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Literatur / Archiv | Beitrag vom 02.01.2015

Max BrodGeschäftige Goethenatur

Von Tobias Lehmkuhl

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Der Schriftsteller Max Brod am 27. Juni 1964 in Prag. (dpa / picture alliance / )
Max Brod am 27. Juni 1964 in Prag. Er wurde 1884 in Prag geboren und starb 1968 in Tel Aviv. (dpa / picture alliance / )

Man kennt ihn als Kafkas Freund, weniger als erfolgreichen Autor von fast hundert Büchern: Max Brod. Die Welt des alten Österreich ist in seinen Romanen noch ebenso lebendig wie die wilden 20er-Jahre. Nun liegt im Wallstein Verlag eine neue, umfangreiche Auswahlausgabe vor.

Hans-Dieter Zimmermann: "Ich sage immer, damals hieß es: 'Kafka? Ach, das ist ein Freund von dem berühmten Max Brod.' Inzwischen ist das andersrum."

Sigrid Brunk: "In Berlin haben wir uns das erste Mal gesehen. Da hatte er Grippe und lag im Bett und hatte − kann ich Ihnen so etwas erzählen? − einen hellblauen Schlafanzug an. Das war '57."

Hans-Dieter Zimmermann: "In Prag hat er 60 Bücher veröffentlicht, und als er dann in Tel Aviv war, ungefähr 30. Das ist nicht zu sagen."

Sigrid Brunk: "Als ich wieder zu Hause war, schrieb ich ihm, dass ich nicht erwartet hätte, dass er so blaue Augen hat. Und dann schrieb er mir: Ja, aber meine Mutter war blond und blauäugig, man hat sie immer für eine Nicht-Jüdin gehalten. Irgendwie war man damals wohl stolz darauf, ich weiß es nicht."

Hans-Dieter Zimmermann: "Und es gab mal, als die TU, wo ich war, noch Geld hatte, einen Antiquariatskatalog, da wurden anscheinend von Max Brod alle seine Werke angeboten, bis auf ein paar, die ich dann fotokopieren konnte. Und ich habe dann den Antiquar angerufen, und er hatte gesagt, für 5000 DM können Sie alles haben."

Sigrid Brunk: "Seine Augen waren natürlich braun, nicht tiefdunkelbraun, aber so ein helleres Braun, und der hellblaue Schlafanzug hatte eben die Farbe darüber gestrahlt."

Hans-Dieter Zimmermann: "Und die Uni-Bibliothek hat das gekauft, und ich habe das jetzt, solange wir die Ausgabe haben. Und das sind vier Pappkartons, voll mit Büchern. Und das ist nicht mal alles drin. Ich habe noch zwei, drei Sachen kopiert."

Hans-Gerd Koch: "Es ist natürlich eine Herausforderung, auch neue Leser zu finden, und das ist eigentlich das, was wir mit dieser Auswahlausgabe im Blick haben, dass wir Max Brod als Autor wieder ins Bewusstsein eines Leserpublikums einführen, die ihn aus der Schule oder aus anderen Zusammenhängen, Sekundärliteratur vielleicht nur als Kafka Freund und Herausgeber kennen. Dass er selbst zu seinen und vor allem zu Kafkas Lebenszeiten der erfolgreichere Autor war, und ein bekannter Autor, auch Bühnenautor, das weißnatürlich das jüngere Publikum überhaupt nicht mehr."

Musik: Sergej Prokofjew, Visions fugitives 1

Sigrid Brunk: "Vor dem Dritten Reich war er ja ein ganz berühmter, ein Bestsellerautor gewesen, der Auflagen von 20.000 oder so hatte, das war ja damals schon ganz schön viel. Vor allen Dingen mit seinen Liebesromanen."

