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Lesart | Beitrag vom 11.07.2020

Maximilian Terhalle über Strategien in der PolitikDeutschland hat noch Nachholbedarf

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Gespräche am runden Tisch, im Rahmen der EU Versammlung in Brüssel, 2019 (imago images / Xinhua / Zhang Cheng)
EU-Versammlung in Brüssel: An runden Tischen geht es um Strategien und Taktik (imago images / Xinhua / Zhang Cheng)

Die Welt ist schlecht – nur die Deutschen wollen das nicht sehen. Kluge Schachzüge seien deshalb wirkungsvoller als Kommunikation allein, sagt Maximilians Terhalle. In "Strategie als Beruf" plädiert er dafür, das militärische Gewicht vernünftig zu erhöhen.

Florian Felix Weyh: Maximilian Terhalle unterrichtet Strategische Studien an der Universität von Winchester und forscht am Kings College in London. Zudem hat er ein Buch herausgebracht, dessen Titel gebildete Menschen aufhorchen lässt: "Strategie als Beruf".  Das spielt an auf Max Webers berühmten Aufsatz "Politik als Beruf". Nun ist aber gerade Strategie als Beruf in Deutschland praktisch nicht vorhanden oder irre ich mich da, vergesse ich die Planungsstäbe bei der Bundeswehr?

Terhalle: Strategie wird natürlich gedacht und geplant, auch ohne dass es eine systematische Fassung des Ganzen gibt. Die Frage ist immer nur, mit welcher Herangehensweise strategisches Planen und Denken durchgeführt wird. Und da glaube ich, dass Deutschland möglicherweise Aufholbedarf hat.

Realitäten muss man akzeptieren - und danach handeln

Weyh: Ich beginne mal mit einem längeren Zitat, um überhaupt darauf hinzuführen: "Solange in einer Welt unterschiedlicher Machtgewichte und Wertesysteme Staaten die Möglichkeit besitzen, mit Mitteln aller Art Bedingungen zu schaffen, um andere Staaten anzugreifen oder diese mindestens so erpressbar zu machen, dass sie zum Handeln wider ihren Willen gezwungen werden können, ist die Notwendigkeit strategischen Denkens und Handelns von überragender Bedeutung", das schreiben Sie. Verkürzt: Die Welt ist schlecht, nur wir Deutschen wollen das nicht sehen und glauben an die Kraft des kommunikativen Handelns.

Terhalle: Das ist natürlich sehr kurz ausgedrückt, aber trifft es auf den Punkt. Mit dem Satz, den Sie zitiert haben, geht es um nicht weniger als die Konstatierung einer weltweit anerkannten Realität. Es gibt Machtunterschiede in der Welt, es gibt verschiedene Wertesysteme. Es gibt historisch bedingte Ungleichheiten, die miteinander rivalisieren. Wir leben zum Glück in einem Teil der Welt, der weitestgehend im Innern befriedet ist durch EU und Nato. Nun gibt es aber außerhalb dieser sehr heilen Welt eine andere Welt. Und von der glauben wir häufig, dass sie so funktioniert, wie das im Innern der EU beispielsweise funktioniert. Dass aber diese Teile der Welt häufig in einem sehr schroffen Widerspruch zueinander stehen, bei dem es im Kern darum geht, wer welche Machtansprüche wo durchsetzen kann – dabei geht es nicht um militärische Mittel, sondern es geht darum, wie Machtansprüche auf allen Ebenen durchgesetzt werden, angemeldet werden und auch gegen Widerspruch durchgesetzt werden – diese Realitäten, die muss man akzeptieren, will man in dieser Welt überleben.

Weyh: Nun haben wir ja diese Woche ein klassisches Beispiel gesehen mit China und Hongkong. Und die deutsche Außenpolitik reagiert wie üblich mit betroffenen Formeln. Haben wir denn überhaupt noch Möglichkeiten, strategisch irgendwie einzuwirken?

Terhalle: Zunächst einmal geht es darum, zu realisieren, in welcher Welt wir leben – das ist eine sehr friedliche innerhalb der EU, die aus zwei Weltkriegen erwachsen ist –, dann aber sich von Sonntagsreden zu verabschieden und zu erkennen, dass die Welt, wie sie gegenwärtig ist, sich tatsächlich in ihren Ordnungsrahmen verändert: Das ist nicht so, dass man beim Amtsgericht Berlin Mitte ein Planstellungsverfahren einleitet, sondern hier geht es um tatsächliche Machtgewichte, die unsere Welt, in der wir leben wollen, massiv verändern wollen. Wir können als Deutsche erst einmal den Schritt machen, uns zu vergegenwärtigen, dass das tatsächlich passiert. Und wir können an Hongkong erkennen, in welche Richtung eine andere Weltordnung, eine chinesische Weltordnung, gehen würde. Im Jahr der Deutschen Einheit würde ich doch denken, dass wir uns bewusst sind, was Freiheit uns bedeutet, was es den Ostdeutschen bedeutet hat, weshalb sie auf die Straße gegangen sind. Diese Welt ist nicht natürlich, die haben wir uns erkämpft, die müssen wir  deshalb auch verteidigen, gerade, weil andere sehr starke Kräfte in der Welt das gänzlich anders sehen.

