Forderung zur Rentendebatte

Der Staat sollte Unternehmen verpflichten, Ältere zu beschäftigen

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Ein älterer Herr arbeitet in einem mittelständischen Unternehmen für Maschinenbauteile.
Wer jenseits der 50 nach einem neuen Job sucht, finde häufig keinen, so Journalistin Simone Schmollack. Das zeige die Verlogenheit der Rentenreformpläne. © imago / Andreas Prost
Ein Kommentar von Simone Schmollack |
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Um die Rente finanzierbar zu halten, sollen Rentner länger arbeiten, so die Idee der Regierung. Doch die bereits jetzt herrschende Altersdiskriminierung macht aus den Plänen eine Rentenkürzung. Besser wären feste Vorgaben, auch Ältere einzustellen.
In diesem Jahr werde es grundlegende Reformen geben müssen, es könne nicht bei der neuen Grundsicherung und den Beschlüssen zur Rente bleiben – das ist die Botschaft, die Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Neujahrsansprache dem Land überbrachte. Harter Tobak, so undiplomatisch kommuniziert wie ehrlich gemeint.
Ganz Unrecht hat der CDU-Politiker nicht: Es muss sich etwas ändern, damit der Sozialstaat finanzierbar bleibt. Im Fokus stehen dabei vor allem die Rente und eine Zahl: Mehr als 120 Milliarden Euro musste der Bund im vergangenen Jahr der staatlichen Rentenversicherung zuschießen – und das große Chaos stünde noch bevor, wenn demnächst die Boomer massenhaft in Rente gehen.
Auch wenn der Zuschuss für die Rentenkassen in den letzten Jahren weitgehend konstant ist, gemessen am Anteil am Bundeshaushalt insgesamt – und das trotz mehr Rentnerinnen und Rentnern –, will die Bundesregierung für das Rentenproblem eine Lösung gefunden haben: Die Menschen sollen einfach mehr und länger arbeiten. Könnte aus der Rente mit 67 also bald eine Rente mit 70, vielleicht sogar eine mit 72 werden? Und warum nicht nur 20 Tage Urlaub im Jahr statt der üblichen 30 Tage? In den USA geht das doch auch.
So absurd das gerade klingen mag, so unrealistisch ist das nicht. Die Debatte um die Rente mit 70 ist längst entflammt. Selbst die neue Aktivrente kann als erster Schritt zur Verschiebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters gedeutet werden – wenn auch noch auf soziale Weise. Denn für Ältere ist es durchaus verlockend, neben der Rente jetzt bis zu 2.000 Euro steuerfrei dazu verdienen zu können. Auch die Sozialkassen und Unternehmen profitieren davon, denn Aktivrentner:innen zahlen weiter Renten- und Krankenkassenbeiträge, Firmen nutzen Wissen und Engagement ehemaliger Kolleg:innen.

Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt

Doch die Botschaft an die Alten ist eindeutig: Ihr seid zu teuer, also arbeitet gefälligst weiter. Für Menschen in harten Berufen ist das eine Zumutung. Gleichwohl gibt es viele Ältere, die gern arbeiten würden, aber auf dem Arbeitsmarkt will man sie offenbar nicht haben.
Wer jenseits der 50 nach einem neuen Job sucht, findet häufig keine neue Stelle. Diese Form der Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt hat sich auch in Zeiten des Fachkräftemangels nicht verändert. Laut der Antidiskriminierungsstelle des Bundes kennen das hierzulande 39 Prozent der Menschen, mal werden sie von Vorgesetzten oder Kolleg:innen abschätzig behandelt, mal wird ihnen technischer Verstand abgesprochen. Manchen Bewerber:innen wird offen ins Gesicht gesagt, dass sie zu alt seien, verpackt in Sätze wie „Wir sind ein junges Team“.

Verlogenheit der Rentenreformpläne

Betroffen sind vor allem Frauen. Wer mit älteren Frauen spricht, hört immer wieder ähnliche Geschichten: 40, 50, 60 Bewerbungen geschrieben, fast nie zum Gespräch eingeladen. Selbst bei Stellen unterhalb ihrer Qualifikation werden "die Alten" aussortiert. Der weitgehend geschlossene Arbeitsmarkt für Ältere sollte der Bundesregierung bekannt sein - und macht die Verlogenheit ihrer Rentenreformpläne deutlich: Denn wenn längeres Arbeiten einfach nur längere Arbeitslosigkeit bedeutet, steht dahinter eine reale Rentenkürzung.
Statt bei den Rentner:innen zu sparen, sollte Schwarz-Rot eher die Unternehmen in die Pflicht nehmen, beispielsweise mit festen Vorgaben, auch ältere Menschen einzustellen. Die verfügen nicht nur über Expertise, sondern auch über Zeit und Flexibilität. Jene Vorzüge also, nach denen die Unternehmen immer suchen.
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