Eine Gedenktafel am Geburtshaus von Max Brod in Prag wurde 2011 enthüllt. (dpa / picture alliance / Michal Krumphanzl)Eine Gedenktafel am Geburtshaus von Max Brod in Prag wurde 2011 enthüllt. (dpa / picture alliance / Michal Krumphanzl)
1884 wurde Max Brod in Prag geboren, und schon mit 23 Jahren veröffentlichte er sein erstes Buch. Er schrieb schnell und er schrieb viel, und das sollte sich in den folgenden 60 Jahren kaum ändern, denn das Schreiben fiel ihm leicht. Die Leichtigkeit spürt man in jedem seiner Sätze, etwas Heiteres und Schwebendes liegt in ihnen, und wollte man aus den inzwischen zehn Bänden der von Hans-Gerd Koch und Hans-Dieter Zimmermann im Wallstein Verlag betreuten Auswahlausgabe nach Beispielen suchen, so bietet sich "Der Sommer, den man zurückwünscht" besonders an:

"In Misdroy angelangt, war denn ihre erste Sorge, das Meer zu begrüßen. Die Mutter war allerdings mit diesem Ritual nicht einverstanden, sie wünschte, daß jeder beim Auspacken tüchtig mithelfe. Aber in diesem Fall hätte auch eine noch stärkere Autorität die Leidenschaft der Kinder nicht bändigen können. Ungestüm eilten sie durch den Kurpark, stürmten den steilen Weg am Kurhaus vorbei zur Strandpromenade empor; hier, dem grau-hölzernen Herrenbad gegenüber, blieben sie atemlos stehen  − da war es wirklich, dieses unglaubliche, durch keine Phantasie in solcher Kraft heraufzubeschwörende Element, ein stählern glänzendes Riesenschild, diese steil und schrecklich erhobene, geradezu vertikal aufgerichtete Wasserwand in weißflammender Sonne, vor der einem die Augen wehe taten."

"Der Sommer, den man zurückwünscht" ist ein kleiner Roman, eigentlich ein Erinnerungsbuch, das Brod 1951 in Israel geschrieben hat. Er erzählt darin von der alljährlichen Reise an die Ostsee, die die Familie Brod Ende des 19. Jahrhunderts unternahm, von der Freundschaft, die Max mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Otto verband, und von der verzweifelten Liebe zu seiner Mutter, die launisch ist und streng und stets nah am Nervenzusammenbruch.

Sigrid Brunk: "Eine großbürgerliche Familie mit dieser doch kranken Mutter. Sie ist eben jähzornig, böse und sie hat sich nicht im Griff, sie ist ein armes Mädchen, kommt aus einem Dorf an der schlesischen Grenzen und der Vater hat sich eben in dieses schöne junge Mädchen verliebt und nun ist sie eben mit einem gutbürgerlichen Haushalt mit drei Kinder und Dienstmädchen vollkommen überfordert."

Hans-Dieter Zimmermann: "Mir scheint, in diesem Roman ist die Familiensituation besser als in der Autobiografie dargestellt, auch die Mutter besser, die dort irgendwie nur so distanziert dargestellt wird. Da kommt man ihr irgendwie nah, da kann man das irgendwie so verstehen. Sie war so wahnsinnig pedantisch oder so was. Also kein Dienstmädchen konnte... die haben immer die Gabel falsch hingelegt, weil sie fünf Zentimeter zu weit links oder rechts oder so. Sie muss die verrückt gemacht haben. Und sie war selber wohl auch noch etwas verrückt. Und der Vater war liebenswert und schwach."

Sigrid Brunk: "Nein, er war keine schwache Gestalt, er war der Ruhepol, ja natürlich war er sanft, er war ausgleichend, er war ein gebildeter Mann, aber er kam gegen diese energische, temperamentvolle, unbeherrschte Frau überhaupt nicht an."

Musik: Alfred Schnittke, Canon in memoriam Igor Strawinsky

Hans-Dieter Zimmermann: "Kein Dienstmädchen hat es bei ihr länger als zwei Wochen ausgehalten. Und als ein Dienstmädchen vor Verzweiflung aus dem Fenster gesprungen ist und tot war, ist sie ins Sanatorium gekommen."

