"Matrix" als Verschwörungstheorie

Die rote Wahrheitspille gibt es nicht

Filmszene mit Keanu Reeves als Larry Wachowski alias Neo im Film Matrix Revolutions der Regisseure Andy und Larry Wachowski aus dem Jahr 2003.
Natürlich wählt Neo (Keanu Reeves) im Film Matrix Revolutions die rote Wahrheitspille. © imago / United Archives
Gedanken von Roberto Simanowski · 22.12.2021
Blaue Pille - weiterschlafen. Rote Pille - endlich die Welt erkennen. Dieses Motiv aus "Matrix" halten Verschwörungstheoretiker gern sogenannten Schlafschafen entgegen. Doch die Wahrheit, die sie meinen, gibt es nicht, sagt Roberto Simanowski.
Tomas Anderson, ein Programmierer, der als Hacker Neo ein Doppelleben führt, sieht eines Tages auf seinem Monitor eine seltsame Nachricht: „The Matrix has you“: Die Matrix hat dich. Was ist die Matrix, fragt er sich und bald auch einen Mann, Morpheus, zu dem es ihn führt.

Der stellt Neo vor eine seltsame Wahl: Er kann eine blaue Pille schlucken, dann wacht er in seinem Bett auf und erinnert sich an nichts. Oder er schluckt die rote Pille und erfährt die Wahrheit. Neo wählt natürlich die rote Pille – wer wäre nicht für die Wahrheit? – und erkennt, dass die Welt, in der er zu leben glaubte, die Simulation eines Computerprogramms ist.

"Schlafschafen" fehlt die rote Pille

Die Pillen-Szene ist so bedeutsam, dass sie einen eigenen Wikipedia-Eintrag erhielt, wo man erfährt, dass die rote Pille auch eine Transgender-Allegorie ist, denn die Wachowski-Brüder, die Autoren und Regisseure des Films, nennen sich, nachdem sie ihr wahres Geschlecht erkannt haben, nun Wachowski-Schwestern.
Die Pillen-Metapher reicht allerdings noch weiter. Sie ist zum Lieblingsbild aller möglichen Verschwörungstheoretiker geworden, die den Schlafschafen – die in der Matrix leben, ohne es zu wissen – die rote Pille empfehlen, damit auch sie aufwachen und endlich ihr Leben selbst in die Hand nehmen.

Einladung zum Missverständnis

Diesen Gebrauch ihrer Metapher kann man den Wachowski-Schwestern natürlich nicht vorwerfen. Aber es ist schon so, dass die Farbenlehre des Films zum Missverständnis einlädt. Denn die Wahl zwischen blauer und rote Pille ist im Grunde nichts anderes als eine kolorierte Variation des Schwarz-Weiß-Denkens: Hier der Betrug, dort die Wahrheit – und wir haben die Freiheit, uns dazwischen zu entscheiden.

Das ist trivial und irreführend und bleibt weit hinter dem Stand der Dinge zurück. Denn die Philosophie hatte schon 200 Jahre zuvor dem Schwarz-Weiß- oder eben Blau-Rot-Denken die Farbe Grün entgegengesetzt.

Wer legt fest, was "Wahrheit" ist?

So schreibt der Dichter Heinrich von Kleist Anfang 1801: „Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün … So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint.“

So sprach man über die Matrix, als es noch kein Kino gab und keinen Computer. Kleists Worte sind Ausdruck seiner sogenannten „Kant-Krise“, in die ihn Immanuel Kants Kritik des menschlichen Erkenntnisvermögens stürzte. Der Philosoph schrieb damals Sätze wie: „Die Vernunft kann nur das an der Natur erkennen, was sie vorher in sie hineindenkt!“

Ungeduld gegenüber dem Mehrdeutigen

Anders gesagt: Wir können das „Ding an sich“, das die Welt ist, nie an sich wahrnehmen, sondern immer nur durch die Brille unsrer Subjektivität. Bei Kleist ist diese Brille grün, aber sie könnte ebenso gelb, lila oder orange sein. Entscheidend ist, dass wir die Brille, die unseren Blick programmiert, selbst nicht sehen.
Denkfiguren, die zur postmodernen Philosophie führen, die im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts das Ich zur Skepsis sich selbst gegenüber aufrief. Davon ist nicht viel geblieben. Heute sind alle der Meinung, die Wahrheit zu kennen und das Richtige zu tun, und empfehlen der jeweils anderen Seite die rote Pille.

Selbst die Philosophie versucht unter dem Namen Neuer Realismus hinter Kant zurückzugehen. Es gibt eine große Müdigkeit und Ungeduld gegenüber dem Ungewissen, dem Relativen und der Mehrdeutigkeit.

Die Realität als Konstruktion

Die Matrix-Pillen-Anordnung ist insofern keine popkulturelle Umsetzung postmoderner Philosophie. Sie verweist zwar auf die Realität als Konstruktion – aber erstens nicht als eine gesellschaftliche und zweitens als eine, die sich durch die richtige Pille durchschauen lässt.

Wenn Matrix Resurrections, also der neue vierte Teil, zeigt, wie alle Menschen im Fahrstuhl auf ihr Smartphone schauen, erhält der gesellschaftliche Bezug der Wirklichkeitskonstruktion doch noch einen kurzen Auftritt.
Bleibt die Frage, ob der Film auch das Konstrukt der Wahrheit per Pille korrigiert. Immerhin geht es viel ums Erinnern – und was wäre subjektiver und mit mehr Skepsis zu betrachten als die Erinnerung?

Roberto Simanowski ist Kultur- und Medienwissenschaftler und lebt nach Professuren an der Brown University in Providence, der Universität Basel und der City University of Hong Kong als Medienberater und Buchautor in Berlin und Rio de Janeiro. Zu seinen Veröffentlichungen zum Digitalisierungsprozess gehören „Facebook-Gesellschaft“ (Matthes & Seitz 2016) und „The Death Algorithm and Other Digital Dilemmas“ (MIT Press 2018).

Roberto Simanowski
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