (Sommers Weltliteratur to go / YouTube / Screenshot)
Screenshot aus "Effi Briest to go": Seine Videos dreht Michael Sommer zu Hause in der Küche. (Sommers Weltliteratur to go / YouTube / Screenshot)

"Faust", "Der Zauberberg" oder "Macbeth" - die großen Werke der Weltliteratur im Original sind nicht jedermanns Sache. Deshalb verfilmt Michael Sommer die Klassiker für YouTube - und zwar mit Playmobil-Figuren.

In der weitläufigen Shopping-Mall am Pasinger Bahnhof kann man alles kaufen. Auch Playmobilfiguren, in einem eigenen Shop. Michael Sommer ist oft hier zwischen den Regalen am Stöbern, obwohl sein Ensemble schon ziemlich umfangreich ist:

"Ich weiß nicht genau, wie viele Figuren ich habe, ich habe vor zwei Jahren glaube ich mal gezählt, da waren es 400. Aber ich gehe davon aus, dass sie sich jetzt annähernd verdoppelt haben werden, ich müsste mal wieder eine Volkszählung veranstalten, aber die sind dann auch so heikel, wegen Datenschutz und so."

Besonders gut geeignet für seine Literaturverfilmungen sind Western-Figuren, sagt der 41-Jährige - schwarze Brille, die Haare schon leicht ergraut, um den Mund immer ein feines Lächeln - und nimmt ein kleines Set in die Hand.

"Sommers Weltliteratur to go" heißt sein preisgekrönter YouTube-Kanal, jede Woche erklärt er einen Klassiker, mit Playmobil-Figuren.

"Wie bezeichnen Sie sich selber?"

"Das ist eine interessante Frage. Beim Finanzamt sage ich Autor und Regisseur, das trifft es schon ein bisschen, ich schreibe viel, die Skripte und inszeniere mich hauptsächlich selber, was diese Videos betrifft. Sie können es nennen wie sie wollen. Es hat viel mit Crossover zu tun. Das Spiel mit diesem Grenzüberschreitenden, zwischen kindlichem Spiel und Hochkultur, das finde ich das Reizvolle."

"Also Sie sind für sich selber kein YouTuber?"

"Ich glaube dazu bin ich zu alt, keine Ahnung, nö, glaube ich nicht."

Autor, Regisseur und Produzent

Aufgewachsen ist Michael Sommer in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kassel. Der Vater Werkzeugmacher und Maschinenbauer, die Mutter Bürokauffrau. Schon immer hat er viel gelesen, erzählt er, was seine Eltern ebenso eigenartig fanden, wie seinen ersten Berufswunsch: Schauspieler. Als keine Schauspielschule ihn wollte, studierte er Literatur. Er weiß also, wovon er in seinen Videos erzählt.

Mit Playmobil-Figuren inszeniert Michael Sommer Klassiker der Weltliteratur für YouTube. (Deutschlandradio / Georg Gruber)Sieht sich selbst nicht als YouTuber: Rund 250 Filme hat Michael Sommer inzwischen produziert. (Deutschlandradio / Georg Gruber)

Nicht weit von der Shopping-Mall entfernt ist der Pasinger Viktualienmarkt, wo es frisches Gemüse, Kräuter, Blumen und ein kleines Café gibt. Michael Sommer bestellt an der Theke und erzählt dann von seiner Arbeit als Dramaturg in Ulm, wo im Herbst 2013 alles begann. Hamlet stand auf dem Spielplan und im Begleitprogramm erklärte er erstmals eine Szene mit Playmobilfiguren.

"Mich hat immer interessiert Formate zu finden, die spielerisch sind, wahrscheinlich ist das eine Spur, die Harald Schmidt in meiner Kindheit und Jugendzeit hinterlassen hat, dass er da mal mit Playmobil gespielt hat in der Harald-Schmidt-Show, jedenfalls, habe ich - jetzt kommen unsere Getränke."

Bedienung: "Ich hätte nichts gesagt, war ganz ruhig."

"Ja aber meine Aufmerksamkeit ist dann so ... Das müssen Sie auch gleich mal probieren, die haben hier Zimt-Schnecken, die sie von bezahlten – hoffe ich - Seniorinnen backen lassen, die sind ganz hervorragend."

Jede Woche ein neues Video

Dantons Tod war der zweite Playmobil-Einsatz. Die Aufzeichnung stellte Michael Sommer auf YouTube. Er merkte, dass die Klickzahlen stetig nach oben gingen. 2015 zog er mit seiner heutigen Frau nach München.

"Seitdem mache ich einmal in der Woche in Literaturvideo mit Playmobil-Figuren."

Daneben unterrichtet er Deutsch, Literatur und Medienpädagogik an einer Fachschule für Erzieher. Seine Aufnahmen entstehen zuhause in der Küche, einen Arbeitstag plant er dafür ein: Skript schreiben, Kulissenbau, Figurenauswahl, Drehen, Schnitt und Hochladen ins Netz. Rund 250 Filme hat er inzwischen produziert, in Kooperation mit dem Reclam-Verlag. Bei der Auswahl orientiert er sich an seinen "Kunden":

"Und das sind Schüler, in erster Linie. Schüler und Stundeten, die Literatur brauchen, weil sie sie in der Schule oder während dem Studium lesen müssen. Und ich möchte natürlich, dass meine Videos angeschaut werden, deswegen möchte ich relevant sein, und deswegen kucke ich mir an, was Abiturthemen sind, was auf den Lehrplänen steht."

Seine "Faust"-Version ist am meisten geklickt, über 600.000 mal. Dabei sind seine Nacherzählungen zwar humorvoll und pointiert, aber keine Parodien, keine Satire – das ist ihm wichtig. Er will den Zugang zu den als sperrig und angestaubt verschrienen Klassikern erleichtern, Lob gibt’s in den Kommentarspalten:

"Vielen Dank, Ehrenmann. Ehrenmann lese ich in letzter Zeit häufig oder Du hast mein Abi gerettet oder sowas."

Über die großen Fragen, ob durch seine Videos wirklich Interesse an der Original-Literatur geweckt und deswegen mehr gelesen wird - und was Weltliteratur überhaupt ist und wie man sie erkennt, könnte man sich Stunden lang mit ihm unterhalten.

"Das ist ganz schwer zu fassen, es liegt daran, ob es gute Literatur ist und das bedeutet für mich, es hinterlässt Spuren in den Köpfen der Leute und es ist so geschrieben, so innovativ geschrieben, dass es etwas Neues zum Ausdruck bringt, was vorher nicht zum Ausdruck gebracht worden ist. Und dass es so eine sprachliche Qualität hat, die von einer hohen Virtuosität im Umgang mit Sprache zeugt. Anders gesagt: Wenn man draufschlägt, hat es eine Resonanz, es klingt."

Eines ist klar: Die vom Ehrenmann empfohlenen Zimt-Schnecken schmecken wirklich gut. Und: Der Stoff für seine literarischen YouTube-Clips wird ihm so schnell nicht ausgehen wird. Unverfilmte Klassiker gibt es noch genug.
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