"Es regierte ja vor allem eine tiefe, gegenseitige Liebe zwischen Mutter und Kind, wenn diese Liebe auch im Alltag wie durch eine trübe Brechung verhüllt und nie mehr, seit früher Kindheit nicht, an die es kaum eine Erinnerung gab, durch eine innige Bewegung, ein Streicheln etwa, ausgedrückt wurde. Doch nicht etwa die Sparsamkeit des Gefühlsausdrucks störte den Sohn. Nein, es war etwas ganz anderes. Erwin hätte gerne gesehen, dass die Mutter in jeder Hinsicht so vollendet gewesen wäre, wie sie ihm äußerlich schön erschien. Aber er konnte es sich nicht verhehlen, daß sie seinem seelischen Ideal durchaus nicht entsprach, daß sie äußerst unbeherrscht war, dass sie ihrem Temperament die Zügel schießen ließ − gegen jedermann, gegen Verwandte, mit denen sie in dauerndem Zwist lag, gegen den Vater, den sie manchmal ganz despektierlich anschrie, vor allem aber gegen die Dienstmädchen, die schutzlos ihrem strengen Regiment preisgegeben waren. An sich selbst dachte er dabei nicht. Er war ja in früher Kindheit, seines lang anhaltenden Krankendaseins wegen, das Sorgenkind der Mutter gewesen."

Sigrid Brunk: "Im Hotel war so eine ganz steile Treppe in Berlin, ich weiß die Straße nicht mehr, er sagte mir nur: 'Gegenüber, da war alles Trümmer, nur Trümmer, da stand früher die Synagoge.' Er kam die Treppe hinab... Er hatte also einen schwarzen Mantel an, so einen großen Hut und solche großen Schuhe. Und da erkannte ich erst, dass er ja eigentlich bucklig war."

Hans-Dieter Zimmermann: "Max Brod war immer krank, und bekam eine furchtbare Krankheit, Kyphose, das ist eine Rückgratverkrümmung. Und wenn man nichts dagegen macht, dann wächst der Kopf sozusagen in den Hals hinein, er hatte auch einen Buckel davon. Und die Ärzte konnten nicht helfen. Seine Mutter ist dann mit ihm zu einem Schmied in der Nähe von Augsburg gefahren, der auch als Orthopäde berühmt war. Und er hat ein metallenes Korsett für ihn geschmiedet."

Sigrid Brunk: "Und das musste er immer tragen, auch in der Schule, mit oben so einem eisernen Teller, wo der Kopf drauf lag... dass er den schönen gerade, offenen Hals hatte."

Musik: Pjotr Tschaikowski, Album for the young XV Italian Air

Hans-Dieter Zimmermann: "Also man muss sich vorstellen, dass dieses Kind in dem Alter, in dem alle Kinder gerne herumlaufen, jeden Tag ein eisernes Korsett getragen hat, nachts durfte er das ausziehen. Und sie finden bei ihm kein Wort des Jammers. Er hatte wirklich eine unglückliche Kindheit. Und sie finden bei ihm kein Wort des Jammers."

"Wohlan denn, wir haben noch Zeit, mit dem Meer um die Wette in die graue Luft, die Salzluft zu brüllen; wir Kinder tummeln uns in der göttlichen Brandung, in den türkisenen und weißzischenden Wogen, wir stählen unsere Glieder, nicht wissend, an welche Orte sie uns führen werden. Wohlan denn, wir greifen nach funkelnden Bernsteinsplittern im Sand und wir hören die gewaltige Musik, die Musik, die Gewalt des Schönen, das für unschuldige Herzen nichts Besonderes bedeutet, weil es ihnen alles ist. Die Musik, wie sie für unschuldige Herzen der große Sturmwind auf der Muschel der Kurkapelle bläst und auf seinem Kamm aus scharfem Dünengras."

Hans-Gerd Koch: "Im Augenblick ist mein liebstes Buch von Brod 'Die Frau, nach der man sich sehnt', weil das einfach ein gelungener Roman um eine Frau und um eine unglückliche Liebe ist. Und ich habe diesen Roman gelesen und gleich im Anschluss den Film mit Marlene Dietrich, einen der letzten Stummfilme in Deutschland mit Marlene Dietrich und Fritz Kortner, mir angesehen und fand diese Umsetzung im Film wiederum faszinierend."

