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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.05.2020

Matthias Heine: "Das ABC der Menschheit"Eine Weltgeschichte des Alphabets

Moderation: Gesa Ufer

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Lettern einer Druckerpresse. (Eyeem / Jędrzej Kamiński)
Unser Alphabet lässt sich erstaunlich genau auf einen Ursprung zurückführen: Vor 4000 Jahren verkürzten semitische Arbeiter auf dem Sinai die ägyptischen Hieroglyphen zu reinen Lautwerten. (Eyeem / Jędrzej Kamiński)

Was hat unser A mit dem Kopf eines Rindes zu tun? Warum wird der Name Gaius mit C abgekürzt? Und konnte Jesus schreiben? All diese Fragen und noch mehr beantwortet Matthias Heine in seinem neuen Buch "Das ABC der Menschheit".

Gesa Ufer: Die Frage, wie Sprache sich wandelt, lässt den Autor Matthias Heine nicht los. Er hat darüber geschrieben, wie der Erste Weltkrieg die deutsche Sprache für immer verändert hat, seit wann das Wort "geil" nichts mehr mit Sex zu tun hat, und in seinem Buch "Mit Affenzahn über die Eselsbrücke" geht es um die Tiere in unserer Sprache.

Jetzt nimmt sich der Historiker, Germanist und Kulturredakteur bei der Zeitung "Die Welt" die Schrift vor: "Das ABC der Menschheit – eine Weltgeschichte des Alphabets" verspricht sein neuer Band.

Alphabete sind eine ökonomische Vereinfachung

Sie liefern Unglaubliches auf nur 250 - doch sehr kompakten - Seiten. Da stellen Sie eine Geschichte sämtlicher Buchstabenschriften der Welt vor. Das ist enorm, wir haken an der Stelle mal nach: Was unterscheidet eigentlich Buchstabenschriften von den anderen, aus welchem Motiv sind die entstanden?

Matthias Heine: Buchstabenschriften beziehungsweise Alphabete sind eine enorme ökonomische Vereinfachung gegenüber den Schriften, die es vorher gegeben hat – Bilderschriften, Silbenschriften. In Buchstabenschriften ist idealerweise jedem Laut einer Sprache ein Buchstabe zugeordnet. Je nachdem, wie viele Laute diese Sprache hat, können Sie dann eine relativ begrenzte Menge von Zeichen lernen und mit denen dann jedes Wort dieser Sprache schreiben. Das war eine große Vereinfachung gegenüber den Bilderschriften.

Die Ägypter zum Beispiel, die Hieroglyphen hatten, dann gab es die Keilschrift in Mesopotamien, das waren auch Tausende von Zeichen, das konnten nur Spezialisten schreiben, die das wirklich relativ lange gelernt haben – das kann man durchaus, ohne allzu anachronistisch zu sein, mit Computerprogrammierern vergleichen. Und plötzlich, als diese Schrift dann, das Uralphabet, vor 4000 Jahren erfunden wurde, hatten sie nur noch 22 Zeichen, die sie lernen mussten, und damit konnten sie wirklich alle Wörter der Sprache schreiben.

Scherben – die Schmierzettel der Antike

Ufer: Ich war richtig überrascht, dass man dieses Uralphabet inzwischen wohl richtiggehend rekonstruieren kann. Vor 4000 Jahren, sagen Sie, ist es ungefähr entstanden, vor allem Kalktonscherben geben ein Zeugnis ab. Die waren sowas wie die Schmierzettel der Antike. Wann schrieb man genau auf Scherben und zu welchen Anlässen?

Heine: In der gesamten Antike war das eigentlich ein billiges Schreibmaterial. Papyrus war relativ teuer, und wenn man irgendwie eine Scherbe hatte, manchmal waren es sogar auch Muscheln, also irgendwas, worauf man kritzeln konnte, dann hat man das eben genutzt. Es gab dann natürlich auch noch Ton, in den man einritzen konnte, aber das war für manche Zwecke auch nicht so geeignet, etwa wenn man beim Scherbengericht das einsammeln wollte, dann konnte man keine Tontafeln gebrauchen – oder Wachstafeln gab’s auch, das war alles nicht so gut geeignet.

