Max Annas: "Der Hochsitz"

    Die Welt als Fahndungsplakat

    02:52 Minuten
    Das Cover des Buches von Max Annas, "Der Hochsitz", auf orange-weißem Grund.
    Ein starkes Stück Literatur: Nach zwei in der DDR spielenden Krimis nimmt Max Annas mit "Der Hochsitz" nun die BRD der Siebziger in den Blick. © Deutschlandradio / Rowohlt
    Von Thomas Wörtche · 13.08.2021
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    Zwei Teenager, ein Bankraub und die RAF: Nach seinen DDR-Romanen widmet Max Annas sich in seinem neuen Krimi "Der Hochsitz" jetzt dem Terrorismus in der Bundesrepublik der Siebzigerjahre – und legt dabei auch alltagshistorische Juwelen frei.
    Die Provinz ist giftig. Max Annas' neuer Roman "Der Hochsitz", ein historischer Kriminalroman, der im Jahr 1978 spielt, belegt diesen Befund über die Provinz.
    In dem Buch kommen unter anderem vor: ein Bankraub, Drogenschmuggel, Terroristinnen, zwei Morde, Wahnsinn und ein ominöser Amerikaner, der Bauern für ihre Höfe irrwitzige Kaufsummen anbietet. Das alles spielt sich in einem kleinen Dorf in der Eifel ab, an der luxemburgischen Grenze.
    Hier gibt es zwar Polizei und den Zoll, aber die blicken nicht durch, und insofern sind "Ermittlungen" kein zentrales Thema in diesem Roman.
    Stattdessen wird die Geschichte hauptsächlich aus der Perspektive zweier Teenies erzählt: Sanne und Ulrike, 11 Jahre alt, immer mit ihren Fahrrädern unterwegs und oft auf einem Hochsitz anzutreffen.
    Von dort aus sehen sie viel, auch wenn sie nicht alles verstehen. Ihre Welt ist klein – sie mopsen Hanutas, um an Fußballerbildchen zu kommen, sie klauen RAF-Fahndungsplakate und schneiden Terroristenfotos aus, die sie neben den Fußballern einkleben.

    Die ganze Welt spiegelt sich in der Provinz

    Doch dann beobachtet Sanne einen Mord. Am Ende entgehen die beiden Mädchen selbst nur haarscharf dem Schicksal, ermordet zu werden – wenn nicht die zwei Frauen von der RAF… aber mehr wird nicht verraten.
    Dabei liegt die ganze Welt in einer Nussschale vor den beiden Kindern. Die skandalöse 78er-Fußball-WM im diktatorischen Argentinien, die Nazi-Vergangenheit der Gegend, repräsentiert von dem geldstreuenden Ami – eine schöne Referenz an Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" –, die Jagd auf die RAF, das Einsickern der Organisierten Kriminalität in die letzten Winkel der westdeutschen Provinz.

    Nach zwei DDR-Krimis nun ein BRD-Krimi

    Die anscheinend zufälligen Wahrnehmungen der Mädchen reichen nicht aus, die Handlungsstränge (oder besser: - fragmente) des Romans zu bündeln, auch nicht die eingelegten Passagen von anderen Erzählerinnen und Erzählern, und schon gar nicht der Showdown, der die Fraktalisierung des Erzählens auf die Spitze treibt.
    Insofern ist Annas‘ Roman auf keinen Fall als "Regio-Krimi" zu verorten. Das mechanistische Fall-Aufklärungs-Schema dieses Genres, das dem Realismus des 19. Jahrhunderts entstammt, ignoriert Annas auf nonchalante Art und Weise.
    "Der Hochsitz" reflektiert stattdessen bundesrepublikanische Geschichte mit Mitteln von heute. Eine Geschichte, die damit nicht monolithisch und festgeschrieben auftritt, sondern immer wieder neuen Interpretationsansätzen unterzogen werden muss, um überhaupt einen "Erkenntniswert" zu haben.
    Nach zwei historischen Kriminalromanen über die DDR (hier und dort besprochen) nimmt "Der Hochsitz" solchermaßen das andere Deutschland mit seiner eigenen Art von Elend ins Visier.

    Alltagshistorische Juwelen aus dem Sprachfundus der 70er

    Und natürlich erfreut Annas dabei auch noch mit seinem Sinn für sprachliche Feinheiten: Wann haben Sie das letzte Mal von "eingefleischten Junggesellen" gelesen? Oder den begeisterten Quieker, "Du Ferkel", wenn es um den außerehelichen Sex des Bürgermeisters mit seiner Sekretärin geht?
    Solche alltagshistorischen Juwelen baggert "Der Hochsitz" am laufenden Band aus. Sie machen den Roman auf allen Ebenen stimmig.
    Ein starkes Stück Literatur.

    Max Annas: "Der Hochsitz"
    Hamburg, Rowohlt 2021
    271 Seiten, 22 Euro

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