Hans-Dieter Zimmermann: "Der ist 1927 erschienen, und 1928 wurde er mit Marlene Dietrich verfilmt, 1929 kam er in die Kinos. Fritz Kortner hatte den männlichen Helden gespielt. Das zeigt, was das für ein Autor war."

Hans-Gerd Koch: "Es geht um einen Erben einer Fabrik in Böhmen, der sich zunächst in eine junge Frau aus seinem Heimatland verliebt, dann aber in Berlin einer Frau kurz nur auf einem Hotelflur begegnet, und es kommt zu einem kurzen Austausch, der im Film natürlich nur über Blicke und dann einen Fernzug funktioniert. Und es entsteht eine Liebesbeziehung, er rettet diese Frau aus den Armen eines Verehrers und Verfolgers, und die beiden reisen. Er verprasst sein Geld dabei für sie und fühlt sich als der Retter und der Mensch, der eben dieser Frau ein schönes Leben gewährleistet, und merkt gar nicht, dass er eigentlich die ganze Zeit der Schwächere in dieser Beziehung ist, dass sie alle Fäden in der Hand hält."

Musik: Francis Poulenc, Leocadia Akt 3

"Eine große Frau, groß und schön − mehr sah ich zunächst nicht. Glanz ging von ihrem hellbraunen Seidencape aus. Ein in Seide gehüllter Stern, ein Mittelding von Stern und seideschimmernden warmen Südmeeren − so fühlte ich, sah nichts einzelnes. Sie sprach sehr schnell, ihre jungen wilden Augen sprangen mich an:
"Sie sind mein Bruder, verstehn Sie."
Mein Gesicht musste sich merkwürdig verändert haben, dann trotz ihrer Energie lachte sie kurz  auf. Nur kur, dann raste sie ungeduldig los:
"Sie sollen sagen, dass Sie mein Bruder sind. Nicht als Phrase − alle Menschen werden Brüder oder so! Sondern mein leiblicher Bruder Gregor. Den man Gory ruft, verstehn Sie. Das sollen Sie dem Doktor Karkos sagen − und zwar sofort, binnen einer Viertelstunde. Hören Sie, ich habe es genau überlegt. Binnen einer Viertelstunde komme ich an die Bar. Dort müssen sie es ihm sagen. Sie sollen mich retten. Aus tiefster Verzweiflung flehe ich Sie an. Retten − wollen Sie das?"
"Gewiss", sagte ich, überwältigt, wenn ich auch noch nicht verstand, worum es sich handelte."

Hans-Dieter Zimmermann: "Die weiblichen Gestalten, mögen sie nun Hausfrau sein oder Kokotte oder Prostituierte, etwas vornehmeren Ranges sind immer die dominierenden Wesen, die Männern die Nase lang ziehen. Mal gewähren sie was, mal gewähren sie nichts. Und sie schmachten dann, und sie nutzen sie auch aus."

Hans-Gerd Koch: "Und es gibt eine Parallele, die ich sehr interessant fand, weil dieser Mann sich dann als Ausgestoßener fühlt, als derjenige, der sich nicht um seine Familie kümmert, die eigentlich auf ihn als Ernährer angewiesen ist. Und die ganze Zeit plagen ihn Gewissensbisse, und er malt sich aus wie die Familie ohne ihn in Elend versinkt, die Schwester, die Mutter, und die Fabrik zu Grunde geht, und der Bruder das nicht kann. Es ist so eine Situation wie in der 'Verwandlung'. Es sind die Überlegungen, die Gregor Samsa auch anstellt. Und wie bei Gregor Samsa ist das auch ein Trugschluss in Brods Roman. Denn es stellt sich heraus, die Familie kommt prima ohne ihn zurecht, die Fabrik floriert und so weiter."

Musik: Dmitri Schostakowitsch, 2 Pieces for String Quartet II Polka

Hans-Dieter Zimmermann: "Da gibt es in diesem wunderbaren Roman über das Prager Tagblatt, den wir jetzt bringen, eine Frau, sie heißt, Karly, die heiratet später einen ganz reichen Mann, und dann erfährt sie, dass der Held des Romans, Armand, sie wirklich geliebt hatte, und dann sagt sie zu ihrer Freundin 'Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihn noch mehr ausgenommen' (lacht)."

