"Menschenrechtsfestival im Herzen der Bestie"

Uli Stelzner im Gespräch mit Susanne Führer |
In seinem aktuellen Film "La isla - die Insel" thematisiert Filmemacher Uli Stelzner die Verbrechen von Militär und Polizei und den Völkermord an der Bevölkerung in Guatemala. Die Schwierigkeiten diesen Film überhaupt in Guatemala zu zeigen seien sehr groß gewesen.
Susanne Führer: Und im Studio ist nun Uli Stelzner. Er dreht seit 20 Jahren Dokumentarfilme in Guatemala. Hallo, Herr Stelzner!

Uli Stelzner: Schönen guten Morgen!

Führer: Ihr letzter Dokumentarfilm "La isla – die Insel", der hat ja genau das zum Thema, was Christiane Habermalz gerade erwähnt hat, nämlich die Verbrechen von Militär und Polizei, den Völkermord an der Bevölkerung Guatemala. Im Zentrum des Films steht ein Archiv, ein geheimes Polizeiarchiv. Wie sind Sie auf dieses Archiv gestoßen?

Stelzner: Nun, in Guatemala wurde dieses Polizeiarchiv vor 2006 gefunden, durch einen Zufall eher, durch eine Explosion in der Nähe, worauf sich die Anwohner beschwert haben beim Menschenrechtsprokurator, dass auf dieser Polizeikaserne möglicherweise auch explosives Material zu finden ist, und aufgrund der Untersuchungen stieß man dann wirklich zufällig auf das große Polizeiarchiv, was von Regierung und Militär und Polizei immer negiert wurde, dass es existiert, und das war eine Riesensensation, denn es ist das größte zusammenhängende Archiv auf dem amerikanischen Kontinent mit mehr als 80 Millionen Dokumenten, über ein Jahrhundert, und die zweite Sensation war, dass es erstmalig möglich sein könnte, Beweise für die massiven Menschenrechtsverbrechen, für den staatlichen Terror in Guatemala wirklich zu finden, und dass diese dann auch in juristische Prozesse münden könnten, denn die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, der Völkermord et cetera basierte bisher nur auf Zeugenaussagen.

Es hat zwei Wahrheitskommissionen gegeben, einmal von den Vereinten Nationen, einmal von der katholischen Kirche, die kamen alle zum selben Ergebnis, 90 Prozent der Menschenrechtsverbrechen liegen in der Verantwortung von Polizei und Armee, aber es hat keine juristischen Konsequenzen gegeben.

Führer: Und da, in diesen Akten, werden genau diese Verbrechen dokumentiert?

Stelzner: Ja, also zuerst mal war es natürlich schwierig, diese 80 Millionen Dokumente überhaupt irgendwie in einer Form zu erfassen. Es gibt auch kaum Spezialisten, die für so was in der Lage waren. Aber tatsächlich hat es in den letzten Monaten die ersten Prozesse gegeben aufgrund der Dokumente, der Polizeidokumente, die einfach die Verantwortlichkeiten innerhalb des Staates belegen.

Führer: Wir erfahren durch diesen Film wirklich von erschütternden Schicksalen, also von Menschen, die nahezu ihre ganze Familie durch den staatlichen Terror verloren haben, von Menschen – eine Frau sagt: Der Tag der Verhaftung, da war ich dreizehn Jahre alt. Und sie musste mit ansehen, was mit ihrer Mutter und mit ihren Cousinen passierte, und sagt uns: Seitdem habe ich keinen glücklichen Tag mehr erlebt. Das geht einem wirklich sehr nahe. Und man erfährt aber auch davon, wie wenig das kurioserweise wiederum in Guatemala bekannt ist. Woran liegt denn das?

Stelzner: Ja, Sie müssen sich vorstellen: 36 Jahre lang Krieg mit wahnsinnigen Folgen für die Bevölkerung, also diese Zahl der Toten ist ja gar nicht – das sagt erst mal nicht sehr viel aus, sondern es sind sehr, sehr viele Menschen, eigentlich die gesamte Gesellschaft ist noch von dieser Zeit traumatisiert. Es ist ja auch ein sehr kleines Land mit einer geringen Bevölkerungszahl, das heißt, jede Person oder jede Familie ist in irgendeiner Art und Weise davon betroffen. Das Militär hat aufgehört zu regieren direkt vor 15 Jahren, aber die Strukturen haben sich eigentlich nicht verändert, und es wurde gerade schon im einführenden Beitrag gesagt, politische Morde gehen weiter, die Leute haben eigentlich nie den Mut aufgebracht, auch darüber zu sprechen, was ihnen passiert ist, und das ist eigentlich erst in letzter Zeit, in den letzten Jahren so ein bisschen aufgebrochen, und ich glaube, durch meinen Film wurde dem Ganzen noch mal ein großer Schub gegeben aufgrund der Aufmerksamkeit, aufgrund der Ereignisse der Premiere, die Schwierigkeiten, diesen Film überhaupt in Guatemala zu zeigen, und seitdem ist einiges Positives passiert.

