"Mehr ein Showpolitiker als ein Substanzpolitiker"

Michael Spreng, Medienberater © picture alliance / dpa
Michael Spreng im Gespräch mit Liane von Billerbeck · 25.11.2011
Wie eine Inszenierungen wirkt das versuchte Comeback des Ex-Verteidigungsministers zu Guttenberg. Medienberater Michael Spreng sagt: "Das ist wie immer bei Guttenberg, wieder 'too much'." Und er wundert sich auch über die "merkwürdige" Allianz mit der "Zeit".
Liane von Billerbeck: Wie lange muss ein Mensch in sich gehen, wenn er einen Fehler gemacht hat? Darüber sind die Auffassungen geteilt. Karl-Theodor zu Guttenberg oder seine Berater waren offenbar der Ansicht, dass neun Monate genug sind, denn nicht länger ist es her, als er nach erwiesenen Plagiaten in seiner Doktorarbeit als Verteidigungsminister und von allen politischen Ämtern zurücktrat. Nun ist er wieder da – und wie er wieder da ist: Nur einen Tag, nachdem die Staatsanwaltschaft Hof mitgeteilt hat, dass sie das Betrugsverfahren gegen zu Guttenberg eingestellt habe gegen Zahlung von 20.000 Euro, prangt sein Foto auf Seite 1 der "Zeit", dazu gibt es den Vorabdruck aus einem Interviewbuch, geführt von "Zeit"-Chefredakteur di Lorenzo. Und weil das alles so hübsch nach Inszenierung riecht, haben wir uns mit Michael Spreng verabredet, der kennt sich mit politischer PR aus: Er war Chefredakteur der "Bild am Sonntag", Wahlkampfmanager von Stoiber und ist jetzt Medienberater und Blogschreiber, sein Blog heißt "Sprengsatz". Ich grüße Sie!

Michael Spreng: Ja, guten Morgen, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Zuerst ein Auftritt bei einer Konferenz in Halifax, das Betrugsverfahren gegen Geld von der Backe, dann ein Riesenfoto auf Seite 1 der "Zeit" plus Interview im "Zeit"-Dossier, ein Interviewbuch kommt nächste Woche – Herr Spreng, besser kann ein Comeback doch gar nicht intoniert werden?

Spreng: Ja, besser, da würde ich mal einige Fragezeichen machen, aber ich sehe schon, dass es der Versuch ist, ein Comeback zu inszenieren oder zumindest einen Testlauf, ob ein Comeback möglich wäre, um auszutesten: Wie reagiert die Öffentlichkeit, wie reagieren die Medien, wie reagieren die Parteien, wie reagieren die Wähler? Ist noch was drin für mich? Also so würde ich das sehen.

von Billerbeck: Anfang März war das, diesen Jahres, da hat Guttenberg alle politischen Ämter niedergelegt. Das ist noch nicht mal neun Monate oder jetzt neun Monate her. Ist das lange genug?

Spreng: Nein, also ich finde, eine zweite Chance muss sich ein Politiker erarbeiten, und diese Zeit der Erarbeitung war zu kurz. Und wenn man diese Interviewauszüge liest, hat er sich ja auch noch nicht viel erarbeitet. Er stellt sich ja selbst gewissermaßen als Chaoten dar, der nicht in der Lage war, der nicht wusste, was er tat, als er seine Doktorarbeit geschrieben hat – was ja auch kein besonderer Ausweis für politische Führungsämter ist –, und was er dazugelernt hat, ist gering: Er ist kein Mann, der diese Zeit ausreichend genutzt hat. Es ist zu schnell, zu früh, er konnte die Füße nicht stillhalten.

von Billerbeck: War also nur der Zeitpunkt falsch gewählt oder auch die Art und Weise?

Spreng: Ja, gut, ein solches Buch kann man machen, aber es wäre vielleicht in einem Jahr besser gewesen. Er hätte ja auch die Zeit noch nutzen können, um vielleicht eine wissenschaftlich haltbare Doktorarbeit zu schreiben. Also es ist ganz offensichtlich, ich würde es so interpretieren: Guttenberg war ja der Medienliebling, er hat die größte Aufmerksamkeit in den Medien bekommen, er war der wichtige Mann. Offenbar hat dieser Medienentzug in Amerika nicht geklappt: Er ist immer noch auf der Mediendroge. Und deswegen hat er sich auch so früh zurückgemeldet.

von Billerbeck: Wir sehen ja nun einen äußerlich veränderten zu Guttenberg, das Gel im Haar fehlt ebenso wie die Brille. Was soll uns dieses neue Äußere sagen?

