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Breitband | Beitrag vom 08.08.2020

Medien in den USAKlicks und sonst nix

Dagmar Hovestädt im Gespräch mit Jenny Genzmer und Tim Wiese

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Eine Demonstrantin hält ein Schild mit der Aufrschrift "Fox lies, democracy dies". (Getty Images / NurPhoto / Karla Ann Cote)
Im Oktober 2019 protestierten Aktivisten von Extinction Rebellion in New York City gegen die von Fox News verbreiteten Falschinformationen über die Klimakrise. (Getty Images / NurPhoto / Karla Ann Cote)

Gleich drei US-Journalistinnen und -Journalisten haben im letzten Monat ihre Jobs unter Protest hingeworfen. Irgendwas läuft falsch in den Medien des Landes. Es gehe vor allem um Polarisierung, nicht um die Grautöne, sagt die Journalistin Dagmar Hovestädt.

"Als neue Details über Antikörper oder einen Impfstoff bekannt wurden oder dazu, wie sich Covid wirklich überträgt, wollten die Redakteure sich weiter auf die Politik konzentrieren. Wichtige Fakten und Studien gehen unter." Das schreibt die Fernsehproduzentin Ariana Pekary in einem offen Brief über ihren Arbeitgeber, den Nachrichtensender MSNBC.

Darin beklagt sich die Journalistin, dass über Themen nicht nach  Relevanz, sondern nur nach politischer Brisanz entschieden wird. Dies sei nicht mit ihrem journalistischen Selbstverständnis vereinbar, weshalb sie bei MSNBC kündigte.

"Das ist das Business"

Damit ist Pekary eine von drei Journalistinnen und Journalisten, die vergangenen Monat ihren Job bei einem US-Nachrichtenmedium gekündigt und gleichzeitig schwere Vorwürfe gegen die Branche erhoben haben. Was ist da los in den Vereinigten Staaten?

Der bekannte US-Journalist und Medienkritiker Jeff Jarvis fand die Kritik von Ariana Pekary zu unspezifisch. "Diese Punkte gelten doch seit 50 Jahren. Ich fand ihre Aussage ziemlich naiv, wenn auch gut gemeint, denn Quoten haben im Fernsehen schon immer eine Rolle gespielt. Das ist das Fernsehbusiness und das Radiobusiness in den USA."

Das gesamte Gespräch mit dem US-amerikanischen Journalisten Jeff Jarvis können Sie hier auf Englisch hören.

Dagmar Hovestädt ist Pressesprecherin des BSTU, ehemalige US-Korrespondentin, Mitgründerin von Netzwerk Recherche und sitzt heute im Aufsichtsrat von Correctiv.org. Mit ihr haben wir über den Fall Pekary und die Situation der Medien in den USA  gesprochen.

MSNBC – das Gegenteil von Fox News

Den konservativen Sender Fox News beschreibt Dagmar Hovestädt als Programm, in dem sich die Trump-Anhänger zu Hause fühlten. Dies hinterlasse eine große Marktlücke, die von MSNBC bespielt werde.

"Für mich ist MSNBC – egal, wo man politisch steht – in dem Sinne eben auch sehr stark politisiert und im Sinne von hohen Reichweiten Einschaltquoten fixiert darauf, das Marktsegment abzugreifen, was durch so ein sehr profitables Unternehmen wie Fox News eben nicht erreicht wird. Das hat einfach die journalistischen Maßstäbe und die Entscheidungsgrundlagen komplett ruiniert."

Es fehlen Debatte und Austausch

Eine der Ursachen dafür, dass Meinungsjournalismus so stark geworden sei, sieht Hovestädt in den  24-Stunden Nachrichtenkanälen: "Wenn man seriös und faktisch gut recherchiert berichten will, kostet das Zeit und Geld. Und wenn man 24-Stunden etwas senden will, kann niemand das bezahlen. Also setzt man da Leute hin, die einfach erzählen. Und wenn die keine Zeit haben zu recherchieren, dann sagen sie einfach Ihre Meinung."

Bewegungen wie #MeToo oder Black Lives Matter zeigten, dass sich die Gesellschaft in einem massiven Umbruch befinde, was die Medien auch auf gewisse Art und Weise widerspiegeln müssten. Doch Hovestädt sieht die Gefahr, dass es durch die extreme Polarisierung schwierig werde, diese komplexen und notwendigen Gesellschaftsphänomene in Ruhe zu verhandeln.

"Wenn dazu der Druck kommt, dass man ständig entsprechende Klickzahlen produzieren muss, dann fehlt genau das: der Austausch, die Graubereiche auszuleuchten, um grundsätzliche gesellschaftliche Fragen wirklich zu debattieren." Dafür seien die Medien in ihrem jetzigen Zustand schlecht geeignet.

Die Coronapandemie verstärkt  Medienphänomene

Die Coronapandemie habe bestimmte Phänomene verstärkt. Gleichzeitig habe vonseiten der Zuschauer und Leser aber die Notwendigkeit zugenommen, belastbare faktische Informationen zu erhalten. 

"Das Bedürfnis, sich bei politisch nicht einzuordnenden Informationen einfach faktisch zu orientieren, steigt bei vielen Leuten ganz enorm", sagt Hovestädt. "Darum suchen sie dann auf ihre eigene Art und Weise – nicht nur in sozialen Medien, sondern auch in Podcasts oder in direkten Zugriffen auf Experten. Und das sind so Phänomene, wo man merkt, dass die Leute nicht einfach immer nur mit aufgeregten hysterischen Geschichten konfrontiert werden wollen."

(hte)

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