Max Brod hatte selbst viele Jahre für das Prager Tageblatt als Redakteur gearbeitet, die wichtigste deutschsprachige Zeitung der Stadt und eine der bedeutendsten liberalen Tageszeitungen überhaupt. Neben seinen Romanen, Bühnenstücken, Libretti und Gedichten ging also auch eine Flut von Artikeln und Essays von ihm aus. Naturgemäß war nicht immer alles von derselben hohen Qualität.

Sigrid Brunk: "Wo haben wir denn das dicke 'Schloß Nornepygge'? Na ist egal. Da habe ich mal was gesagt, da haben sie sich ja was geleistet, da sind so erotische Szenen drinnen, ach Gott, da schreibt er so als Ideal, dass eine Frau sich wünscht bei einem Mann einen Samenerguss wie von Hengsten, da hab ich gedacht, er sagt: Was denn? Aber ich mochte das nicht zitieren, habe den Kopf geschüttelt und gelacht."

Hans-Gerd Koch: "Brods Romane sind stark beeinflusst von den Franzosen, das hatte er mit Kafka gemein, dass sie Flaubert zum Beispiel als großes, wirklich großes Vorbild gesehen haben, ihn gemeinsam gelesen haben. Brod hat andere Franzosen gelesen. Ich denke, da liegt ein Schwerpunkt. Sicherlich auch die Russen, die zur damaligen Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts sehr starken Einfluss auf die deutsche Literatur hatten. Ich glaube, das sind seine Vorbilder."

Hans-Dieter Zimmermann: "Ich sehe ihn immer im Zusammenhang mit den Österreichern. Es gehört ja zu Österreich, nämlich mit Schnitzler und mit Stefan Zweig vor allem, mit dem er befreundet war."

Undatiertes Porträt des österreichischen Schriftstellers Franz Kafka. (picture-alliance / dpa / CTK)Franz Kafkas posthumer Weltruhm ist ohne Max Brod nicht denkbar: Der Prager Freund weigerte sich, Kafkas Nachlass zu vernichten. (picture-alliance / dpa / CTK)
Über die literarische Szene in Prag schrieb Karl Kraus von Wien aus einmal: "Es brodelt und es kafkat, es werfelt und es kischt". Tatsächlich war das literarische  Leben dort sehr lebendig, es gab viele Lesungen im kleinen Kreis, aber auch Großveranstaltungen mit mehreren hundert Besuchern, bei denen berühmte Schauspieler Texte auch jüngerer Autoren lasen. Max Brod war einer der Hauptakteure dieses sehr lebendigen Literaturbetriebs. Er schrieb nicht nur selbst, sondern sorgte dafür, dass andere Autoren wie Kafka und Werfel, Verlage fanden und wahrgenommen wurden. Will man sich vorstellen, mit welch einer Energie er dabei zu Werke ging, liest man am besten den Roman "Arnold Beer", denn so manch autobiografischer Zug liegt hier in der Hauptfigur, einem energischen, gewinnenden, ideensprühendem jungen Mann, der gleichwohl nicht so recht weiß, wohin mit all seinen Talenten.

Musik: Pjotr Tschaikowsky, 18 Stücke für Klavier solo, Nr. 15

"Überhaupt wurde ihm, wenn er einmal allein mit sich zu Rate ging, nicht wohl nach all dem metallischen Getöse rings um ihn. Kam er zur Ruhe, so fand er, daß er eigentlich nichts zu Ende führte und nichts ganz von vorne begann. Eine beklemmende Traurigkeit legte sich auf seine Lunge. Was interessierte ihn eigentlich? Was wollte er auf der Welt? Was hatte er geleistet? Daß er der Gschaftlhuber nicht war, als den ihn Mißgünstige gern ausgeschrieen hätte, fühlte er sehr wohl. Seiner Redlichkeit und seiner gewissen Tüchtigkeit im Kern blieb er sich ja stets bewußt. Aber mindestens ebensoweit wie vom Gschaftlhuber war der Abstand zu der modernen Goethenatur, für die ihn manche Anhänger aus ehrlicher Überzeugung  hielten. War er allein, so fühlte er sehr wohl, dass er nicht Goethe war, nicht die in sich ruhende und daher so wirksame Vollkommenheit. Was war er also eigentlich? ... Nun, eben Arnold Beer, ein einmaliges Individuum, so und so eingerichtet, mit den und den Fehlern und Vorzügen, die man noch näher studieren, entwickeln mußte. Also mit Vorzügen auch - heraus damit! ... Er dachte nach ... Ihm fiel nichts ein..."