Führer: Erzählen Sie mal. Also Sie haben den Film in Guatemala gezeigt, was gab es für Schwierigkeiten?

Stelzner: Nun, ich war im Vorfeld schon im deutschen Außenministerium geladen, da wurde mir gesagt, dass das auch möglicherweise gefährlich sei, diesen Film in Guatemala zu zeigen, aber wie gesagt, ich arbeite seit 20 Jahren in dem Land, wir haben schon des Öfteren bezüglich unserer Themen eine bestimmte Vorreiterrolle gespielt, Themen aufgemacht, Diskussionsfreiräume über die Filme geöffnet, und es war klar, dass ein Film, der Archive aufzeigt, der bittere Zeugnisse aufzeigt, der auch Verantwortlichkeiten vor allem nennt, also nicht nur die guatemaltekischen Verantwortlichkeiten, sondern auch die internationalen Verantwortlichkeiten, und das über Zeugnisse, Filmdokumente, und eben polizeiliche und militärische Dokumente, das war klar, dass so ein Film für Furore sorgen würde, und …

Führer: Also die deutsche Botschaft sagte: Vorsicht! Und dann?

Stelzner: Die deutsche Botschaft sagte, Vorsicht, die deutsche Botschaft sagte auch, besser, Sie sprechen nicht bei der Premiere. Der Deutsche Botschafter wollte ursprünglich auch sprechen, der Präsident des Landes wollte sprechen, und da tritt eben dieser Pérez Molina aufs Feld und lässt all seinen politischen Einfluss spielen, und es ging so weit …

Führer: Pérez Molina, der am Sonntag wahrscheinlich die Wahlen gewinnen wird?

Stelzner: Genau, der Ex-General, der jetzt Präsidentschaftskandidat ist, der dann auch beim Deutschen Botschafter vorstellig wurde. Das entwickelte sich in den Tagen vor der Premiere zum wahren Politkrimi. Der Deutsche Botschafter zog seine Rede zurück, der Präsident zog seinen Beitrag zurück, und wir waren quasi allein, und um zwölf Uhr mittags am Tag der Premiere kam es zu einer Bombendrohung, die drei Vorführungen im Nationaltheater mit über 6.000 Leuten waren eigentlich ausverkauft, und das war natürlich – das zeigt natürlich, wie brenzlig so ein Film sein kann. Trotzdem ist der Film gelaufen, trotzdem wurde vor der Premiere auch noch der Strom gekappt von dem Nationaltheater, das hat es in der ganzen Geschichte im Lande noch nicht gegeben. Trotzdem gab es über die sozialen Netzwerke Aufrufe …

Führer: Aber der Film wurde gezeigt?

Stelzner: Der Film lief, und über die …

Führer: Der Saal war voll, oder sind die Leute aus Angst weggeblieben?

Stelzner: Nein, nein! Der Saal war brechend voll, und wir hätten den Film, glaube ich, noch zwei Wochen laufen lassen können, wenn das Nationaltheater noch freigewesen wäre. Aber was ich damit sagen will, ist, dass sich sehr viele Leute auch mobilisiert haben, damit dieser Film laufen kann, die haben sich schützend vor das Nationaltheater gestellt neben den ganzen Polizei- und Militärpatrouillen, die da standen – es hing wirklich an einem seidenen Faden, aber es hat geklappt, und das war ein relativ großer Schritt für das Land und vor allem für die Aufarbeitung der Menschenrechtsverbrechen in Guatemala.

Führer: Deutschlandradio Kultur in Gespräch mit dem Dokumentarfilmer Uli Stelzner, der seit 20 Jahren Filme in Guatemala dreht. Sie haben gesagt, das war ein großer Schritt. Dann kann man ja nur erahnen, wie wenig vorher diese Verbrechen aufgearbeitet worden sind, denn dieser Pérez Molina, der in Ihrem Film in einer zehnsekündigen Szene auftaucht – und ich glaube, wer nicht Guatemalteke ist, erkennt ihn auch gar nicht, Sie haben mir vorhin erzählt, dass das in Guatemala für einiges Aufsehen gesorgt hat –, der wird jetzt höchstwahrscheinlich der nächste Präsident. Also das heißt, es scheint ihm nicht zu schaden, dass er damals – oder seine Einheiten zumindest – für Massaker verantwortlich waren, wenn auch nicht er persönlich.