Spreng: Na, ich bin da immer skeptisch, zu viel hineinzuinterpretieren, aber natürlich hat er ... Mit dem ungegelten Haar – das ist eben nicht mehr der glatte Politiker von damals, sondern das ist jetzt ein veränderter Typ, etwas weicher, er hat ja auch ein bisschen zugenommen wohl, die Brille macht ihn auch etwas weicher. Also, es ist eine gewisse Typveränderung, aber ich will da nicht zu viel hineininterpretieren.

von Billerbeck: Angenommen, Sie wären zu Guttenbergs Stratege. Was hätten Sie ihm denn geraten?

Spreng: Länger zu warten. Ich meine, er hat offenbar den brennenden Ehrgeiz, noch mal seine Version der Doktorarbeit zu erzählen und sich reinzuwaschen, aber Ehrgeiz ist da kein guter Ratgeber, um einen solchen Skandal zu bewältigen. Also, ich hätte ihm geraten, sich mehr Zeit zu lassen, mehr zur Besinnung zu kommen. Er verteilt ja auch schon wieder kräftig Schulnoten an seine alte Partei oder an die deutsche Politik. Also, das ist wie immer bei Guttenberg, wieder 'too much'. Und eine längere Zeit der Besinnung und dann im nächsten Herbst oder im Laufe des nächsten Jahres sich zurückmelden wäre etwas anderes gewesen.

von Billerbeck: Nun haben auch Sie gesagt – und das denken wir auch: Jeder Mensch, der einen Fehler gemacht hat, hat eine zweite Chance verdient, auch ein Politiker, also auch ein zu Guttenberg. Dennoch möchte man doch vorher so etwas wie Einsicht, Reue, um nicht Buße zu sagen, erleben. Davon kann ja nun keine Rede sein. Der "FAZ"-Journalist Jürgen Kaube hat gestern bei uns gesagt: Auch die Wiederkehr beginnt mit einem Schwindel. Was meinen Sie, Herr Spreng: Glaubt zu Guttenberg, all diese Regeln gelten nicht für ihn?

Spreng: Ja, er ist ja Gefangener seiner eigenen Argumentation. Dadurch, dass er behauptet, also er hätte gewissermaßen ... Als Chaot, der nicht zu vernünftigem wissenschaftlichen Arbeiten in der Lage ist, sei es zu diesen Plagiaten gekommen – das ist ja eine Version, die er braucht, ob sie jetzt stimmt oder nicht, die er braucht, um weiteren staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, einem Betrugsverfahren zu entgehen. Also, selbst wenn es anders gewesen wäre, kann er es ja nicht zugeben, weil er sich damit selbst belasten würde. Und damit ist er Gefangener seiner eigenen Argumentation.

von Billerbeck: Mit dem Medienberater Michael Spreng sprechen wir über die Comeback-Inszenierung von Karl-Theodor zu Guttenberg. Was meinen Sie, welchen Erfolg wird zu Guttenberg mit diesem Versuch haben?

Spreng: Ich habe den Eindruck, dass das Comeback, der Versuch eines Comebacks schon wieder gescheitert ist. Er hat ja den Fehler gemacht, auch seine eigene Partei zu beschimpfen und ihr die Qualitäten einer Volkspartei abzusprechen, seine Verhöhnung früherer…, er hat jetzt Horst Seehofer und den Generalsekretär und andere und auch Minister gegen sich aufgebracht. Also, er wird nirgendwo mit offenen Armen empfangen. Also, weder Frau Merkel braucht ihn – sie hat inzwischen einen sehr guten Verteidigungsminister –, noch Horst Seehofer, dort sind auch die Pfründe verteilt, da läuft sich inzwischen Markus Söder als Nachfolger warm. Also, es ist für Guttenberg auch gar keine Stelle frei, das ist das Problem. Also, das Einzige, was für ihn übrig bliebe, wäre in seinem Wahlkreis Kulmbach, der ja wohl in Treue zu ihm steht, sich erneut um ein Mandat zu bewerben, das heißt, für den bayerischen Landtag oder den Bundestag 2013. Ja, und dann wäre er Bundestagsabgeordneter. Das wäre es dann aber schon gewesen.

von Billerbeck: Man hat ja immer gesagt, zu Guttenberg sei so etwas, was man ein politisches Tier nennt, und das sind ja bekanntlich Menschen, die ein Gespür haben für die Situation. Ist ihm die völlig abhanden gekommen oder hatte er die nie?

