Mein Genom und ich

Sechs Milliarden genetische Buchstaben hat ein Mensch. © AP
06.09.2010
In zehn Jahren könnte jeder sein Erbgut kennen und seine Erbinformation auf einem Chip mit sich herumtragen. Richard Powers begab sich als "Versuchskaninchen" in die Hände der Molekulargenetiker.
In etwa zehn Jahren wird jeder sein Erbgut kennen und kann seine persönliche Erbinformation auf einem Chip mit sich herumtragen. Der amerikanische Romanautor und Literaturwissenschaftler Richard Powers wollte nicht so lange warten und begab sich als "Versuchskaninchen" in die Hände der Molekulargenetiker.

Richard Powers will nicht erklären, was ein Genom ist oder was sich heute aus den sechs Milliarden genetischen Buchstaben eines Menschen lesen lässt. Im Grunde will er auch nicht wissen, ob er besondere Krankheitsrisiken trägt oder welche Merkmale seine Eltern an ihn vererbt haben. Ihn interessiert der Blick in die Zukunft und wie das Wissen um die Erbinformation sich auf die Gesellschaft und auf ihn ganz persönlich auswirkt. Kein Wunder: Schließlich trägt er das Gen für "Neugier" in seinem Erbgut.

Er spricht mit Biotechnologie-Unternehmern, Wissenschaftlern und Ärzten, doch nichts kann ihn auf das vorbereiten, was ihn erwartet. Nachdem das Erbgut seiner Blutprobe in China vollständig analysiert wurde, erhält er feierlich ein Rosenholzkästchen überreicht, darin ein USB-Stick mit sechs Milliarden Informationseinheiten und ein paar Hilfen zur Interpretation.

Als neunter Mensch weltweit (# 9) kennt Richard Powers nun seinen genetischen Bauplan, das Geheimnis seines Lebens. Doch trotz aller Diskussionen mit Fachleuten und vielen Gedanken, die ihm durch den Kopf gehen, hat er keine Ahnung, was das für ihn bedeutet. Zumute ist ihm "wie jenen Jägern und Sammlern, die zum ersten Mal tiefgefrorene Lasagne sahen."

So manches bleibt unerklärbar, wie die zahlreichen Risikogene für Übergewicht in seinem Erbgut. Denn weder sein Vater noch seine Mutter hatten Übergewicht, und Richard Powers bezeichnet sich trotz gutem Appetit als "Strichmännchen". Beunruhigender sind ein paar Risikogene für die Alzheimer-Krankheit oder bestimmte Krebsformen, und obwohl ihn die Ärzte beruhigen, schreibt er: "Ich werde mich wohl nie wieder vollkommen sicher fühlen."

Die Reportage wurde in den USA unter dem Titel "The book of me" bereits im November 2008 in der Zeitschrift Gentlemen´s Quarterly veröffentlicht. Sie liest sich spannend und regt zum Nachdenken an. Ein hervorragendes Stück Literatur, das einen besseren Einblick in die Genforschung bietet als jedes populärwissenschaftliche Sachbuch. Schade nur, dass das es nach gut zwei Stunden und 70 Seiten schon zu Ende ist.

Die deutsche Fassung des Buches Ich #9 sieht zwar aus wie ein Buch und kostet 12 Euro, aber in Wirklichkeit handelt es sich um einen Zeitschriftenartikel, der als Buch verkauft wird. Eine Analogie zum menschlichen Genom, das als "Buch des Lebens" angepriesen wurde, sich beim Lesen aber als Datensammlung voller Rätsel entpuppte. Zum Glück lässt sich "Das Buch Ich # 9" viel leichter und vergnüglicher lesen.

Besprochen von Michael Lange

Richard Powers: Das Buch Ich # 9. Eine Reportage
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010
79 Seiten, 12,00 Euro
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