Schließlich findet der Hans-Dampf-in-allen-Gassen, dieser Überflieger doch eine Aufgabe, nämlich gerade das Fliegen, oder genauer die Organisation einer Flugschau. Entstanden ist "Arnold Beer", direkt nachdem Max Brod mit Kafka die Flugschau von Brescia besucht hat, und beseelt von der Begeisterung für die neue Technik macht sich nun auch Arnold Beer daran, Sponsoren zu finden, ein Flugfeld zu präparieren, die Eisenbahn zu überzeugen, einen Anschluss herzustellen:

"Kurz, Arnold glaubte endlich den Beruf gefunden zu haben, für den er paßte. Wer weiß, vielleicht lernte er selbst fliegen, vielleicht gelang ihm eine epochemachende Verbesserung, und, von dort aus gesehen, würde dann sein ganzes Leben bisher einen Sinn bekommen, alle seine mannigfachen Kenntnisse und Beziehungen würden ihn dann wie nach einem Plan zu diesem großen Ziel hingeleitet haben. Er hatte jetzt nichts im Kopf wie diese ungeheure Zusammenfassung seines Seins in einer nahen stürmisch-blitzenden Zukunft, und nur wie ein dunkler Wind wälzte sich noch der Schwall anderer Lebensverknüpfungen hinter ihm her, die Vergangenheit mit ihren Ansprüchen, die er möglichst schnell und nebenher abtat."

Musik: Pjotr Tschaikowsky, 18 Stücke für Klavier solo, Nr. 16

Die große Flugschau aber erweist sich als Luftschloss, als Reinfall und Schlag ins Wasser. Der berühmte Blériot sagt ab, sein drittklassiger Ersatz schafft es nicht, sein Gerät zu starten, finanziell erweist sich das Ganze als Katastrophe. Bevor aber die Gläubiger auf ihn einstürmen, ja bevor das ganze Ausmaß der Peinlichkeit publik wird, fährt Arnold zu seiner ihm nahezu unbekannten Großmutter in ein entlegenes böhmisches Dorf. Die Begegnung mit dieser schrulligen, nur jiddisch sprechenden Alten ist es schließlich, die seinem Leben eine Richtung verleiht. Er erkennt, dass, wer alles kann, aber nichts richtig, am besten Journalist wird:

"Wenn man schon die unglückliche Gabe der Vielseitigkeit und Gewandtheit in sich hat, diese Üppigkeit in den einzig hierfür möglichen Beruf leiten: den Journalismus. Er hatte die bescheidene Idee, dass dies allerdings nicht das Letzte, Tiefste, für die Menschheit Wichtigste sei − und doch, nun da er erkannt hatte, dass darin seine eigentliche Begabung lag und daß sein Leben eigentlich von Jugend an darauf hingezielt hatte, nun fühlte er eine Liebe zu dieser Öffentlichkeit und allseitigen Bewegung in sich, ein Feuer, das selbst einen geringeren Gegenstand geadelt hätte. Es war ja so schön: reden, schreiben, heiß sein, immer im Galopp, aus der weißen kreidigen Asphaltwüste einer ungeheueren Stadt Lorbeerhaine und grüne duftende Zedern aufreißen, alles mit sich ziehn, Bühnen gründen, Vereine, neue Stile, Warenhäuser, Reichtümer − o, es mußte glücken!"

