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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.07.2019

Matthias Gnehm: "Salzhunger"Was treibt uns an, was macht uns gierig?

Von Frank Meyer

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Matthias Gnehms "Salzhunger" über Umweltaktivisten in Nigeria und die Machenschaften eines Rohstoff-Konzerns (Copyright Cover: Edition Moderne / Gestaltung: Deutschlandradio)
Matthias Gnehms "Salzhunger" über Umweltaktivisten in Nigeria und die Machenschaften eines Rohstoff-Konzerns (Copyright Cover: Edition Moderne / Gestaltung: Deutschlandradio)

Das zehnte Comic-Buch von Matthias Gnehm kommt als schwarzer Brocken daher, mit schwarzem Buchschnitt und Schwarz als vorherrschender Farbe im Innern. Die Story erzählt vom "Rohstofffluch" afrikanischer Länder, von Umweltskandalen und politischen Aktivisten.

Eine Erdölpipeline ist explodiert. Alles ist schwarz von Öl und von gelbweißem Feuerschein erleuchtet. Schemenhaft gezeichnete Menschen hasten dazu, mit Fässern, in denen sie Öl aufzufangen versuchen. Gleich auf der ersten Seite von Matthias Gnehms "Salzhunger" wird man hineingeworfen in seine Geschichte vom "Rohstofffluch" afrikanischer Länder und dem ungleichen Handel mit internationalen Konzernen.

"Salzhunger" hat zwei Hauptschauplätze, die in scharfem Kontrast zueinander stehen: das reinlich-reiche Zürich und die nigerianische 22-Millionen-Einwohner-Stadt Lagos. In Zürich residiert die Zentrale des fiktiven Ölkonzerns Boromondo und die NGO "Erzfeind", die Umweltskandale im Rohstoffhandel publik macht. "Erzfeind" schickt zwei Mitarbeiter nach Lagos, Paula und Arno, sie sollen dort aufdecken, wie Boromondo stark belasteten Ölschlamm illegal entsorgen lässt. Es gibt aber einen Maulwurf bei der NGO, ihre Mission wird verraten, afrikanische Verbindungsleute verschwinden und werden gefoltert, Paula und Arno kommen selbst in Gefahr.

Mit Ellenbogen und rabiatem Ehrgeiz

Zum Glück hat Matthias Gnehm aber keine Erzählung von guten Umweltschützern und bösen Konzernen konstruiert. Bei der NGO werden die Ellenbogen ausgefahren, es wird mit rabiatem Ehrgeiz um die Chefposten intrigiert. Frauen und Männer nehmen sich nichts in ihrem Drang nach ganz oben, immer natürlich im Namen ihrer guten Sache. Auch bei den Nigerianern zeichnet Gnehm ein breites Spektrum von Güte, Gleichgültigkeit und Niedertracht. So entwickelt er eine ganze Kette von Konflikten mit immer neuen Wendungen seiner Story.

Das zehnte Comic-Buch von Matthias Gnehm kommt als schwarzer Brocken daher, mit einem ungewöhnlichen schwarzen Buchschnitt, auch im Inneren ist Schwarz oft die vorherrschende Farbe. Vor den schwarzen und grauen Hintergründen fallen die sparsam eingesetzten Farben umso mehr auf. Mit Pastellkreiden und Bleistift hat Gnehm eher gemalt als gezeichnet, seine schimmernden Farbflächen stehen in einem interessanten Kontrast zu den Figuren, die oft etwas von Karikaturen haben.

Ein innerer Rohstoff

Der Titel "Salzhunger" bezieht sich auf einen inneren Rohstoff, auf den Hunger nach Leben, bei dem lethargischen NGO-Aktivisten Arno ist dieser Hunger stark eingetrocknet. Was treibt uns an, was macht uns gierig, wo greifen wir zu? Solche individuellen Fragen verschränkt Matthias Gnehm über seine Schweizer Figuren mit dem Thema des internationalen Rohstoffhandels. Gnehm hat selbst länger in Lagos recherchiert und ist dort auf einen weiteren Skandal gestoßen: die brutale Vertreibung von Einwohnern bei lukrativen Neubauprojekten. Auch das hat er in "Salzhunger" eingebaut. Ein weites Panorama, manche Themen werden kaum mehr als angestoßen, aber in ihrer Verbindung entsteht eine komplexe, konfliktgeladene Erzählung.

Matthias Gnehm: "Salzhunger"
Edition Moderne, Zürich 2019
224 Seiten, 32 Euro

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