Das war einfach billiges Wegwerfmaterial, und das in der gesamten Antike, mindestens seitdem es überhaupt Schriften gibt oder seitdem sie sich ein bisschen weiter verbreitet haben – 1000 vor Christus, bis dann irgendwann Papyrus und Papier allgemein verfügbar waren, aber das hat ja bis ins Mittelalter gedauert.

Ufer: Diese Tonscherben, das habe ich gelernt, die nennt man Ostraka. Und bei dem Scherbengericht wurde zum Beispiel via Tonscherbe über die Verbannung von Mitbürgern abgestimmt. Es gibt so einen ganz besonders sensationellen Fund, und zwar war das 1995, da hat ein Archäologenteam der Universität Cambridge in Theben Ostraka gefunden, die dann ein gebürtiger Deutscher entziffert hat. Was genau war an diesem Fund so spektakulär für die Forschung?

Heine: Auf diesem Ostrakon standen zwei Alphabete in alphabetischer Ordnung. Die Weise, wie die Buchstaben sortiert waren, war natürlich am Anfang noch nicht so ganz festgelegt. Es gab verschiedene Schreibweisen: Es gab das sogenannte Halahama-Alphabet, das nach den Anfangsbuchstaben benannt ist. Und es gab eben das Abgad – ABCDE hören Sie da schon heraus, nur dass das C früher ein G war. Auf dieser Scherbe, so geht die Theorie zumindest, das ist relativ gesichert, sind Übungsalphabete mit irgendwelchen Merkversen notiert, anhand derer man diese Reihenfolge der Buchstaben und die Buchstaben lernen konnte. Es ist im Grunde genommen eine Fibel.

Das ist natürlich ein ziemlich sensationeller Fund. Das ist zwar nicht das älteste Alphabet, aber wenn die Theorie stimmt – und sie ist gut untermauert und belegt – dann wäre es zumindest das älteste Beispiel, für ein Alphabet in unserer heute noch bekannten Reihenfolge.

Das A entstand aus einer Rinderhieroglyphe

Ufer: Wir kennen dieses biblische Alpha und Omega – lässt sich eigentlich rekonstruieren, wieso dieses A an den Anfang kam und ob das irgendwie hieß in klassischem Sinne?

Heine: Ja, es hieß was. Das A ist entstanden aus der ägyptischen Rinderhieroglyphe, die aussah wie ein Rindskopf – das Alphabet wurde wie gesagt vor 4000 Jahren von Semiten erfunden, die einige ägyptische Hieroglyphen genommen und ihnen Lautwerte zugeordnet haben, um dann Wörter in ihrer Sprache zu schreiben. Weil das A zu dem semitischen Wort für Rind passte, hat man eben die Rinderhieroglyphe genommen.

Aas Interessante am A ist, dass es wirklich immer noch so aussieht, wie es vor 4000 Jahren ausgesehen hat. Wenn Sie das große A, das große, gedruckte A und auf den Kopf stellen, dann erkennen Sie immer noch ein Strichmännchengesicht eines Rindes, Sie sehen ein dreieckiges Gesicht mit zwei Hörnern.

Das hat wiederum auch damit zu tun, dass unsere Großbuchstaben eine völlig andere Quelle haben als die Kleinbuchstaben. Die Großbuchstaben gehen zurück auf römische Majuskelschriften, an der Trajanssäule zum Beispiel. Das war die pompöse Staatsschrift der Römer, das haben die frühen Drucker dann aufgegriffen, und diese Schrift ist eben relativ alt.

Die ist noch relativ nah dran an der Urschrift, deswegen erkennt man bei den Großbuchstaben die Verwandtschaft mit dem Uralphabet auch eher als bei den Kleinbuchstaben, die erst im Mittelalter entstanden sind.

