Erstaufnahmestelle in Meßstetten

Flüchtlinge aus der Ukraine sind willkommen

Ein Verkehrszeichen weist den Weg zur Flüchtlingserstaufnahmestelle. Auf dem weißen, rechteckigen Schild steht ein Pfeil und das Wort Flüchtlingserstaufnahmestelle
Im Jahr 2014 war Meßstetten schon einmal Erstaufnahmestelle. Damals kamen und gingen 30.000 Menschen. Nun kommen Menschen aus der Ukraine in den Ort auf der Schwäbichen Alb. © picture alliance / dpa / Felix Kaestle
Von Katharina Thoms · 22.03.2022
Die alte Kaserne in Meßstetten nahm 2014 und 2015 bereits Geflüchtete auf, der Ort wurde bekannt durch große Hilfsbereitschaft. Doch als Ende 2021 ein neues Ankunftszentrum eröffnen sollte, sperrte sich die Stadt. Jetzt empfängt sie wieder Geflüchtete.
Alfred Sauter und Dieter Ludolph staunen in den frisch renovierten Wohnblöcken. „Wahnsinn“, sagen sie, "die lassen den Hammer nicht fallen.“
Dabei wissen sie doch, was alles geht in Meßstetten, wenn alle anpacken: Sauter war Vollblut-Ehrenamtshelfer 2014 in der neuen Erstaufnahme – damals für Kriegsflüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, aus Dutzenden Ländern. Fast 30.000 Menschen kamen und gingen.
Ludolph ist der Mann mit den Schlüsseln: Seit dem Ende der Bundeswehr ist er vor Ort zuständig für den Zugang zum Kasernengelände. Er und Sauter waren hier jahrelang Soldaten: „Es ist Wahnsinn, was die hier an Zeug in kürzester Zeit rangebracht haben", sagt Ludolph. "Die haben von allen Handwerkern die Lager leergemacht und alles hierher gebracht.“

Zehn Tage für Stadt und Kreis

Zehn Tage hatten die Stadt und der Landkreis Zeit, dann kamen schon die ersten Menschen aus der Ukraine. Fast die Hälfte der rund 300 Geflüchteten sind Kinder. Im eilig eingerichteten Kindergarten auf dem Gelände wird Bauernhof gespielt, draußen wird geschaukelt und gerutscht, auf neuen Spielgeräten, teils in ukrainischen Farben.
Noch verlieren sich die wenigen Hundert Menschen auf dem weitläufigen Gelände. Voller ist es nur bei der Registrierung. Die frühere Kantine wird gerade wieder rückumfunktioniert zum Essenssaal. Aktuell ist hier noch ein Impfzentrum untergebracht – und die Anmeldung.
Vor allem Frauen und Kinder aus der Ukraine sitzen müde auf Wartebänken, haben eine tagelange Flucht hinter sich. Angekommen seien sie in Hamburg, berichtet Sahra aus Odessa, dann seien sie mit dem Zug nach Stuttgart gekommen. Allein in Deutschland war Sahra mit ihrer Familie in fünf Städten.

Von der Ukraine in die schwäbische Alb

Wo sie im Moment eigentlich gelandet ist, ist Sahra vermutlich gar nicht klar. Meßstetten liegt hoch oben auf der schwäbischen Alb, hat im Kern nur 5000 Einwohner. In Meßstetten ist eben Platz und sonst nicht viel los. Auf dem Gelände soll deshalb wieder ein Ehrenamtscafé aufgebaut werden, wie damals. Die örtliche Bevölkerung hat Unmengen an Kleidung und Spielzeug gespendet, auch Geld.
Dieter Ludolph warnt aber, dass die Hilfsbereitschaft möglichst länger vorhalten müsse: „Zu viel am Anfang bringt auch nichts. Wenn ich jetzt 300 Helfer habe – man muss, wie man beim Bund sagt, durchhaltefähig sein.“ Die Helfer hier ahnen: Es könnte mehr werden als nur ein kurzfristiger Aufenthalt für die Ukrainer und Ukrainerinnen.
Auch das Land Baden-Württemberg ist vorsichtiger als vor acht Jahren. Damals hieß es: Höchstens tausend Menschen kommen gleichzeitig nach Meßstetten. Es wurden zeitweise mehr als viertausend. Dieses Mal werden keine Zahlen genannt. Es wird auch nicht gesagt, wie lange das Ankunftszentrum bleiben soll.

