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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.04.2020

Maylis de Kerangal: "Porträt eines jungen Kochs"Beim Schnippeln und Pochieren die Welt vergessen

Von Dirk Fuhrig

Maylis de Kerangal: Porträt eines jungen Kochs (Suhrkamp / Deutschlandradio)
Von der Dönerkulinarik Berlins in das gastronomische Mekka Paris: "Porträt eines jungen Kochs" von Maylis de Kerangal. (Suhrkamp / Deutschlandradio)

Mauro will nichts anderes als Karotten dünsten, Tomaten schnippeln oder Auberginen anbraten. In "Portrait eines jungen Kochs" zeichnet Maylis de Kerangal brillant und feinsinnig einen von großer Leidenschaft getriebenen Pariser Küchenmeister.

Mauro weiß, was er will. Nämlich am Herd stehen. Als Jugendlicher hat er seine Mitschüler mit Backkreationen erst irritiert und dann begeistert. Später lässt er sein aussichtsreiches BWL-Studium inklusive Erasmus-Semester schleifen, weil er lieber Essen zubereiten will.

Er jobbt in Restaurants, lässt sich von dem brutalen Küchenregime aber nicht kleinkriegen, kündigt jeweils nach kurzer Zeit und eröffnet ein eigenes Restaurant. Auf vier Quadratmetern zwischen Herd, Kühlschrank und Spüle schindet er sich sieben Tage die Woche. Keine Freizeit, keine Zeit für Freunde, keine für die Liebe.

Genialischer Künstlertyp

Mauro ist ein Getriebener, ein Kochfanatiker, ein genialischer Künstlertyp. Ein großer Schweiger, der beim Schnippeln und Pochieren die Welt um sich herum vergisst. Maylis de Kerangal hat schon häufiger über junge Menschen aus der Millenniums-Generation geschrieben. Dieses nur 96 Seiten kurze "Porträt eines jungen Kochs" ist ihr höchst prägnant gelungen.

Mauros Karriere ist so nur in einer Kochmetropole wie Paris möglich, wo es genügend Essenthusiasten gibt, die nach immer neuen, privat geführten, kleinen feinen Restaurants gieren. Wo Arbeit in der Gastronomie, jedenfalls teilweise, noch als richtiger Beruf aufgefasst wird, und nicht als Hilfsjob.

Paris ist nicht nur die Kulisse für diesen Roman, sondern eine Art Fruchtblase, in der sich Mauro zum Nahrungsmittelfanatiker heranbildet.

Döner-Kulinarik in Berlin

Die Handlung beginnt allerdings in Berlin, wo Mauro, wie viele junge Leute, ein paar Monate zum Spaß verbringt – ausgerechnet Berlin: Schließlich bietet die deutsche Hauptstadt alles andere als kulinarische Raffinesse, trotz der mittlerweile zahllosen Sternerestaurants. Anders als in Frankreich fehlt hierzulande der breite gesellschaftliche Konsens über die Bedeutung der traditionellen Kochkunst.

Und so widmet sich der junge Mauro in Berlin vor allem der Döner-Kulinarik, die ihn auch zu einem weltberühmten Wohnwagen-Imbiss am Mehringdamm führt, bevor er einer Öko-Köchin mit biodynamischem Bauernhof in Brandenburg begegnet.

Erotik in den Früchten des Feldes

An dieser Stelle wird das Buch jedoch nicht zur schmalzigen Küchen-Romanze. Mauro hat rein professionelle Interessen. Erotik scheint für den kleinen hageren jungen Mann vor allem in den Früchten des Feldes zu liegen.

Maylis de Kerangal schafft es, die Leidenschaft des jungen Kochs in ihre klingende Sprache zu übersetzen. Dem Metier des Kochs huldigt sie in Wortkaskaden: "Schmelzen und Kristallisieren, Eindampfen und Sieden, das Überführen vom festen in den flüssigen Zustand, von Kaltem in Warmes, von Weißem in Schwarzes – und umgekehrt, von Rohem in Gekochtes".

Wahrhaft "köstliches" Buch

Die stilistische Eleganz, mit der Maylis de Kerangal diesen jungen Mann und seine Hingabe beschreibt, ist außergewöhnlich. Bei all dem sprachlichen Enthusiasmus ist das "Porträt eines jungen Kochs" frei von Kitsch oder Gefühligkeit.

Es ist natürlich bei weitem nicht das erste Buch über die Leidenschaft am Kochen. Aber diese auf 96 Seiten verdichteten Lehrjahre eröffnen einen breiten Kosmos wie bei einem Entwicklungsroman. Ein packend geschriebenes, ein wahrhaft "köstliches" Buch.

Maylis de Kerangal: "Porträt eines jungen Kochs"
Aus dem Französischen von Andrea Spingler
Suhrkamp, Berlin 2020, 96 Seiten,
gedrucktes Buch: 12 Euro (erscheint am 15.06.)
E-Book: 11,99 Euro (bereits erhältlich)

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