Stelzner: Ja, das ist natürlich richtig. Sie müssen wissen, dass es in Guatemala keine öffentlich-rechtlichen Medien mit einem Bildungsauftrag gibt. Auch in der Erziehung, in der Schulausbildung et cetera, wird die Geschichte Guatemalas kaum bearbeitet. Alle Zeitungen und Medien sind eigentlich in privater Hand, da ist die Aufarbeitung der Geschichte wirklich kein Thema, und deshalb bedurfte es immer Anstrengungen einiger Weniger, diese Thematiken auszusprechen, und wir machen Dokumentarfilme, und Bilder haben einfach Macht. Und wir haben einfach gesehen, dass die Filme sehr viel bewegen, von daher haben wir ein wirklich mächtiges Instrument mit diesem Film geschaffen, jetzt nicht direkt diesem Präsidenten zu schaden, darum geht es gar nicht, sondern einfach zu wissen, was in dieser Zeit passiert ist, Diskussionen zu entfachen und auch Mut zu machen, über diese Zeiten zu reden und auch juristische Prozesse mit helfen in Bewegung zu bringen aufgrund dieser Dokumente, die im Polizeiarchiv existieren.

Der Pérez Molina ist eigentlich davon ausgegangen, dass er im ersten Wahlgang zum Präsidenten gewählt wird, das hat nicht geklappt. Das liegt unter anderem auch an mehreren Filmen, die wir im Rahmen eines Festivals präsentiert haben, das das finnische Fernsehen in den 80er-Jahren produziert hat, wo er noch mal ganz deutlich zu sehen ist neben den Leichen von massakrierten Bauern. Guatemalteken haben diese Szenen auf YouTube hochgeladen, die haben 50.000, 60.000 Klicks und durch diese Szenen, diese nicht widerlegbaren Bilder wurde sozusagen seine Vergangenheit auch noch mal thematisiert und das hat ihn eindeutig Stimmen gekostet. Und wenn er jetzt Präsident wird, dann liegt das nicht nur daran, an der ganzen Amnesie, an der Vergesslichkeit, sondern es liegt einfach daran, dass er auch das Wohlwollen der Internationalen Gemeinschaft hat, dass er das nötige Geld hat, auch Präsident zu werden, er hat Einfluss, sehr viel Einfluss im Militär, er war Geheimdienstchef des Militärs lange Zeit, das heißt, es wird ein mächtiger Präsident sein, der seine Kampagnen auch durch Drogengelder finanziert. Das heißt, es ist sehr wahrscheinlich, dass er Präsident wird, aber sein Image ist sicherlich angekratzt.

Führer: Klingt trotzdem ziemlich deprimierend, was Sie erzählen, Herr Stelzner. Wenn Sie weiter Filme in Guatemala drehen – ich meine, das ist ja auch gefährlich.

Stelzner: Für mich ist es erst mal wichtig – Sie müssen sich vorstellen, Menschenrechtsfestival im Herzen der Bestie, sozusagen, in einem Land, wo Menschenrechte verbrochen werden. Es ist ein großes Wagnis, aber wir haben mutige Mitstreiter in Guatemala. Wir haben im letzten Jahr mit nur 13 Filmen über 5.000 Leute gehabt, wo jeder Film diskutiert wurde. Das zeigt, es gibt ein Interesse an dieser Thematik, die Leute sind auch nicht mehr bereit, sich einschüchtern zu lassen, und das hat für mich erst mal Priorität, jetzt dieses Festival weiter zu unterstützen.

Das schafft Diskussionsfreiräume, die es so in Guatemala noch nicht gegeben hat. Deshalb brauche ich erst mal keinen eigenen Film zu machen. Es gibt genügend andere gute Filme, aber man darf sich auch nicht so beeinträchtigen lassen von den Informationen. Guatemala ist wirklich ein schönes Land, da gibt es ganz hervorragende Menschen, auch die junge Generation ist nicht mehr bereit, diese politische Praxis der vergangenen Jahrzehnte mitzumachen, und dahin zielt unsere Arbeit, und insofern sind wir als Dokumentarfilmer letztendlich auch Teil dieser Bewegung, würde ich sagen.

Führer: Sagt der Dokumentarfilmer Uli Stelzner, und falls Sie seine Filme auch sehen möchten, dann müssen Sie nach Berlin kommen in der kommenden Woche, das Berliner Kino Movimento zeigt dann nämlich ab Donnerstag – also vom 10. bis zum 16. November – alle Filme Uli Stelzners, auch die, die er zusammen mit Thomas Walter erstellt hat. Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Besuch im Studio hier, Herr Stelzner!

Stelzner: Ich danke Ihnen ebenfalls!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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