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Buchkritik | Beitrag vom 06.11.2019

Michael Palin: "Erebus"Meisterliche Biografie eines Schiffes

Von Günther Wessel

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Das Cover von Michael Palin - "Erebus" auf weiß-orangenem Hintergrund. Das Cover zeigt eine Zeichnung eines Segelschiffs zwischen Eisbergen.  (Cover: Mare-Verlag)
Die von Michael Palin porträtierte "Erebus" war bis 2014 im Eismeer verschollen. (Cover: Mare-Verlag)

Sir Michael Palin ist Schauspieler, Mitglied von Monty Python, Sänger und Autor. Nun hat er die fesselnde Biografie eines Schiffes geschrieben: "Erebus". 1845 stach John Franklin mit ihr in See, Schiff und Crew verschwanden im Eismeer.

Im September 2014 wurde ihr Wrack zufällig vor der Nordküste Kanadas gefunden, und das war – so schreibt Michael Palin – für ihn der Auslöser, dem Schiff eine Biografie zu widmen. Denn bis dahin waren das Verschwinden des Schiffes und das Schicksal der Crew über anderthalb Jahrhunderte lang ein Rätsel gewesen.

Die "Erebus" war weder schnell noch wendig, knapp 32 Meter lang, mit geringem Tiefgang, aber in der Lage schweren Wettern zu trotzen. Stapellauf war am 7. September 1826. Die ersten Jahre tat die "Erebus" routinemäßig Marinedienst, vor allem im Mittelmeer. Erst danach begann ihre große Zeit – die Admiralität setzte auf Expeditionen in die Polargebiete und damit auf die "Erebus". Am 30. September 1839 segelte sie unter Kapitän James Clark Ross Richtung Süden.

Die große Zeit der Polarexpeditionen

Mit dieser Ausfahrt nimmt Michael Palins bis dahin eher beschauliches Buch Fahrt auf: Mit Hilfe von Tagebüchern, Forschungsberichten und Briefen gelingt es ihm, den Alltag an Bord spannend, lebendig und gefühlvoll zu beschreiben. Man zittert mit dem Schiff und seiner Besatzung mit, wenn es sich zwischen Eisbergen entlang des heutigen Ross-Schelfeises durchlaviert, sich langsam in die Eiswüste vortastet oder von Brechern im Südatlantik überspült wird.

Palin berichtet von Silvesterpartys auf dem Packeis, wo die Besatzung ausgelassen tanzt und auch mit lakonischem Humor vom Leben der kolonialen Upperclass in Tasmanien. Nach vier Jahren, 1843, kehrt die "Erebus" nach England zurück – es ist, auch wenn es nicht gelang, zum magnetischen Südpol vorzudringen, eine gelungene Expedition.

Die nachfolgende endet tragisch. 1845 startet John Franklin seine Suche nach der Nordwestpassage. Mit zwei Schiffen, der "Erebus" und der "Terror" und insgesamt 133 Mann Besatzung. Vier Männer kehren nach England zurück, bevor die Schiffe das Polarmeer erreichen. Alle übrigen sterben im Eis – John Franklin am 11. Juni 1847.

Als wäre man selbst mit an Bord 

Palin löst geschickt, dass man über die Expedition selbst nicht viel weiß. Er rekonstruiert das Geschehen aus den Funden der Rettungsexpeditionen und Berichten anderer Entdecker. So kann er plastisch beschreiben, wie man sich gegen Eiseskälte und aufkommende Verzweiflung half: Mit Musik, Literatur und Sport auf dem Deck. Woran die Männer starben, ist letztlich ungeklärt. Verdorbene Konserven, Bleivergiftung, Skorbut, Tuberkulose werden vermutet – wahrscheinlich war es eine Kombination aus allem. Entkräftung und Eiseskälte nicht zu vergessen.

Vieles von dem, was der Brite berichtet, ist eigentlich bekannt. Doch weil er so detailliert, anschaulich und fesselnd erzählt, schafft er zweierlei: Anhand der Biografie eines Schiffes eine lebendige Geschichte der englischen Polarexpeditionen des 19. Jahrhundert zu schreiben und der "Erebus" und ihren Besatzungen ein leidenschaftliches und differenziertes Denkmal zu errichten. Ein tolles Buch.

Michael Palin: Erebus. Ein Schiff, zwei Fahrten und das weltweit größte Rätsel auf See
Aus dem Englischen von Rudolf Mast
Mare Verlag, Hamburg 2019
400 Seiten, 28 EUR

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