Spreng: Ja, das ist ja genau die Frage, das ist ja die Diskussion: Ist er nur ein Blender oder ist er eine politische Ausnahmeerscheinung? Und die Frage ist ja nicht abschließend beantwortet. Aber seine jetzige Comeback-Inszenierung spricht halt eher dafür, dass er mehr ein Showtyp ist oder ein Showpolitiker als ein Substanzpolitiker. Und er wirft damit auch wiederum ein schlechtes Licht auf seine Amtszeit. Es ist ... Die Tendenz geht in Richtung Länder, denn auch der neue Auftritt und die neue Inszenierung ist keine substanzielle Geschichte.

von Billerbeck: Nun gab es ja auch andere, die gefallen sind, beispielsweise Michel Friedman, der nach einer Affäre dann doch wieder zurückgekommen ist. Es gäbe ja vielleicht für zu Guttenberg noch andere Karrieremöglichkeiten. Was meinen Sie, welche strebt er an?

Spreng: Ja, ich hätte ja ohnehin erwartet, dass er möglicherweise sich zu beweisen versucht auf einem anderen Feld, sei es ...

von Billerbeck: Beispielsweise?

Spreng: ... in der Wirtschaft beispielsweise, ja, um zu zeigen: Ich kann auch anders und ich kann auch woanders Karriere machen, um dann wieder in die Politik zu gehen. Aber so hat man den Eindruck, er klammert sich nach wie vor an die Politik, er will von ihr nicht lassen und von der ganzen Aufmerksamkeit und Wichtigkeit, die dann einem Politiker zukommt. Und das finde ich sehr eindimensional. Das zeigt auch, dass er aus seinem bisherigen Lebensweg nicht viel gelernt hat.

von Billerbeck: Eine Inszenierung funktioniert nur, wenn die Medien mitmachen. Wie sehen Sie die Rolle der Medien in diesem Fall? Zu Guttenberg ist ja damals also ganz massiv aufgebaut worden, er wäre ohne "Bild"-Zeitung überhaupt nicht denkbar gewesen. Jetzt springt die "Zeit" in diese Rolle und reagiert auf diesen Versuch, macht da mit. Es gibt also diesen Vorabdruck aus dem Buch, ein großes Interview und das ganze Buch, das angekündigt ist. Diskreditiert sich die "Zeit" und ihr Chefredakteur gleich mit, wenn sie nach so kurzer Zeit an der Reinwaschung eines ja durchaus zu Recht diskreditierten Politikers mitwirkt?

Spreng: Ja, das sind ja ganz merkwürdige Allianzen, die sich da jetzt auftun mit "Zeit" und "Bild", wenn man die Berichterstattung beobachtet. Aber natürlich ist auch die "Zeit" nicht frei von dem Wunsch nach journalistischen Scoops, nach Schlagzeilen und nach spektakulären Geschichten. Und es könnte sein, dass der Wunsch nach einer großen spektakulären Geschichte dabei übermächtig war. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass ein Leser der "Zeit", ein Teil der Leser der "Zeit" das überhaupt nicht lustig findet und verwundert die Augen reibt. Aber das ist jetzt nicht mein Problem. Aber es ist interessant, dass jetzt plötzlich auf einer ganz anderen Seite der Guttenberg wieder hochkommt.

von Billerbeck: Der Scoop ist sicher gelungen, aber wie werden die Langzeitwirkungen für die Zeitung sein?

Spreng: Ach, ich finde, man sollte es auch nicht überschätzen. Die "Zeit" wird ja dadurch keine schlechtere Zeitung. Ich glaube, sie hat sich da auf ein Terrain begeben, das nicht das ihre ist, wo sie nicht trittsicher ist und wo sie keine Erfahrungen hat. Aber das wird sich auch wieder geben, solange das jetzt keine lange andauernde Kampagne wird.

von Billerbeck: Zu Guttenberg ist nicht der erste und nicht der einzige Fall, in dem Medien nicht mehr nur beobachten wollen, sondern Politik machen. Wir erinnern uns, Peer Steinbrück und Helmut Schmidt haben das vor gar nicht so langer Zeit auch getan: "Zeit", "Spiegel", Günther Jauch haben dem Publikum einen Kanzlerkandidaten geboten. War das hilfreich?

Spreng: Ich glaube, auch das war für Herrn Steinbrück nicht besonders hilfreich in dieser Art und Weise, gewissermaßen als der Enkel oder Sohn von Helmut Schmidt präsentiert zu werden. Das hat doch sehr seiner Eigenständigkeit beeinflusst und das eigenständige Bild verdunkelt. Also, all diese Inszenierungen, da muss man sehr vorsichtig sein, weil sie auch ins Gegenteil umschlagen können. Man sieht es ja jetzt auch bei zu Guttenberg, also das ... Wir werden wahrscheinlich eher den Versuch eines ... das Scheitern eines Comebacks erleben als ein Comeback.

von Billerbeck: Das sagt der Medienberater Michael Spreng über den Comeback-Versuch von Karl-Theodor zu Guttenberg. Ich danke Ihnen!

Spreng: Ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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