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Sein und Streit | Beitrag vom 23.02.2020

Menschenwürde in Philosophie und HirnforschungKönnen wir Würde lernen?

Gerald Hüther und Arnd Pollmann im Gespräch mit Simone Miller

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Biologieunterricht in einer Schule in Neubrandenburg (DDR): Die menschliche Anatomie wird anhand eines Modells erlernt. Die Schülerinnen und Schüler berühren vorsichtig das Modell eines Menschen und blicken neugierig auf das Gesicht, 1975. (akg images / Peter Straube)
Respekt und Selbstachtung sind selten Bestandteil des Unterrichts. Doch nur wer sich seiner eigenen Würde bewusst ist, kann mit anderen würdevoll umgehen. (akg images / Peter Straube)

Unsere Würde ist verletzlich, sagt der Philosoph Arnd Pollmann. Umso wichtiger sei es, schon als Kind ein positives Selbstbild zu entwickeln, so der Neurobiologe Gerald Hüther. Nur wer die eigene Würde schätze, schütze auch die der anderen.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar" - Artikel 1 unseres Grundgesetzes stellt die Menschenwürde unter besonderen Schutz. Nicht umsonst, sagt der Berliner Sozialphilosoph Arnd Pollmann, denn die Erfahrung zeige, dass Menschen überall auf der Welt ausgenutzt, erniedrigt, ausgebeutet oder instrumentalisiert werden.

"Die Würde des Menschen ist nämlich sehr wohl antastbar", so Pollmann, "und damit etwas sehr Fragiles, etwas Verletzliches. Sie ist etwas, das es im Leben allererst auszubilden und dann auch selbstbewusst zu verteidigen gilt."

Würde als empfindliches Vermögen

Arnd Pollmann versteht "Würde" nicht als eine unveränderliche Eigenschaft, die uns allen gleichermaßen von Geburt an gegeben ist, sondern als ein empfindliches Vermögen, ein Potenzial, das jeder Mensch sich zunächst einmal bewusst machen muss, um es dann nach und nach zu entwickeln und zur Reife zu bringen.

Porträt des Neurowissenschaftlers Gerald Hüther. (gerald-huether.de / Michael Liebert)Den eigenen Wert kennen und selbstbewusst handeln: Neurobiologe Gerald Hüther. (gerald-huether.de / Michael Liebert)

Darin stimmt Pollmann mit dem Göttinger Neurobiologen Gerald Hüther überein. Nach Hüthers Verständnis ist "Würde" ein positives Selbstbild, das Menschen anhand ihrer Erfahrungen mit anderen entwickeln. Würde ist für Hüther das Gegenteil der Erfahrung, ausgenutzt zu werden:

"Das Schlimmste, was uns als Menschen auf der seelischen Ebene passieren kann, ist, dass wir von anderen wie Objekte behandelt werden: dass wir nicht gesehen werden, bevormundet werden, dass wir zum Objekt von Vorstellungen und Erwartungen, von Belehrungen und Bewertungen gemacht werden."

Entwürdigung verursacht Chaos im Gehirn

Die existenzielle Verunsicherung, die mit dieser Erfahrung einhergehe, lasse sich auch an Vorgängen im Gehirn ablesen, so Gerald Hüther: "Das ist ein Zustand, wo die Nervenzellen ziemlich heftig durcheinanderfeuern, weil etwas passiert ist, wofür es keine vorgefertigten Antwortmuster gibt."

Wenn Würde aber nichts Gegebenes ist, sondern ein zerbrechliches Vermögen, wie passt das dann zu unserem Anspruch, jeder Person Würde zuzuschreiben? Wenn jeder und jede einzelne die eigene Würde erst selbst erkennen, ausbilden und verteidigen soll, bleibt es dann am Ende auch den einzelnen überlassen, wieviel Würde sie überhaupt besitzen? Gäbe es demzufolge etwa auch Menschen, die weniger oder überhaupt keine Würde haben?