Ein Grund dafür, dass Max Brod als Schriftsteller heute längst nicht mehr so bekannt ist wie vor 50 oder 100 Jahren, mag sein, dass er sich eher als Diener an der Sache sah und Förderer seiner Freunde. Dass er aber mehr war als ein Journalist − womöglich eben doch genialisch, eine Goethenatur, kann man anhand der neuen Auswahlausgabe wunderbar feststellen. Sein "Arnold Beer", der übrigens im Untertitel "Das Schicksal eines Juden" heißt, steckt nicht nur voll frappierender Bilder, voll Tempo und Witz, er zeichnet gleichermaßen und geradezu universal das Porträt eines Menschen wie auch das Porträt seiner Zeit.

Musik: Sergej Rachmaninov, Streichquartett Nr. 1, 1. Satz

Hans-Dieter Zimmermann: "Man versucht ja, immer Kafka zu deuten durch die Situation der Prager deutschen Juden, und so weiter. Bei Max Brod trifft das viel eher zu, sie erfahren auch viel mehr darüber. Er hat Romane geschrieben, wo das Prager deutsche Judentum im Mittelpunkt steht, wie 'Jüdinnen'. Das ist 1911 erschien, er war glaube ich 25, 26. Und das zeigt dieses Prager deutsche Judentum in der guten alten Habsburgerzeit, in dem wattierten Habsburgerreich, wie er sagt, wo man dachte, der Frieden dauert ewig, das spielt also vor dem Ersten Weltkrieg. Und dort sieht man also jüdischen Familien in Teplitz, der Kurort, wo sie zur Sommerfrische sind, wie man das damals nannte, man sieht also die Beziehung zueinander und Peter Demetz hat sehr schön gesagt: Mit Kafka hat das gar nichts zu tun, aber es erinnert manchmal an Fontane in der Art des Erzählens und an Jane Austen. Die Frage ist nämlich, wie bringt die Mutter ihre Tochter an den Mann. Das ist so eine interessante Frage. Die Alltagsprobleme, wobei nicht ganz unwichtig ist, wen man heiratet, die Alltagsprobleme bestimmen das Leben dieser Menschen. Es gibt nur eine politische Drohung, das ist auch ein Jude, der sich als Deutschnationaler fühlt, und etwas von dieser nationalen Ablehnung bis Hass ... Also das wäre mein Lieblingsroman, 'Jüdinnen' heißt er, der 1911 erschien ist."

1939 aber musste Brod Prag schließlich verlassen. Als einer von bloß zehn Prager Juden gelang ihm die Ausreise nach Palästina. Ein Großteil seiner Familie überlebte die Shoa nicht, auch sein innig geliebter Bruder Otto wird in Auschwitz umgebracht, Otto, der im eingangs erwähnten "Sommer, den man sich zurückwünscht", eine so tragende Rolle spielt. Im Grunde ist dieser Roman dem Bruder post mortem gewidmet, denn er schließt - anstelle eines Nachworts, wie es heißt − mit einer Totenklage des Catull."

Musik: Alfred Schnittke, Canon in memoriam Igor Strawinsky

Sigrid Brunk: "Und hier ist dieses schöne Totengedicht, das eben heißt:
Fern durch viele Völker und viele Meere gefahren
komme ich zu diesem Dienst, Bruder, zum Totenfest,
trostlos mit letzter Begräbnisgabe dich zu beschenken,
Anzusprechen den Staub −
Fern durch viele Völker und viele Meere gefahren
komme ich zu diesem Dienst, Bruder, zum Totenfest,
Trostlos mit letzter Begräbnisgabe dich zu beschenken,
Anzusprechen den Staub - doch vergebens, er schweigt,
Da dich selbst das frevelhafte Geschick mir entrissen,
Armer Bruder, ach, nicht mit Fug mir geraubt.
Doch indessen nimm, was als traurige Opfergabe
Uns nach altem Brauch unsere Väter gelehrt,
Nimm es, wie es trieft von vielen Tränen des Bruders,
Und in die Ewigkeit, Bruder, geh stark und getrost."

Sigrid Brunk: "Ja, da musste ich auch weinen. Ja, jetzt muss ich auch weinen. Ja, da muss ich weinen, weil es so zart ist, weil es so gar keine Anklage ist direkt, laut oder drastisch. Und das war noch so schön an Max Brod, dass er gar keinen Hass empfunden hat. Das war so seltsam, dass er auf die Deutschen keinerlei Hass empfunden hat. Zu mir hat er immer gesagt: 'Sie waren, weil ich so Skrupel hatte und furchtbare Schuldgefühle: Sie waren ein junges Kind, Sie können nichts dazu.'"

