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Lesart | Beitrag vom 09.05.2020

Matthias Uhl et.al. (Hrsg.) "Die Organisation des Terrors"Wie man gewissenhaft das Böse plant

Von Gesine Palmer

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Buchcover zu Matthias Uhls "Die Organisation des Terrors - Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943-1945". (Piper)
Der Dienst- und der Terminkalender des Reichsführer SS, Heinrich Himmler, im Zeitraum Januar 43 bis März 45 wurde auf 1150 Seiten rekonstruiert. (Piper)

An Tagebücher prominenter Nazis haben wir uns gewöhnt. Aber ihre Kalender, die das Grauen bürokratisch abhaken – muss man sie wirklich für die Öffentlichkeit aufarbeiten? Gesine Palmer meint: Ja, aber nicht als Lesestoff, sondern als Realitätsbeleg.

Es gibt Bücher, die muss es geben, auch wenn kaum jemand sie ganz lesen wird. Sie sollen in den Bibliotheken stehen und einfach da sein. Damit etwas gut altmodisch, schwarz auf weiß da steht. Nachlesbar. Offenkundig nach allen Regeln der wissenschaftlichen Dokumentation erschlossen.

Ein solches Buch ist dieses. Auf insgesamt 1150 Seiten haben fünf Männer mit Hochschulabschluss, Martin Holler, Jean-Luc Leleu, Dieter Pohl, Thomas Pruschwitz und Matthias Uhl, den Dienstkalender und den Terminkalender Heinrich Himmlers in der Zeit vom 1. Januar 1943 bis zum 14. März 1945 aus drei Quellen rekonstruiert. DK ist der Dienstkalender, den Himmlers Bürostab für ihn erstellte, TK ist der Tischkalender, den der Mann selbst handschriftlich führte, und TB das Telefonbuch.

Die Herausgeber haben nicht nur das Quellenmaterial transparent aufbereitet – sie haben es auch ausführlich mit den auffindbaren Fakten und den allgemeinen historischen Umständen kommentierend verbunden. Dazu gibt es nicht nur einen Apparat von 711 Fußnoten, sondern auch einen fortlaufenden Text. Dieser wiederum rahmt in drei treu abgebildeten Blöcken überlieferte einzelne Tagesblätter ein.

Halsschmerzen nach einer der übelsten Reden der Geschichte

So lässt sich beispielsweise im Detail nachvollziehen, wie der Arbeitsalltag Himmlers etwa Anfang Oktober 1943 aussah, als er die beiden berüchtigten Posener Reden hielt. Himmler war erkältet, er hielt die erste Rede nicht im Posener Rathaus, wie oft geschrieben wird, sondern im Hotel Ostland, und sie dauerte drei Stunden. Für den Folgetag notiert er in seinen Tischkalender "Halsweh".

Am 7. Oktober trifft er sich außer mit seiner Sekretärin, Fräulein Erika Lorenz, noch mit den Sekretärinnen Benemann, Mähner, Dreyer und Hinze, und er reagiert auf eine Denunziation: Er erteilt dem Denunzianten, Gauleiter Lauterbacher, den Befehl, Reichsarbeitsdienstleiter, genauer: "Ehrenarbeitsführer" Prof. Karl Schöpke zur Strafe für "unverantwortliche Äußerungen über ein angebliches Zerwürfnis zwischen Hitler und Göring … für vier Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen, jedoch ohne ihm die Kopfhaare zu scheren; er solle als Buchhalter oder Rechnungsführer eingesetzt werden."

Wir bekommen also, sorgfältig archiviert, Einblicke in alles. Solche Strafmaßnahmen an Mitverbrechern – Schöpke war mitverantwortlich für das gezielte Sterbenlassen unerwünschter Säuglinge von Zwangsarbeiterinnen aus dem Osten – werden im selben nüchternen Ton berichtet wie eine Seite zuvor die Länge der Posener Rede. Die einschlägigen Zitate aus diesen "furchtbarsten Reden, die je gehalten wurden", werden in essentialisierter Form auch in diesem Begleittext noch einmal neben die dokumentierten Stichwortnotizen von Himmlers Hand gestellt.