Sinneswandel auf allen Verwaltungsebenen

Dass man helfe, sei klar, sagt Bürgermeister Frank Schroft von der CDU: „Für uns als Stadt Meßstetten war es deshalb ein selbstverständliches Gebot der Menschlichkeit und auch der Solidarität, den vor den russischen Armeen fliehenden Menschen beizustehen und sie bei uns auch aufzunehmen.“
Im vergangenen Herbst, als immer mehr Menschen aus Afghanistan, Syrien, Irak über Belarus auch nach Baden-Württemberg kamen, war das noch nicht selbstverständlich. Damals wollte die Landesregierung die Erstaufnahme auch schon wieder aufmachen. Der Gemeinderat war einstimmig dagegen.
Der Bürgermeister im November: „Die Stadt Meßstetten und die betroffenen Mitgliedsgemeinden sind über das Ansinnen des Landes mehr als befremdet und lehnen deshalb das Ansinnen des Landes ab, das Gelände zu reaktivieren.“
Die Stadt will direkt neben den Häusern auf dem Gelände ein Gewerbegebiet errichten. Mit einer Unterkunft für Geflüchtete ginge das nicht, meinte Schroft damals.

Umschwung bei der Politik vor Ort

Kein halbes Jahr später geht plötzlich doch alles parallel: Gewerbegebiet und Unterkunft für Geflüchtete. Bürgermeister Schroft und Landrat Günter Martin Pauli kommen bei der Pressekonferenz in Erklärungsnöte.
„Wir helfen auch jetzt gerne, aber nicht als dauerhafte Einrichtung, wenngleich wir nicht wissen, wie lange das dauert", sagt der Bürgermeister. Die ursprünglichen Pläne, auch wenn sie noch nicht ausgereift gewesen seien, "hätten aus unserer Sicht langfristig auch die Entwicklungen hier am Standort beeinträchtigt oder verzögert – und das wollten wir ausschließen.“
„Weil jetzt hier nur den Menschen aus dem Kriegsgebiet schnell geholfen werden muss, da machen wir jetzt Erste Hilfe", ergänzt Landrat Pauli, auch er von der CDU. "Die wollen jetzt nicht hier wochenlang verharren oder dann gefüttert werden, sondern die wollen sich auf eigene Beine stellen."

Andere Menschen, andere Bilder

Es sind wohl die Fernsehbilder, die sich auf die Hilfsbereitschaft auswirken: 2014 und 2015 von Menschen, die aus Syrien vor dem Krieg flohen und jetzt die Menschen aus der Ukraine.
Im vergangenen Herbst, während des Flüchtlingsdramas an der belarussisch-polnischen Grenze, war die Aufnahmebereitschaft nicht annähernd so groß. Warum?
Dieter Ludolph wird deutlich: „Jetzt hat man aber damals die Bilder im Fernsehen im Kopf, am Zaun Belarus – Polen. Und die wollte keiner. Wir wollen keine, die Steine werfen, die brutal sind, nur 'junge Männer' und so weiter. Da hat keiner mehr Lust gehabt.“

Gekommen, um zu bleiben

Jetzt sei das anders, meint auch Alfred Sauter, der damals Menschen aus Dutzenden anderen Ländern geholfen hat: „So ein unvorstellbarer und unsinniger Krieg, das konnte keiner voraussehen. Und die Situation ist ganz anders: Sie werden sich schneller irgendwo integrieren können, sage ich jetzt mal. Da ist irgendwie noch so 'ne Bindung da von Flüchtlingen aus der Ukraine und den Leuten hier im Land.“
In der Schlange zur Registrierung wartet Irina mit ihrem Sohn Sascha. Sie bedankt sich für die überwältigende Hilfe in Deutschland. Irina ist Anwältin, ihr Haus in Charkiw sei zerbombt, sagt sie auf Englisch. Sie wolle deshalb auf jeden Fall hierbleiben. Deshalb wolle sie die deutsche Sprache lernen und sich in Deutschland integrieren: "Wenn ich eine solche Gelegenheit bekomme, mache ich alles, um es zu schaffen."

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