Der Philosoph Arnd Pollmann, in weißem Hemd und Sakko vor einer grün schimmernden Wand, blickt lächelnd in die Kamera. (privat)"Wer selbst Würde hat, wird sie anderen nicht nehmen wollen": Philosoph Arnd Pollmann. (privat)

"Tatsächlich gibt es ja Situationen im Leben, in denen es heißt, jemand verhalte sich würdelos", sagt Arnd Pollmann. "Denken wir an Menschen, die vor anderen ständig buckeln oder die ständig herumschleimen oder vor anderen Menschen kriechen. Geben diese Menschen ihre Würde auf? Wenn man es so formuliert, klingt es gefährlich, so als könnte man mit diesen Menschen machen, was man will. Aber ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Denn diese Menschen, die Schwierigkeiten haben, ein Leben in Würde zu realisieren, benötigen unsere Hilfe und auch ein Recht auf Würdeschutz in ganz besonderem Maße. Denken wir an Kinder oder Menschen mit schweren geistigen Behinderungen. Wir müssen uns Mühe geben, auch für diese Menschen ein Umfeld zu schaffen, in dem es ihnen so gut, wie es eben geht, und möglich wird, ein Leben in Würde zu führen."

Selbstwert als innerer Kompass

Aufmerksamkeit füreinander und ein respektvoller Umgang, der es jedem Menschen ermögliche, Würde zu entwickeln, sei deshalb ein zentraler gesellschaftlicher Auftrag, sagt auch Gerald Hüther.

"Jemand, der sich seiner eigenen Würde bewusst geworden ist, ist auch nicht mehr verführbar", so Hüther. "Der weiß ja, was er will, der hat ein Kriterium, nach dem er das, was er tut, und was ihm im Leben von anderen widerfährt, sortieren kann. Das ist wie ein innerer Kompass, der einen Menschen im Leben führt und der dazu führt, dass er sich nicht wieder verliert, dass er bei sich bleibt: bei sich als gestaltendem Subjekt."

Wissen, wer man ist, und wer man sein will – philosophisch betrachtet sei Würde der Ausdruck einer inneren Haltung, sagt Arnd Pollmann. Sie beruhe im Kern auf Selbstachtung: dem Gefühl, "ein gleichwertiger, gleichberechtigter Mensch zu sein und auch als ein solcher geachtet zu werden." Wenn man gelernt habe, sich selbst zu schätzen, bringe man diese Haltung auch anderen entgegen, so Pollmann: "Wer selbst Würde hat, wird sie anderen nicht nehmen wollen."

Junge Seelen brauchen mehr als Schulstoff

Der Grundstein für Respekt und Selbstachtung müsse schon in jungen Jahren gelegt werden, betont Gerald Hüther. Das erfordere auch ein neues Verständnis von Bildung, denn Kinder und Jugendliche seien auf viele Lebenskompetenzen angewiesen, die in der Schule oder anderen Ausbildungseinrichtungen gar nicht zu vermitteln seien:

"Dazu gehört eben die Erfahrung, dass sie wertvoll sind, dass sie jemand sind, auf den es ankommt, dass sie auch auf sich selbst aufpassen können. Das sind alles Kompetenzen, - wir nennen sie als Hirnforscher exekutive Frontalhirn-Funktionen, also die Fähigkeit, Handlungen zu planen, Folgenabschätzung, Impulskontrolle, Frustrationstoleranz, Einfühlungsvermögen. Das können Sie nicht unterrichten, diese Fähigkeiten kann man nur erwerben, indem man von den Erwachsenen entsprechende Gelegenheiten geboten bekommt, wo man Erfahrungen sammeln kann, wie das geht und worauf es dabei ankommt."

Arnd Pollmann bringt es auf eine einfache Formel: "Wenn man möchte, dass Menschen Selbstachtung ausbilden, dann muss man sie so behandeln, als hätten sie diese schon."

(fka)

Gerald Hüther, Marcell Heinrich, Mitch Senf: "#Education for future. Bildung für ein gelingendes Leben"
Goldmann Verlag, München 2020
320 Seiten, 22 Euro

Gerald Hüther: "Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft"
Knaus Verlag, München 2018
192 Seiten, 20 Euro

Arnd Pollmann: "Menschenwürde"
In: Gerhard Göhler/Mattias Iser/Ina Kerner (Hg.): "Politische Theorie. 25 umkämpfte Begriffe zur Einführung"
Springer Verlag, Wiesbaden 2011
435 Seiten, 27,99 Euro

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

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