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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 14.05.2020

Menschen mit BeeinträchtigungenCorona gefährdet Inklusionsbemühungen

Von Bastian Brandau

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Symbol eines Behindertenparkplatzes, darüber ein Mundschutz (imago images / Steinach)
Unter der Coronakrise leiden Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen besonders. (imago images / Steinach)

Die Pandemie konfrontiert Menschen mit Behinderung mit besonderen Problemen. Viele fühlen sich unsichtbar und doppelt ausgeschlossen. Kritiker fürchten, dass die Inklusion in Deutschland große Rückschläge erleidet.

Tom Hoffmann bewegt sich auf Reifen durchs Leben. Schwarze breite Go-Kart-Reifen, zurechtgeschnitten, unter seinen Stiefeln befestigt. Das schont die Sohlen und ermöglicht eine runde Bewegung, wenn der 29-Jährige sich mit seinen Beinen abstößt. So rollt Hoffmann, rückwärts über die Schulter schauend, in seinem Rollstuhl durch einen seiner Lieblingsorte, den Leipziger Palmengarten. Um dorthin zu kommen, nimmt er meist die Straßenbahn.

"Ich kann alleine fahren."

Er komme auch gut alleine zurecht, erzählt Hoffmann. Es sei nicht ganz leicht, ihn zu verstehen, wenn man ihn nicht kenne, so hatte er es vorher gemailt.

Er möchte auf die Situation von Menschen mit Behinderungen aufmerksam machen in Zeiten von Corona. Dass in vielen Heimen die Menschen drinnen bleiben müssen. Dass sein Wunsch, endlich allein zu wohnen, nun erst einmal wieder hinten anstehen muss.

An diesem Tag ist seine Kollegin Anne Goldbach von der Uni Leipzig dabei, um die Verständigung zu erleichtern. Etwa wenn es darum geht, wie die Corona-Pandemie konkret sein Leben verändert hat.

Die Hilfe ist ins Stocken geraten

"Sie haben Ihr Recht eingefordert, auch rauszugehen?"
"Ja."
"Du hast sozusagen die Nachrichten verfolgt, und hast gesagt: Das ist mein Recht, rauszugehen. Oder hast es halt auch einfach gemacht."
"Ja."
"Und die anderen, die das nicht so verfolgen können, hatten eben nicht die Chance, rauszugehen."

Die anderen, das sind Tom Hoffmanns Mitbewohner in dem Heim, in dem er in Leipzig lebt. Nicht mehr lang, wenn es nach ihm geht. Schon lange fühlt er sich bereit, in eine eigene Wohnung ziehen. Weil er etwa beim Essen oder Aus-dem-Rollstuhl-kommen Unterstützung braucht, hat Hoffmann ein "persönliches Budget" beantragt.

Mit der Geldleistung könnte er jemanden anstellen, ihm zu helfen. Und selbst entscheiden, welche Hilfe er braucht und von wem er sich helfen lassen will. Doch dieses Verfahren, so schrieb er mir vor einigen Wochen in einer Mail, sei durch die Corona-Pandemie ins Stocken geraten. Generell habe er das Gefühl, dass in dieser Krise zu wenig an Menschen mit Behinderungen gedacht werde.

"Leider ja. Wir sind auch nur Menschen und sind alle gleich."

Behinderte sind derzeit so gut wie unsichtbar

Dabei seien doch alle Menschen gleich. Eigentlich. Menschen mit Behinderungen aber seien von der Corona-Pandemie besonders bedroht, so äußerte sich jüngst UNO-Generalsekretär Guterres. Corona verschärfe die Ungleichheiten.

Die Pandemie habe das Potenzial, alle Inklusionsbemühungen der vergangenen 20 Jahre zunichte zu machen, so hat es die Ehrenpräsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher, gesagt. Weil sie oft zu Risikogruppen gehörten, müssten sie oft dauerhaft in Quarantäne leben. Momentan seien Menschen mit Behinderung quasi unsichtbar.

Unsichtbar – genau das ist Tom Hoffmann auch in diesen Tagen nicht. Komplett in schwarz gekleidet, mit Zopf und Undercutfrisur, ist er eine markante Erscheinung. Fast täglich kommt er nach der Arbeit im Homeoffice in den Park, trifft seine Freunde zum Feuerjonglieren. Auch an diesem Tag hat er seine Utensilien dabei. Er kann der Pandemie auch etwas Gutes abgewinnen:

"Die Leute können jetzt viel darüber nachdenken, ob das alles so noch richtig ist, oder ob wir endlich mal etwas verändern müssen."
"Da muss ich jetzt mal kurz nachfragen: Also du meinst, dass es eigentlich eine gute Herausforderung ist, weil die Leute jetzt sowieso darüber nachdenken müssen, ob alles so bleiben kann oder ob wir endlich mal was verändern sollen."
"Ja."

Ein weiter Weg zur echten Inklusion

Anne Goldbach ist Tom Hoffmanns Kollegin beim Projekt Quabis. An den Unis in Leipzig und Dresden werden dabei Menschen mit Behinderungen ausgebildet – zu Inklusions- und Bildungsreferentinnen. Sie sollen später in Forschung und Lehre mitarbeiten. Bis zu einer echten Inklusion sei es aber noch ein weiter Weg, sagt Goldbach, die so wie Tom Hoffmann wegen der Corona-Pandemie derzeit im Homeoffice arbeitet.

"Es macht einfach diese Situation, in der wir gerade Leben, diese Explosion extrem deutlich, weil sie unglaublich verschärft wird. Wir sind alle im Homeoffice. Die Personen, die in einem Heim leben, sind doppelt exkludiert, doppelt abgeschirmt, arbeiten jetzt auch noch in ihren exklusiven Räumen. Das ist auf alle Fälle eine extreme Verschärfung. Und eben vielleicht weiß ich nicht, ob man das als Rückschritt bezeichnen muss. Man muss halt gucken, was danach kommt."

Sie und Tom Hoffmann befürchten: Wenn durch Corona das Geld knapp wird, könnten Projekte zur Inklusion wieder zurückgefahren werden. Die ist sowieso oft ein ständiger Kampf, wie Tom Hoffmanns Bemühungen um sein "persönliches Budget" zeigen. Schon zum dritten Mal hat er es inzwischen beantragt. Nach Wochen des Wartens, verzögert auch durch Corona, hat er nun einen Termin beim Gesundheitsamt. Er gilt als schwer geistig behindert, soll einen Intelligenztest machen. Der sei Voraussetzung für das persönliche Budget.

"Ein IQ-Test ist eigentlich sinnlos, weil man auf Hilfe angewiesen ist."

Hoffmann fragt sich: Warum ein IQ-Test, wenn man sowieso auf Hilfe angewiesen ist, nur halt selbst entscheiden möchte, wer einem hilft? Er wolle seinen IQ auch gar nicht wissen, der sei für ihn auch nur ein weiteres Mittel der Diskriminierung.

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat, die eine gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft vorsieht. Wie weit sind wir, mit der Inklusion, in Sachsen, in Deutschland?

"Oh. Leider nicht weit."

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