Der "anständige" Himmler pervertiert den Moralbegriff

Hier möchte ich nun das Wichtigste ganz zitieren, bevor ich mich der Frage nach dem Sinn dieser Archivierungsarbeit zuwende. Himmler galt als "Der Anständige", – als der, der am deutlichsten die Verkehrung der Moral in der Führungsclique der NS-Verbrecher formuliert hat: "Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. – ‚Das jüdische Volk wird ausgerottet‘, sagt ein jeder Parteigenosse‚ ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.‘ […] Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte. Denn wir wissen, wie schwer wir uns täten, wenn wir heute noch in jeder Stadt – bei den Bombenangriffen, bei den Lasten und bei den Entbehrungen des Krieges – noch die Juden als Geheimsaboteure, Agitatoren und Hetzer hätten."

Es war, wie Hannah Arendt bemerkte, zu einer Pflichtsache geworden, die elementarsten Gebote der Moral in ihr Gegenteil zu verkehren. Zu schämen hatte sich, wer darin schwächelte und etwa beim Anblick einer gewissen Zahl von Leichen weichmütig wurde. Im übrigen waren die sogenannten Werte denen durchaus ähnlich, die vielen Menschen auch heute – in freieren ebenso wie in autoritären Welten – etwas bedeuten. Himmler pries die durch die Führung vorzulebenden Tugenden von Wahrhaftigkeit und Triebbeherrschung: Alkoholverzicht, Verzicht auf persönliche Bereicherung, Sadismus usw.

Das alles wissen wir längst. Jedenfalls weiß das alles, wer es wissen will und sich der Aufklärung über diese Fragen, die in den vergangenen Jahrzehnten geleistet wurde, nicht verschlossen hat. Es mag immer noch dieses oder jenes Detail hinzukommen, aber grosso modo wissen wir, woran wir mit unserer monströsen Geschichte sind. Was also hilft es noch, wenn immer mehr und mehr Details fein säuberlich aufbereitet in irgendwelchen Regalen herumstehen?

Wozu sind Archive da? Um in die Zukunft zu wirken!

In seiner Vorrede zu dem Büchlein "Dem Archiv verschrieben" bemerkt Jacques Derrida: "Sowohl das Wort als auch die Vorstellung Archiv scheinen für ein erstes Herangehen (…) auf die Vergangenheit hinzudeuten, auf die Anzeichen des konsignierten Gedächtnisses zu verweisen, die Treue der Überlieferung ins Gedächtnis zu rufen. (…) Ebensosehr und mehr noch (…) vorrangig (…) müsste das Archiv das Kommen der Zukunft einbeziehen."

Wenn ich die Zukunft einbeziehe, frage ich mich natürlich zuerst: Wer soll das lesen? Und wer das ernsthaft liest, was lernt er? Zunächst ist zu lernen: Auch der Anführer einer Verbrecherclique in einem monströsen Schurkenstaat ist in aller Regel eine männliche Führungskraft, die sich kraft ihres Amtes Vorbildfunktion anmaßt; die sich das Recht nimmt, andere auf Pflichten einzuschwören; die sich die Freiheit nimmt, mehr als eine Frau zu haben und sich für diese und eventuelle Kinder dann auch in Grenzen verantwortlich fühlt. Und auch das Oberhaupt der Massenmörderbande hatte manchmal, nach drei Stunden einer unsäglichen Rede, Halsschmerzen.

Ich persönlich muss das alles nicht so genau wissen. Aber wenn mir ein gebildeter Mensch, der einen Rest wissenschaftlicher Redlichkeit an sich hat, erzählen will, dass alle diese Geschichten nicht wahr seien – und so etwas kommt wieder immer öfter vor –, dann kann ich ihn in das Archiv schicken, in dem dieses Buch steht. Weil so viel an der Erforschung und Archivierung der Dokumente gearbeitet wurde und weiterhin wird, vermag ich mit der Historikerin Deborah Lipstadt nach wie vor zu sagen: Die historische Wahrheit wird auf Dauer stärker sein als alle Versuche, sie zu leugnen. Und damit das so bleiben kann, muss es immer wieder solche Bücher geben. Bücher, die einfach da sind.

Matthias Uhl et.al. (Hrsg.):
"Die Organisation des Terrors – Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943-1945"
Piper Verlag, München 2020
1150 Seiten, 48 Euro

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