Liegt Lebensfreude in den Genen?

Der Schriftsteller Richard Powers. © Deutschlandradio - Bettina Straub
16.10.2009
"Das größere Glück" erzählt von einer jungen Kunststudentin namens Thassa in Chicago, die an einem Creative-Writing-Kurs teilnimmt und ihren Dozenten wie auch ihre Kollegen mit ihrer unentwegt freudestrahlenden Hochstimmung so sehr betört, dass sie ihr den Spitznamen "Miss Generosity" geben.
Thassa ist ein Flüchtling aus Algerien: eine Berberin aus der Kabylei, die im algerischen Bürgerkrieg einen Teil ihrer Familie verloren hat. Wie kann jemand, der so Schreckliches erlebt hat, permanent glücklich sein, grübelt ihr Dozent. Er konsultiert Glückshandbücher und spekuliert, ob solch euphorische Dauerfreude nicht krankhaft sein könnte. Hyperthymie oder Hypomanie lauten die klinischen Begriffe, die er sich ergoogelt.

Alsbald gerät der Fall Thassa auch in die Medien, schließlich wird der berühmt-berüchtigte Genomiker und Bio-Tech-Unternehmer Thomas Kurton ("eine Mischung aus schurkischem Edward Teller und glanzvollem Craig Venter") auf Thassa aufmerksam. Kurton ist ein "Transhumanist": ein Verfechter der Konsumenten-Genomik, der kommerzialisierten Gen-Optimierung des Menschen. Seine Labor-Tests an Thassa überzeugen ihn von der Existenz eines Glücks-Gens.

Ein weltweiter Medien-Tumult entsteht. Bio-Tech-Firmen drängen sich um die kommerzielle Ausbeutung dieser Entdeckung und wetteifern um Thassas Eizellen und um die Lizenzrechte am Glücks-Gen. Risiko-Investoren wittern künftige Mega-Gewinne. Nach ihrem Auftritt in einer TV-Show à la Oprah Winfrey ist Thassa Freiwild der Öffentlichkeit, sie wird gejagt, von Gier und Neugier gehetzt und vom Medien-Hype zermürbt. Kann ihre natürliche Lebensfreude dem Medienwahnsinn und dem gierigen Kapitalismus der Bio-Techniker standhalten?

In diesem Ideenroman verhandelt Richard Powers am Beispiel eines arglos glücklichen und deshalb liebenswerten Mädchens die Frage nach dem menschlichen Glück. Im Schnelldurchlauf werden alle nur möglichen Antworten der Philosophen und Lebenshelfer durchdekliniert. Daneben kann man den Roman auch als scharfe Medien-Satire lesen.

Darüber hinaus untersucht der Autor die potenziellen Möglichkeiten und Gefahren der Bio-Wissenschaften. Als Humanist fragt er nach den ethischen Konsequenzen des Fortschritts, nach den Folgen bio-chemischer Veränderungen und genetischer Verbesserungen des Menschen.

Darf sich die Bio-Technologie menschliche Gene patentieren lassen und damit Geschäfte machen? Darf sie die Menschheit in genetisch gewöhnliche und genetisch verbesserte Geschöpfe aufspalten? Soll eine wohlhabende egoistische Elite sich und ihrer Nachkommenschaft Gesundheit, Langlebigkeit und Glück erkaufen können? Mitunter verfällt der Roman dabei in ein hoch spezialisiertes biochemisches Kauderwelsch, ohne Rücksicht auf die Nicht-Experten unter den Lesern.

Mit all diesen Fragen und vielen klugen Argumenten und verwegenen Spekulationen gehen auch selbstreflexive Zweifel des Roman-Erzählers einher. Ist die klassische Romanform, fixiert auf Realismus, Plot und Triebgebundenheit des Menschen, überhaupt noch zeitgemäß und in der Lage, den Fortschritt abzubilden? Brauchen wir nicht eine neue post-genomische Literatur?

Als Ideen-Romancier ist Powers an der Individualisierung von Romanfiguren weniger interessiert. Seine Figuren sind nur Konstrukte, an denen er einige Grundfragen der Menschheit aufhängen kann. Dennoch, quasi unbeabsichtigt, ist "Das größere Glück" ein spannender Lesestoff mit einem intelligenten Plot geworden.

Richard Powers: Das größere Glück
Roman. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2009
415 Seiten, 22,95 Euro