Ufer: Was ich bei Ihnen auch gelernt habe, G ist der einzige Buchstabe, dessen Erfinder man kennt. Kann man das so sagen? Wer war das?

Der lange Weg vom C zum G

Heine: Das war ein römischer Grammatiker, Spurius C. Ruga, der ungefähr 200 vor Christus diesen Buchstaben erfunden hat. Das ist eine Legende, wir können das nicht überprüfen, aber es ist im römischen Schrifttum überliefert und wird schon halbwegs einen wahren Kern haben. Das G – haben wir ja gelernt – gab es im Uralphabet.

Dann haben aber die Etrusker das griechische Alphabet übernommen, die es wiederum von den Phöniziern übernommen hatten, die Semiten waren, und die Etrusker hatten kein G in ihrer Sprache, keinen G-Laut, die hatten gar keinen Bedarf für einen Buchstaben, der das G ausdrückte oder bezeichnete.

Deswegen haben sie dem einen K-Laut zugeordnet, sie hatten ziemlich viel Bedarf für verschiedene K-Laute. Dann haben die Römer von den Etruskern dieses Alphabet übernommen, und die Römer brauchten aber ein G.

Da hatte man am Anfang sowohl noch C, diesen K-Laut, und G mit unserem C geschrieben, aber irgendwann war ihm das zu verwirrend. Und dann hat dieser Grammatiker der Legende nach gesagt, ich mach jetzt einfach an das C noch so einen Querstrich dran, und dann bezeichnet es das G.

Wer Latein hatte, weiß ja zum Beispiel, dass der Name Gaius immer noch mit C abgekürzt wird. Das hat damit zu tun, dass er eben lange auch mit C geschrieben wurde, das ist so ein Relikt.

Jesus konnte schreiben

Ufer: Das sind wirklich verschlungene Wege. Jetzt behandelt Ihr Buch aber eben auch so wirklich sehr, sehr interessante Nebenaspekte, zum Beispiel die Frage, ob Jesus wohl schreiben konnte. Zu welchem Schluss kommen Sie da?

Heine: Ja, man kann es nicht beweisen, aber er konnte, wenn die Quellen nicht täuschen – unsere Quellen sind die Bibel, und die Bibel als Quelle wird natürlich gerne mal angezweifelt, dann konnte er zumindest lesen. Und wer lesen kann, kann ja in der Regel auch schreiben. Es ist auch sehr wahrscheinlich, dass ein jüdischer Rabbi um die Zeitenwende herum, zur Zeit, als Jesus geboren wurde, lesen konnte.

Die überlieferten Sprüche von Jesus, die als authentisch gelten, beziehen sich häufig auf Tora-Stellen, sind Anspielungen auf Tora-Stellen, sind Auseinandersetzungen mit der Tora. Also konnte der Mann lesen, und er konnte mit ziemlicher Sicherheit auch schreiben.

Ufer: Man kann also doch wirklich zu dem Schluss kommen alles in allem, dass das moderne Alphabet, wie wir das nutzen, eine riesengroße Mischung aus vielem ist, oder?

Heine: Ja, es ist eine Geschichte von kulturellem Transfer. Zunächst zwischen den Ägyptern und den Semiten, dann von den Semiten nach Griechenland. Von Griechenland gibt es dann die verschiedenen Abzweigungen, das lateinische Alphabet ist daraus entstanden, aber eben auch das kyrillische Alphabet und natürlich das griechische Alphabet, das bis heute noch benutzt wird.

Es gibt aber auch einen Weg nach Osten. Sämtliche Buchstabenschriften Asiens, der ganze indische Schriftenkreis, die arabische Schrift, die stammen auch alle von diesem Uralphabet ab, das hat sich nur in andere Richtungen verzweigt. Die Quelle all dieser asiatischen Schriften ist das Aramäische, das sich in Asien durch das Perserreich relativ früh weit verbreitet hat und dann eine Unzahl von Tochterschriften entwickelt hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Matthias Heine: "Das ABC der Menschheit"
Hoffmann und Campe
256 Seiten, 14,99 Euro

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