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Studio 9 | Beitrag vom 27.06.2019

Menschenrechtlerin Shreen SaroorKämpferin für Frieden in Sri Lanka

Von Antje Stiebitz

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Die Menschenrechtsaktivistin Shreen Saroor. (Shreen Saroor)
Die Menschenrechtsaktivistin Shreen Saroor und ihre Familie zählten zu den rund 75.000 Muslimen, die aus dem Norden Sri Lankas vertrieben wurden. (Shreen Saroor)

Sri Lanka leidet schon viele Jahre unter dem Bürgerkrieg der Singhalesen und Tamilen. Die Aktivistin Shreen Saroor setzt sich seit 1998 für die Versöhnung der beiden verfeindeten Gruppen ein – dabei achtet sie besonders auf Frauenrechte.

Shreen Saroor steht gerade vom Frühstückstisch eines Berliner Hotels auf. Die zierliche Frau ist Teil einer Delegation aus Sri Lanka, vertritt die Zivilgesellschaft des Landes. Shreen Saroor setzt sich seit gut zwei Jahrzehnten für Frauenrechte und den versöhnlichen Dialog einer vom Krieg zerrütteten Gesellschaft ein.  

"Im Jahr 1990 vertrieben die Tamil Tigers die ganze muslimische Gemeinschaft aus dem Norden. Rund 75.000 Menschen. Eine ethnische Säuberung. Meine Familie gehörte dazu."

Mit vorgehaltener Waffe vertrieben die Tamil Tigers die Menschen aus ihren Häusern. Innerhalb von 25 Stunden zerstörten die Rebellen die soziale Bande zwischen der tamilischen und muslimischen Gemeinschaft, die kulturell und sprachlich eng miteinander verwachsen waren. Die Tamil Tigers warfen den Muslimen Verrat vor. 

"Seit der Vertreibung möchte ich nach Hause zurückkehren. Mein Aktivismus begann in den Flüchtlingscamps, in die man die Muslime steckte."

Rekrutierung der Kinder

In multiethnischer Nachbarschaft aufgewachsen, ging Shreen Saroor als Mädchen in eine Klosterschule und studierte nach der Vertreibung in Colombo Betriebswirtschaft. In den Flüchtlingscamps sah sie den religiösen Fundamentalismus um sich greifen. Viele glaubten, so Shreen Saroor, dass die Vertreibung eine Strafe Gottes sei und wollten den reinen Islam wieder stärken. Als die junge Frau endlich ihre alte Heimat besucht, erkennt sie folgendes:

"Die Tamil-Frauen litten vor allem wegen der Rekrutierung ihrer Kinder durch die Tamil Tigers."

Die Rebellen nahmen ihnen im Namen des Nationalismus die Kinder, oft sogar minderjährige. Gleichzeitig bombardierte die Regierung ihre Häuser. 

Frauenrechte in Sri Lanka

Wir sitzen während des Interviews auf dem Hotelbett. Immer wieder schlägt Shreen Saroor mit der Hand auf die Bettkante, will ihren Worten damit mehr Nachdruck verleihen. 

"Ich habe 1998 die Mannar Womens Development Federation gegründet, damit ich tamilische und muslimische Frauen zusammenbringen kann. Damit wir gemeinsam wieder Frieden herstellen können. Schließlich sprechen beide Gemeinschaften die tamilische Sprache. Außerdem sollten die Frauen ihre Rechte wiederbekommen."

Keine Herausforderung zu groß

Die 50-jährige Menschenrechtlerin bringt Frauen zusammen, damit sie ihr Leid, ihre Gefühle mitteilen und teilen können. Auf diese Weise findet Versöhnung statt. Die Aktivistin hat ihre Arbeit inzwischen auf alle Lebensbereiche der Frauen ausgedehnt und ihr Engagement wurde international ausgezeichnet.

Ein Film der Vereinten Nationen beschreibt sie als Mensch, dem keine Herausforderung zu groß ist. Sie kämpft für eine Gesellschaft, in der Frauen ihr volles Potential verwirklichen können. 

Kinderheirat und Polygamie

Moderate Frauen wie Shreen Saroor haben es in der radikalisierten Gesellschaft Sri Lankas schwer. Ihre eigene Community zeige für ihren Kampf gegen Verschleierung, Genitalbeschneidung, Kinderheirat und Polygamie wenig Verständnis, erklärt die Aktivistin.

Und was seitens der Regierung zu erwarten sei, habe der Terroranschlag vom Ostersonntag gezeigt. Die Frauenrechtlerin spricht energisch:  

"Die muslimische Gemeinschaft war nicht auf der Seite der Terroristen. Sie haben sogar versucht, die Terroristen zu identifizieren und sind mit diesen Informationen zur Polizei gegangen. Aber die Regierung hat nichts getan."

Nach der Osterattacke, erklärt sie, hätten sich die Männer der muslimischen Gemeinschaft plötzlich an die liberalen Frauen der Community gewandt und um Hilfe gebeten. Shreen Saroor hofft jetzt auf einen Paradigmenwechsel in der muslimischen Gemeinschaft. 

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