Geflüchtete an der polnisch-belarusischen Grenze

Tote im Schnee - und ein grünes Licht der Hoffnung

05:37 Minuten
Ein von Schnee bedecktes Grab mit Namenstafel, die an einen an der Grenze zwischen Polen und Belarus gestorbenen Geflüchteten erinnert.
Im Wald verhungert oder erfroren: Flüchtlingshelfer finden immer wieder Menschen, die auf der Flucht ums Leben gekommen sind. © Deutschlandradio / Martin Sander
Von Martin Sander · 29.12.2021
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Push-Back nennt man ein gewaltsames Verfahren, in dem Grenzpolizisten mit Schlagstock und anderen Waffen Flüchtlinge aus ihrem Land vertreiben. So wie derzeit an der Grenze zwischen Polen und Belarus - mit dramatischen Folgen für die Geflüchteten.
Wenn rund fünf Kilometer vor der belarussischen Grenze ein Fremder auftaucht, ist sofort das Militär zur Stelle. Die Polizisten kommen aus dem Wald auf ihren geländegängigen Quads. Personalausweis oder Führerschein interessieren sie nicht. Sie wollen prüfen, ob ich, der Fremde, einen Flüchtling im Auto mitgenommen habe. Habe ich nicht. Also drehen sie wieder ab.  
Am Tag zuvor hat in dem kleinen Dorf Olchówka jemand im Schnee einen toten Geflüchteten entdeckt. Der Mann mit Rucksack und nigerianischem Pass ist vermutlich verhungert und erfroren. Er gehört zu den jüngsten Opfern der Flüchtlingskrise an der polnisch-belarussischen Grenze. Einer von vielen.

Niemand will über die Geflüchteten reden

Die genauen Zahlen kennt niemand. Polen befinde sich im hybriden Krieg mit dem belarussischen Diktator Aleksander Lukaschenko, sagt die Regierung in Warschau und hat für einen drei Kilometer breiten Streifen an der Grenze den Ausnahmezustand verhängt. Kein Fremder soll ihn betreten.

Das war eine Familie, die schon 30 Tage im Wald verbracht hatte und die sechsmal über die belarussische Grenze ab- und wieder zurückgeschoben worden war. Als wir auf sie stießen, hatten sie seit drei Tagen nichts gegessen, kein frisches Wasser gefunden. Sie hatten aus einer Pfütze getrunken.
Dominika Ożyńska, polnische Flüchtlingshelferin

In Olchówka will kaum jemand mit mir über die Geflüchteten und ihre Probleme sprechen. Sogar der katholische Priester wiegelt ab. Nur ein Rentner am Gartentor sagt, was er denkt: "Wenn es nur ein paar Menschen wären, hätte ich damit kein Problem. Aber bei ein paar Tausend ist es anders. Bei den Arabern gibt es so eine Sitte: Wenn sie zu jemandem auf den Hof kommen, dann sagen sie, das hier ist genauso meins wie deins. Wenn man hier einfach so diese zehntausend Flüchtlinge hineinlassen würde, kämen bald hunderttausend. Es ist gut, dass das Militär hier ist. Dadurch herrscht Ruhe."
Doch die Ruhe trügt. Unter den Geflüchteten herrscht Panik, auch wenn sie es in das EU-Land Polen geschafft haben. Die Angst, entdeckt und abgeschoben zu werden, ist groß. Das zeigen Handyaufnahmen.

Seit drei Tagen nichts gegegessen

Dominika Ożyńska, Flüchtlingshelferin vom Netzwerk Granica, zeigt sie mir und erzählt: "Ich hatte zum Beispiel einen Fall, wo ein Vater, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern unterwegs war, Hilfe suchte. Aber als wir zu ihnen kamen, versteckte er seine Kinder im Gebüsch und kam uns allein entgegen, denn er wusste nicht, was er von uns erwarten konnte. Seine Hände und sein Kopf zitterten, als er uns zu seinen Kindern führte. Das war eine Familie, die schon 30 Tage im Wald verbracht hatte und die sechsmal über die belarussische Grenze ab- und wieder zurückgeschoben worden war. Als wir auf sie stießen, hatten sie seit drei Tagen nichts gegessen, kein frisches Wasser gefunden. Sie hatten aus einer Pfütze getrunken."
Dominika Ożyńska hat wegen der Flüchtlingskrise ihr Quartier in Hajnówka aufgeschlagen, einer Kleinstadt mit Krankenhaus unweit der belarussischen Grenze. Südlich von Hajnówka und nah an der Drei-Kilometer-Sperrzone liegt auch das Dorf Werstok. Dort hat Kamil Syller für sich und seine Familie ein Haus aus Holz und Lehm gebaut. Auch Syller, von Beruf Jurist, hilft Geflüchteten.

Ein Signal auch für die Dorfbewohner

Als wir vor seinem Haus spazieren gehen, fällt mir ein grünes Licht in seinem Fenster auf.
"Das habe ich mir ausgedacht, als Signal für Geflüchtete, damit sie wissen: Hier kann man eintreten und Hilfe bekommen", erläutert er. "Allerdings hat sich nach einer Weile herausgestellt, dass dieses Signal noch wichtiger ist für die Nachbarn und Menschen hier aus der Gegend. Denn die meisten von ihnen hatten Angst, zu helfen, und glaubten, das sei illegal. So hat es die staatliche Propaganda ja dargestellt. Als dann die grünen Lichter auftauchten, haben sie das Gefühl bekommen, dass man helfen darf. Das Licht hat ihnen Mut gemacht."

Unwürdiges Katz-und-Maus-Spiel

Syller erzählt, dass er gerade einer kurdischen Familie aus dem Irak hilft. Auch sie hat den Weg aus dem Wald in Syllers Haus gefunden.
"Einige Tage waren sie bei uns, konnten sich aufwärmen. Die Ärzte haben in ihr Gutachten geschrieben, dass diese Familie humanitäre Hilfe benötigt. Das entzieht sie dem Zugriff der Grenzpolizei. Gleichzeitig haben wir beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte interveniert, damit er verhindert, dass sie von den polnischen Behörden abgeschoben wird.
Während die Familie aus dem Irak nun auf die Justiz hofft, geht das unwürdige Katz-und-Maus-Spiel an der Grenze weiter, durchkämmen Polizei und Militärs das Terrain. Losgeschickt von der nationalkonservativen PiS-Regierung in Warschau. Ihr Ziel: Die Geflüchteten abschieben, bevor sie einen Asylantrag gestellt haben.

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