Bei "Militär" werden viele Deutsche hellhörig

Weyh: Das heißt, dass man militärische Mittel als politisches Handeln ins Kalkül zieht. Ist das Strategie?

Terhalle: Das ist nicht nur Strategie, aber das ist ein wesentlicher Teil von Strategie. Wenn wir über Militär reden, werden in Deutschland viele gleich ganz hellhörig und meinen, hier geht es um eine schlimme Vergangenheit. Von diesen Vorstellungen müssen wir uns langsam verabschieden, in Teilen hat die Bundesrepublik in der Berliner Republik das schon getan. Heute geht es darum zu erkennen, dass militärische Macht die gesamte Weltpolitik durchzieht, sie ist ein wesentliches Charakteristikum nicht nur strategischen Handelns, sondern der Weltpolitik an sich. Präsident Macron hat gerade im Februar mit aller Deutlichkeit wiederholt: Ein Staat, der keine militärische Glaubwürdigkeit hat, wird in der Welt des 21. Jahrhunderts nicht überleben. Wenn man das einmal akzeptiert, dann heißt das nicht, dass die Welt morgen in jeglicher Form militarisiert wird, aber es geht darum, militärisches Gewicht in der richtigen Form, zum Beispiel in einer Allianz, in der man sich befindet, vernünftig wachsen zu lassen entsprechend den Herausforderungen der Weltpolitik – aber auch darum, das ist ganz wichtig, dem Bedarf, der innerhalb der Allianz von Alliierten angemeldet wird, zu entsprechen.

Habermas wird im Ausland nicht verstanden

Nur ein Beispiel: Sie erinnern sich an dieses wunderbare Zitat von dem polnischen Außenminister, wunderbarer Mann. Der sagte 2011, er fürchte nichts mehr als deutsche Inaktivität in militärischen Dingen. Neun Jahre später sind wir dabei, dass Polen mit großer Selbstverständlichkeit amerikanische Truppen, die auf deutschem Gebiet stationiert waren, gerne bei sich sehen möchte. Sie sehen in den letzten neun Jahren – bei allem Einfluss, den auch Amerika in dem Spiel hatte –  dass die Polen uns innerhalb der Nato höchst misstrauisch betrachten.

Weyh: Es ist mir tatsächlich mehrfach in Ihrem Buch ins Auge gesprungen, dass Sie schreiben, dass unser großer Staatsphilosoph Jürgen Habermas im Ausland mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns überhaupt nicht verstanden wird. Warum ist das so?

Terhalle: Der wesentliche Grund ist einmal mehr, dass ein hochintelligenter, hochangesehener Mann in Deutschland aufgrund seiner Perzeption der deutschen Vergangenheit, vor allem der Weltkriege, geglaubt hat, dass er internationales Handeln durch rein kommunikative Elemente, bei denen die Gleichheit und vor allem die strategisch unbedarfte Form der Akteure, als Folie genommen würde für die Weltpolitik: Er sah das wie die Studenten im Seminarraum – jeder kann sich mit dem besseren Argument durchsetzen, um damit der Vernunft zum Vorteil zu gereichen. Das hat aber, mit Verlaub, rein gar nichts mit internationaler Politik zu tun. Damit ist es ihm gewiss gelungen, in kleinen Teilen des intellektuellen Plateaus großes Ansehen zu erreichen. Es ist, mit Verlaub, höchst naiv, zu denken, dass so die Weltpolitik funktioniert.

Die Rolle Chinas und Russland

Weyh: Nun haben wir gerade über China geredet, Russland ist ein bisschen wieder aus dem Fokus geraten, aber doch ebenso wichtig für die deutsche und europäische Außenpolitik.

Terhalle: Ja! Man könnte sagen, dass sich in dem Spannungsverhältnis China, Deutschland, Russland geradezu der Kern der strategischen Herausforderungen an Deutschland herauskristallisiert. Auf der einen Seite haben wir den deutschen Ansatz gegenüber Russland mit Sanktionen seit 2014 wegen der Krim; auf der anderen Seite werden dieselben Sanktionen durch den Weiterbau der Nord Stream 2-Pipelines unterlaufen. Gleichzeitig sehen wir, dass China mit großer ökonomischer und militärischer Kraft den strategischen Blick Amerikas von Westeuropa, Zentraleuropa ablenkt – das gab es während des Kalten Krieges nicht.

Diese Möglichkeit, dass es eine chinesisch-amerikanische militärische Auseinandersetzung gibt, ist von höchster Bedeutung für die europäische Sicherheit der Nato. Sollte Amerika tatsächlich in einen Krieg mit China involviert werden, dann ließe sich sehr schnell fragen, was hieße das für die Glaubwürdigkeit der Abschreckung in Europa gegenüber Russland. Diese Fragen werden von der deutschen Außenpolitik und der deutschen Regierung gegenwärtigen nicht beantwortet, obwohl andere, nicht zuletzt die Franzosen, aber auch die Briten, gesagt haben, wir müssen hier wesentlich stärker darüber nachdenken. Das sind große Lücken, Deutschland hat bisher keine Antworten darauf. Ich wünschte, dass in Zukunft diese Themen stärker betrachtet werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Maximilian Terhalle: "Strategie als Beruf. Überlegungen zu Strategie, Weltordnung und Strategic Studies"
Tectum bei Nomos, Baden-Baden 2020 
362 Seiten, 66 Euro

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