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Buchkritik | Beitrag vom 20.02.2019

Michael Pollan: "Verändere dein Bewusstsein" Erkenntnis statt Erleuchtung

Von Michael Lange

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Cover von Michael Pollans Buch "Verändere dein Bewusstsein". Im Hintergrund ist das Foto einer bunt beleuchteten, leicht verschwommenen Rolltreppe zu sehen. (Kunstmann / Unsplash / Jay Lee)
Die oft beschworene "Erleuchtung" bleibt zwar aus, aber Michael Pollan taucht tief ein in die eigene Psyche. (Kunstmann / Unsplash / Jay Lee)

Mit viel Bodenhaftung erkundet der Journalistik-Professor Michael Pollan im Sachbuch "Verändere dein Bewusstsein" die Welt der bewusstseinserweiternden Drogen. Er spricht mit LSD-Aposteln wie Wissenschaftlern - und wagt auch einen Selbstversuch.

Göttliche Erscheinungen, erlebte Einheit mit der Natur, Eintauchen in eine Geisterwelt oder Horror-Trips mit schockierenden Halluzinationen und Angstzuständen. Wenn es um persönliche Erfahrungen mit Drogen zur Bewusstseinserweiterung geht, ist es schwer, sachlich zu bleiben. Der Journalistik-Professor Michael Pollan ist skeptisch gegenüber allerlei New-Age-Phrasen. Als neugieriger Beobachter erkundet er ohne Scheuklappen, aber mit viel Bodenhaftung eine noch weitgehend unerforschte Welt zwischen Natur, Chemie und Mystik.

Ideologischen Ballast abwerfen 

Seit dem LSD-Boom der 1960er-Jahre wurde die Wirkung sogenannter Psychodelika wie LSD oder Psilocybin aus Pilzen entweder grundsätzlich verteufelt oder euphorisch überhöht. Michael Pollan will ideologischen Ballast abwerfen und Licht ins Dunkel bringen. Er spricht mit begeisterten LSD-Aposteln, sachlichen Wissenschaftlern und trifft Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen. Viele entdeckten unter dem Einfluss psychedelischer Substanzen neue Welten und änderten ihr Leben. Und doch bleiben ihre Beschreibungen des Erlebten wolkig und nichtssagend. 

Vor über 75 Jahren entdeckte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann eine halluzinoge Substanz, die nicht süchtig macht, und nannte sie LSD-25. Schon bald versuchten mehrere Forschungsprojekte, die Wirkung dieser und anderer psychedelischer Substanzen zu ergründen, um sie eventuell medizinisch nutzen zu können. In den 1960er-Jahren brach diese Forschung zusammen. Angetrieben durch gesellschaftliche Veränderungen wurde LSD zum Hoffnungsträger für die einen, zum Boten des Untergangs für die anderen. Nicht wenige fürchteten, dass die Jugend unter dem Einfluss psychedelischer Drogen der Realität den Rücken kehren würde.

Selbstversuch statt neutraler Beobachterrolle

Auch einige Wissenschaftler konnten in dieser aufgeladenen Stimmung nicht neutral bleiben. Timothy Leary, der als LSD-Forscher in Harvard begonnen hatte, erlebte die Macht psychedelischer Substanzen und wurde zum charismatischen Guru. Der ursprünglich um Seriosität bemühte Forschungszweig diskreditierte sich nach und nach selbst. Wissenschaftliche Programme und klinische Studien wurden eingestellt, und seriöse Forschungsergebnisse gerieten in Vergessenheit. 

Erst Jahrzehnte später sucht eine neue Forschergeneration mit modernen Methoden nach Antworten. Bildgebende Verfahren zeigen: Die synthetisch hergestellte Substanz LSD und der Naturstoff Psilocybin verändern nicht die  Wahrnehmung, sondern das Ich-Bewusstsein. Sie erzeugen neue Gehirnaktivitäten und wirken auf die Persönlichkeit. Neueste Untersuchungen nutzen diese Wirkung gegen Angstzustände und Todesfurcht, aber auch gegen Depression. 

Nach langem Zögern verlässt der Autor Michael Pollan seine neutrale Beobachterrolle und wagt den Selbstversuch. Unter Anleitung setzt er sein Gehirn verschiedenen Substanzen aus. Auch ihm fällt es schwer, das Erlebte in Worte zu fassen. Die oft beschworene "Erleuchtung" bleibt zwar aus, aber auch er taucht tief ein in die eigene Psyche. Ihn bei dieser Reise zu begleiten, bietet gleichermaßen Erkenntnis und Lesegenuss, auch und gerade, wenn man die Welt der psychedelischen Substanzen nicht mit dem eigenen Gehirn erkunden möchte. 

Michael Pollan: Verändere dein Bewusstsein. Was uns die neue Psychodelik-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Thomas Gunkel
Verlag Antje Kunstmann
450 Seiten, 26 Euro

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