Max Brod im Mai 1959 (imago stock&people)Max Brod im Mai 1959 (imago stock&people)

In Tel Aviv war Max Brod nicht unglücklich. Obwohl seine Frau bald nach dem Krieg starb und er als Schriftsteller in Vergessenheit zu geraten drohte, schrieb er unermüdlich weiter, suchte immer neue Verlage für seine immense Produktion und fuhr jedes Jahr nach Deutschland auf Lesereise, auch wenn die Erträge kaum die Kosten deckten. Eine befreundete Familie, die in den USA reich geworden war, die Hoffers, unterstützte ihn finanziell, wurde überhaupt eine Ersatzfamilie für ihn, nahm ihn auch mit in den Urlaub in die Schweiz, da es ihm sommers in Israel zu heiß war. Er nahm die neue Umgebung mit einem gewissen Gleichmut an, reiste aber ungern im neuen Land, höchstens einmal nach Jerusalem. Auch wenn das Heimweh nach Prag nicht ausgeprägt war, blieb ihm die Stadt doch stets präsent und wohl näher als die weiße Stadt an der blauen See.

Musik: Jazep Vitols, 8 Miniaturen für Klavier solo, Nr. 5

"Seit vielen Jahren lebe ich in Tel-Aviv; aber es ist mir nie aufgefallen, daß es auch hier Nebelwetter gibt. Erst heute. Vielleicht hat es auch wirklich all die Jahren keinen Nebel gegeben. Dieser Naturerscheinung war ich jedenfalls völlig entwöhnt − in Prag war sie mir natürlich lieb und vertraut gewesen; hier jedoch, in der weißen Stadt an der blauen See, unter dem fast immer strahlenden Himmel, der sich nur im Winter durch stürzende Regenmassen trübt, hatte ich wirklich schon ganz vergessen, daß so etwas wie Nebel existiert."

Selbstverständlich nahm er Anteil am Schicksal seiner neuen Heimat, schrieb sogar einen Roman über den jüdisch-arabischen Krieg, und auch in einem der Prager Erinnerungsbücher taucht die neue, auch heute noch unfriedliche Lebenssituation auf:

"Die Büros und die Werkstätten arbeiten, die Läden und Cafés sind überfüllt, aus den Kinos strömen Menschenmassen, an der Theaterkasse steht man Schlange. Aber dann liest man in der Zeitung: da und dort hat es eingeschlagen, in ganz fernen Gassen, einen hat's im Friseurladen getroffen, zwei Frauen auf dem Markt beim Einholen. Sieben Verletzte an einem Tag. Dann wieder tagelang nichts, es wird überhaupt nicht geschossen. Plötzlich klack-klack, stundenlang − aber ins Leere."

Max Brod starb 1968, nicht arm und vereinsamt, wie es so Klischee wäre. Brod war kein Mann der Klischees, sondern aufgeschlossen, neugierig, vielleicht auch heiter bis zum Schluss.

Hans-Gerd Koch: "Es lebt jetzt noch eine Tochter von Hoffers und sie sagte: 'Max Brod war mein zweiter Vater. Ich hatte einen Vater, der eben unser Vater war, aber ich hatte einen zweiten Vater, der mir die Welt der Kultur eröffnet hat, der mich mit ins Theater genommen hat, der mir am Klavier Opernpartien vorgespielt hat, mir Klavierunterricht gegeben hat, und mich auch in die Welt der Literatur eingeführt hat". Das war seine Familie, und in deren Kreis ist er gestorben.'"

Informationen des Wallstein Verlags zur zehnbändigen Auswahlausgabe der Werke von Max Brod

Mehr zum Thema:

Hoffnung auf Revision des Urteils zu Nachlass des Schriftstellers Max Brod
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 15.10.2012)

In Kafkas Schatten
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 27.5.2009)

Streit um Kafka-Erbe ist "eine etwas merkwürdige Situation"
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 30.5.2012)

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