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Breitband | Beitrag vom 04.04.2015

Medien und MeinungenNachrichten zuerst bei Facebook?

Ein Medien und Meinungen Spezial am 4. April 2015

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Steht eine Revolution des Journalismus an oder sein Untergang? Es wird viel diskutiert, seitdem durchgesickert ist, dass einzelne Medienunternehmen ihre Inhalte zukünftig direkt auf Facebook veröffentlichen wollen.

Deshalb hat unser Breitband-Kollege Tim Wiese ein kleines Spezial der Medien und Meinungen zusammengestellt: Möglichen Risiken und Chancen des neuen Veröffentlichungs-Models.

Es ist eigentlich wurscht, wo unsere Inhalte leben. Hauptsache wir schaffen Reichweite. So lässt sich etwas flapsig der bemerkenswerte Vortrag von Buzzfeed-Gründer Jonah Peretti zusammenfassen, den er vor kurzem auf der Netzkonferenz South by Southwest hielt.

"Das ist das merkwürdige im Netz: Weil so viele Verleger ihr Geschäftsmodell auf Bannerwerbung aufgebaut haben, sind sie davon abhängig, dass die Leute auf ihre Seiten kommen. Deshalb betreiben sie viel Aufwand, Links in den Nachrichtenstreams der Leute unterzubringen. Das fühlt sich sehr altmodisch an."

Peretti will einen anderen Weg gehen und anscheinend schließen sich altehrwürdige Verleger ihm an. So planen die New York Times und National Geographic angeblich, ihre Inhalte direkt bei Facebook zu veröffentlichen. Leser müssten also nicht mehr einem Link folgen und das soziale Netzwerk verlassen. Für Peretti liegen die Vorteile auf der Hand.

"Man kann ein viel größeres Publikum erreichen. Und wenn man im Gegenzug für seine Inhalte Daten und Einnahmen zurückerhält, dann kann das ein großartiges Geschäft sein."

Das funktioniert für Dienste wie Buzzfeed, die auch Artikel im Auftrag ihrer Werbekunden erstellen. Wenn gekaufte Inhalte viele Leser erreichen, um so besser. Es müsste sich aber erst noch zeigen, ob eine Beteiligung der Verleger an den Einnahmen von Facebook ausreicht, um Verluste im Anzeigengeschäft auszugleichen. Ohne Frage: Leser-Daten sind für alle Medienunternehmen interessant. So können Artikel besser auf die Bedürfnisse des Publikums abgestimmt werden.

"Das Problem liegt hier darin, dass die journalistischen Angebote von der Marke her ein bisschen aufpassen müssen, weil sie ja in ein optisches und Identitätskonzept geraten. Und ich glaube, dass es für die Nachrichtenanbieter schädlich ist, weil sich einfach das Nutzerverhalten noch weiter zu ihren Lasten verschieben wird. Das ist nicht mehr umkehrbar."

Sagt Social-Media-Experte Christoph Kappes im Interview hier in Deutschlandradio Kultur (mp3-Link). Und dann wäre da noch die Frage der Kontrolle der Inhalte und einer möglichen redaktionellen Mitsprache.

"Da gibt es natürlich auch Risiken, dass der eine seine Stellung ausnutzt gegenüber den anderen und auch manchmal vielleicht sogar zu Recht Regeln fordert, wie Inhalte sein sollen."

Facebook erlaubt ja zum Beispiel keine nackten Tatsachen auf seinen Seiten. Kritiker befürchten, das Unternehmen könnte zukünftig auch journalistische Inhalte zensieren. Außerdem bestimme das Netzwerk wie prominent Artikel präsentiert würden. Eine Macht, die Facebook allerdings schon heute ausspielt, wie Dirk von Gehlen von der Süddeutschen Zeitung ebenfalls im Deutschlandradio Kultur erklärte.

"Das ist eben das Spannende. Dass Facebook schon heute ein Leitmedium ist, ohne dass es selber Inhalte erstellt, sondern dass es diese leitende Funktion, manchmal vielleicht auch irreleitende Funktion ausübt, indem es gewichtet."

Ein Algorithmus bestimmt, was der einzelne Nutzer zu sehen bekommt und was nicht. Abhängig zum Beispiel davon, wie viele Freunde sich für ein Posting begeistern. Die Netzwerkstruktur gewinnt an Bedeutung.

Grundsätzlich geht es Facebook darum, dass die Nutzer die Seiten möglichst nicht mehr verlassen und alle Internetaktivitäten über das Portal erledigen.

Dirk von Gehlen:
"Wir müssen uns als Gesellschaft allerdings die Frage stellen, ob wir das wollen. Also ob wir wollen, dass die, wie ich finde, sympathische und gute Idee eines freien Internets abgelöst wird von der Idee einer Plattform wie Facebook, die nach ihren eigenen Regeln die Dinge steuert und diese Regeln nicht mal transparent und öffentlich macht."

Daher läge es in der Hand der Konsumenten, indem sie bewusst entscheiden, wo sie die Artikel konsumieren.

Allerdings: Eine Studie des American Press Instituts müsste die Verleger nachdenklich stimmen. Sie hat ergeben, dass fast 90 Prozent der jungen Amerikaner auf Nachrichten bei Facebook aufmerksam werden, über die sie dort zufällig stolpern.

Bild: Facebook Favorites von Mixy Lorenzo auf Flickr unter CC-BY-Lizenz

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