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Lesart | Beitrag vom 16.03.2019

Michael Rutschky: "Gegen Ende"Warum veröffentlicht man so was?

Sieglinde Geisel im Gespräch mit Florian Felix Weyh

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Der in Berlin lebende freie Autor Michael Rutschky (Zentralbild)
Autor Michael Rutschky: Befremdliche Aufzeichnungen posthum veröffentlicht (Zentralbild)

Michael Rutschkys posthum veröffentlichtes Tagebuch gibt Einblick in eine zerrüttete Alkoholiker-Ehe - der Ton gekränkt und voller Eitelkeit. Seine Aufzeichnungen unter dem Titel "Gegen Ende" haben unsere Kritikerin befremdet.

Michael Rutschky und Katharina Rutschky wurden stets als Vorzeigepaar gehandelt: Zwei sich ebenbürtige Intellektuelle, die – selbst kinderlos geblieben – zahlreichen jungen Autoren und Künstlern den Weg in den Kulturbetrieb ebneten. Katharina Rutschky starb 2010, ihr Mann 2018*. Die nun posthum veröffentlichten Aufzeichnungen von Michael Rutschky von 1997 bis 2009 zeigen einen "sehr erbarmungslosen Blick auf die Realität", wie unserer Kritikerin Sieglinde Geisel meint.

"Eitelkeit, wie man sie niemandem wünscht"

Die zerrüttete Ehe erweist sich als Gefängnis zweier sich in scharfer Konkurrenz befindender Alkoholiker. Finanznöte und mangelnde öffentliche Aufmerksamkeit treiben Michael Rutschky in zunehmenden Fremd- und Selbsthass. "Ich hatte das Gefühl, dass ich als Leserin das Mitgefühl beisteuern muss, das diesem Tagebuch fehlt", sagt die Rezensentin. 

Rutschky kommt mit dem eigenen Altern nicht zurecht. "Er bewirtschaftet die Probleme des Älterwerdens geradezu", sagt Geisel –, ein ungeheures Gekränktsein bestimmt zunehmend sein Leben. In einem Notat bezeichnet er sich selbst als den "jüngeren Bruder von Habermas", dessen Bedeutung von der Öffentlichkeit verkannt würde. "Das hat mir wirklich wehgetan", meint Geisel. "Das ist ja eine Art von Eitelkeit, wie man sie niemandem wünscht."

Auch Freunde und Bekannte, die alle klar identifiziert werden können, bleiben nicht von Herabwürdigungen verschont. Rutschky erweist sich in dieser letzten Publikation als Jekyll-and-Hyde-Figur, die nach außen umgänglich auftrat, innerlich von Neid und Missgunst zerfressen war. So bleibt die Frage: "Warum veröffentlicht man so etwas?"

"... als wäre er mit sich selbst per Sie"

Es war sein Wille, den der Erbe Jörg Lau erfüllte. Rutschky redigierte die Passagen mit all ihren Abgründen im letzten Lebensjahr noch selbst. Dabei wechselte er von der Ich-Form der ursprünglichen Notate in die dritte Person als "R.", verfremdete also sich selbst vorsätzlich, alle anderen nicht. "Es ist, als wäre er mit sich selbst per Sie", urteilt Sieglinde Geisel. "Schon irritierend, diese Abgründe zu sehen.


* an dieser Stelle war in einer vorherigen Version ein anderes Todesjahr genannt

Michael Rutschky: Gegen Ende - Tagebuchauf­zeichnungen 1997 – 2009
Mit einem Vorwort von Kurt Scheel und einem Nachwort von Jörg Lau
Berenberg Verlag, 336 Seiten, 24 Euro

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